Maybrit Illner: "Riskanter Neustart – wer trägt die Verantwortung?“
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Maybrit Illner: "Riskanter Neustart – wer trägt die Verantwortung?“

Maybrit Illner, ZDF

„Jeder macht, was er will und wann er will“ – Kritik an Corona-Lockerungen bei Maybrit Illner

  • Daland Segler
    vonDaland Segler
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Bei der TV-Talkshow Maybrit Illner im ZDF war Corona mal wieder Thema. Aber die Teilnehmer diskutierten auch über die Automobilindustrie und die Bundesliga.

  • Im ZDF* ging es mal wieder um Corona*.
  • Maybrit Illner* hatte unter anderem Stephan Weil zu Gast.
  • Themen waren aber auch die Automobilindustrie und die Bundesliga.

Die Fronten werden klarer. Auch, wenn die Regierenden und Bund und Ländern Einigkeit demonstrieren. Aber die strafen die Ministerpräsidenten durch ihre Alleingänge Lügen. Dass die Kurfürsten von Bayern bis Schleswig-Holstein nicht die zwei Tage bis zur gemeinsamen Schaltkonferenz mit Berlin warten wollten, ist schon ein bemerkenswertes Zeichen politischer Kälte. Eine Kanzlerin auf Abruf kann man offenbar auch wie eine Kanzlerin auf Abruf behandeln. Das die Regierungschefin ihr Gesicht verliert: Wen kümmert's in München, Düsseldorf oder Hannover?

Maybrit Illner (ZDF): Helge Braun äußert Bedenken an Lockerungen

Der Landeschef von Niedersachsen, Stephan Weil (SPD), bei Maybrit Illner zugeschaltet, konnte denn auch nicht wirklich überzeugend erklären, warum er mit seinen Lockerungen vorgeprescht war. Er nannte seinen Stufenplan an Erleichterungen und beteuerte, er habe keineswegs die Absicht, deutscher Lockerungsmeister zu werden“. Sein Hinweis auf die Kollegen weiter südlich jedenfalls hatte etwas von einer Kinderausrede: „Ich war es nicht, der war's!“ Und Helge Braun (CDU), Chef des Bundeskanzleramts und als solcher auch zu den Düpierten gehörend, lächelte gequält und rang sich immerhin das Bekenntnis der Niederlage in der Form ab, dass er zugab: Bei den Erleichterungen für Gastronomie und Tourismus habe er auch Bedenken.

Bedenken aber zählen nicht bei der Angst der Politiker vor dem Wahlvolk. Dem muss man etwas bieten. Oder, wie Weil es formulierte: Es gebe zwei exponentiell wachsende Kurven: die der Infektionen, aber eben auch die der gesamtgesellschaftlichen Schäden.

Maybrit Illner (ZDF): Die Erfahrungen mit Corona zeigen: Man kann vertrauen

Damit war der Kernkonflikt in Maybrit Illners Talk skizziert. Auf der Seite derer, die eine Lockerung begrüßen, saß neben Weil auch Alena Buyx vom Deutschen Ethikrat. Die Professorin für Medizinethik verweis auf das in den Beschlüssen vom Mittwoch eingebaute Sicherungssystem. Das bedeute „Eigenverantwortung“. Jetzt müsse man sich eben die Landkreiszahlen anschauen. Dass die „Obergrenze von 50 Infektionen auf 100 000 Einwohner in sieben Tagen gleich mal von einer Landrätin in Thüringen ignoriert wurden – nun ja... Helge Braun (der im Übrigen für 35 Infektionen als Maßstab plädiert hatte), nahm's mit Gelassenheit: Man könne den Deutschen doch vertrauen, wie die Erfahrungen mit Corona* bisher gezeigt hätten.

„Riskanter Neustart – wer trägt die Verantwortung?“, lautete der Titel der Sendung, und Maybrit Illners Redaktion hatte mit einem Einspieler Kritik am Vorgehen der Politik erkennen lassen: „Jeder macht was er will und wann er will“ hieß es da über diesen „Flickenteppich der Exit-Strategien“. Aber die mangelnde Einigkeit war dann gar nicht der Kritikpunkt derer, die sich gegen die Lockerungen wandten.

Maybrit Illner (ZDF): Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar über Corona

Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar gab zu bedenken, dass man immer noch eher am Anfang der Krise stehe, man laviere an einem Zustand, der eben durch das Lavieren sich in die Länge ziehen könne. Die aktuellen Zahlen bezögen sich nur auf die Getesteten. Das sei „wackelig“. Rafaela von Bredow, Ressortleiterin Wissenschaft und Technik beim Spiegel, wunderte sich, dass man die zweite Phase der Lockerungen begonnen habe, bevor man die Ergebnisse der ersten kenne. Es wäre schauer gewesen, den Reproduktionswert erst viel weiter herunterzudrücken. Auch habe die Wissenschaft bei den neuen Beschlüssen keine Rolle mehr gespielt. Es sei ein „Deal“ vereinbart worden, das sei fast frivol. Im Sommer werde sich Corona wie unter einer Decke verbreiten, denn „das Virus reist mit“.

Alena Buyx argumentierte mit der Not der „verzweifelten Familien“ und anderer gesellschaftlicher Effekte. Da könnte man nicht (wie von Bredow) sagen: „Wir warten noch zwei, drei Wochen.“ Zudem würden auch Grundrechte eingeschränkt. Ohnehin würden wir mit dem Virus leben müssen, bis ein Impfstoff kommt.“ Dem schloss sich wortgleich Stephan Weil an, der von Maybrit Illner natürlich nach seiner Rolle im Umgang mit der Autoindustrie gefragt wurde. Die kleineren Betriebe der Zulieferer bereiteten ihm mehr Sorgen. Auf jeden Fall aber müsse der Markt „angekurbelt“ werden.

Maybrit Illner (ZDF): Lobbyarbeit bei der Bundesliga

Yogeshwar wandte ein, dass mit Geld für die nächste Generation nun vermutlich Technik von gestern aufgepäppelt wurde, wenn die Autokonzerne Kaufprämien aushandeln würden. Was die Rede auf die nächste offenbar erfolgreiche Lobbyarbeit brachte: den Start der Bundesliga – eine groteske Entscheidung. Auch Alena Buyx sah das Manöver kritisch, sie hätte sich mehr Engagement für die Kinder gewünscht, aber Fußball habe eben eine starke Symbolkraft. Und für Niedersachsens Landesvater verglich Geisterspiele bei Maybrit Illner mit dem „Genuss unaufgetauter Tiefkühlkost“. Für die Kinder aber werde man die Betreuungsplätze erweitern. Es müssten alle Bereiche eine Perspektive bekommen.

Ob aber die von Ethikerin Buys propagierte „Eigenverantwortung“ funktioniert? Maybrit Illner fragte zu Recht nach den Möglichkeiten der Kontrolle (die angesichts der zahlreichen Lockerungen ehe unrealistisch erscheint). Doch da hatte Stephan Weil eine Patent-Lösung: „Über den Erfolg entscheiden am Ende die Bürgerinnen und Bürger.“ Na, dann ist die Politik ja fein raus.

Zur Sendung „Maybrit Illner“

Maybrit Illner, ZDF, von Donnerstag, 7. Mai, 22.30 Uhr. "Riskanter Neustart – wer trägt die Verantwortung?“ im Netz.

Bei der TV-Talkshow Maybrit Illner im ZDF ging es um die Corona-Proteste. Boris Palmer kritisiert die Regierung - und zieht einen kühnen Vergleich.

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