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Maybrit Illner und ihre Gäste.
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Maybrit Illner und ihre Gäste.

TV-Kritik

Maybrit Illner (ZDF): Friedrich Merz-Imitationen und ein Rot-Grün-Rotes Schreckgespenst

  • Tina Waldeck
    VonTina Waldeck
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Maybrit Illner diskutiert kurz vor der Bundestagswahl in ihrem Polit-Talk im ZDF über die „Erste Wahl nach Merkel – letzte Ausfahrt Richtung Zukunft?“

Berlin - Viele jüngere Menschen kennen eine deutsche Gesellschaft ohne Angela Merkel nicht. Für mehr als drei Millionen Wählerinnen und Wähler ist die Bundestagswahl 2021 zudem die erste Wahl überhaupt – was wird da aber zur ersten Wahl? Welche Fragen sind relevant: Die Klimapolitik, natürlich, Digitalisierung, die Zukunft der Arbeitswelt oder die Rente?

In der ZDF-Runde bei Maybrit Illner diskutieren die Generationen zwischen 20 und 40 aus den Parteien der CDU, SPD, FDP und Bündnis90/Die Grünen am Tisch, während zugeschaltet „MrWissen2go“ und ein Babyboomer zudem deutliche Worte finden.

Maybrit Illner (ZDF): Viele junge Menschen wählen bei der Bundestagswahl zum ersten Mal

Sarah-Lee Heinrich ist 20 Jahre alt und Mitglied der „Grüne Jugend“ von B‘90/Die Grünen. Sie steigt in die Diskussionsrunde mit einer Kritik an Angela Merkel ein, welche zuvor theatralisch im Einspanner in ihrer Rolle als Krisenmanagerin bestärkt wurde. Für die junge Politikerin ist es jedoch ganz klar, dass Deutschland eine Regierung brauche, die nicht so weitermache wie bisher.

Genauso klar ist es aber auch für Christoph Ploß, 36 Jahre und Mitglied der CDU, dass Armin Laschet am Ende vor der SPD von Olaf Scholz liegen werde. Dabei schießt er gleich am Anfang gegen seine direkte Sitznachbarin Jessica Rosenthal, Mitglied der SPD, 29 Jahre alt und Bundesvorsitzende der Jusos. Diese führt auf, wie viele Fragen in der sozialen Gerechtigkeit unter der CDU immer noch nicht beantwortet seien. Wie könne es sein, dass selbst besser Verdienende sich nicht mal ein Zimmer, geschweige denn eine Wohnung in den Großstädten leisten könnten?

Bei allen Generationen sei doch aktuell der Wunsch für Veränderungen zu spüren, befindet Ria Schröder, 26 Jahre und Mitglied der FDP. Nur die Ideen dazu gehen in ganz unterschiedliche Richtungen. Hajo Schumacher ist 57 Jahre, Babyboomer, Journalist und Autor, der viele Impulse hat. Sein CO2-Fußabdruck ist so groß, da könnten sie alle darin baden, gibt er gleich zu Anfang mit einer erfrischend ungekünstelten Ehrlichkeit zu. Aber damals wusste er es halt nicht besser. Jetzt kennen alle die Herausforderung, aber immer noch wird zu langsam und zögerlich reagiert. Nur wartet das Klima leider nicht, bis Deutschland „mal in die Puschen kommt.”

Die Gäste bei Illner
Mirko DrotschmannZDF-Moderator, YouTuber „MrWissen2go“
Jessica RosenthalJuso-Bundesvorsitzende
Christoph PloßMdB, Vorsitzender CDU Hamburg
Sarah-Lee HeinrichMitglied Bundesvorstand „Grüne Jugend“
Ria SchröderBeisitzerin FDP-Bundesvorstand
Hajo SchumacherJournalist, Autor

ZDF-Talkrunde bei Maybrit Illner arbeitet sich an Angela Merkel ab

Mirko Drotschmann, 35 Jahre alt, Moderator und YouTuber als „MrWissen2go“, war 2005 gerade mit seinem Abi fertig, als Angela Merkel Bundeskanzlerin wurde. In seinem ersten Job musste er nach der Bundestagswahl junge Leute befragen, was sie für Erwartungen an die Regierung hatten. Da war der Klimawandel noch nicht auf der Agenda, aber der Netzausbau wurde immer wieder erwähnt und diese Erwartungen wurden enttäuscht.

Angela Merkel habe immer für den Moment regiert und damit viele Krisen bewältigt, aber zu wenig an die Zukunft gedacht, befindet er. Die Kernzielgruppe der Union liegt eben bei den 40- bis 60-Jährigen und für diese Generation ist jede Veränderung ein Risiko der eigenen, sich aufgebauten Sicherheit sowie jede neue Grenzsetzung eine Einschränkung für die sich mehr oder weniger hart erarbeiteten Freiheiten.

Auch bei der CO2-Grenze sei, wie bei jeder Grenze, letztlich klar, dass ein Punkt komme, wo eine andere Richtung eingeschlagen werden müsse, erklärt Sarah-Lee Heinrich. Maybrit Illner bringt darauf Annalena Baerbock ins Spiel, die im Triell gesagt habe, jedes Verbot sei auch ein Innovationstreiber. Mit einer Ordnungspolitik könne man dafür sorgen, das bestimmte Wege nicht mehr ausgebaut und dafür in andere investiert würden, erklärt Sarah-Lee Heinrich. Aber nicht um den Preis, sodass Leute dafür im Elend leben müssten, fügt sie energisch hinzu.

Ein Gast klingt im ZDF-Talk bei Maybrit Illner plötzlich wie Friedrich Merz

Es sei schwierig zu sagen, dass sie nur Innovationen brauchten, findet Jessica Rosenthal. Innovationen hätte es schon vor 15 Jahren geben können, es habe sie aber nicht gegeben. Die Politik müsse eine klare Richtung vorgeben und damit Sicherheit und Stabilität vermitteln. Ria Schröder nennt als Beispiel Biontech: Die Firma forsche schon seit vielen Jahren, aber als Corona gekommen sei, sei das Geld für die Entwicklung eines Impfstoffes auf einmal vorhanden gewesen. Auch für die Klimakrise solle der entscheidende Funke der Entwicklung aus Deutschland kommen und hier müsse sich der Rahmen dafür weiter verbessern, damit sich neue Märkte generieren und wachsen könnten. Natürlich würden damit auch Veränderungen kommen, aber solche, die machbar sein, die sich die Menschen wünschen und ihnen auch zuzumuten seien.

Der Staat gebe immer vor, was erlaubt sei und was nicht, führt Christoph Ploß weiter aus. Der einzige Unterschied sei die Herangehensweise der jeweiligen Parteien. Bei den Grünen dächten sie, mit Verboten erreichten sie die Ziele. Aber Tesla zum Beispiel sei nicht in einer Verbotskultur entstanden, sondern in einer Kultur, in der sich das Unternehmen habe entfalten können. Auch Fliegen sollte nicht verboten werden: Es müsse nur klimaneutral gemacht werden, wie mit Öko-Strom aus Bayern. Diese Kraftstoffe, die nicht mehr auf Öl, sondern auf Strom basieren, könnten sie dann auch in andere Länder exportieren.

Maybrit Iller (ZDF): Klimaschutz kostet Geld, rettet aber Leben

Christoph Ploß klinge sehr nach Friedrich Merz, empfindet Hajo Schumacher. Und damit erklängen die gleichen Evergreens, die er schon vor 20 Jahren gehört habe. Mit den immer gleichen Innovationsschallplatten „wir fliegen jetzt mit Öko-Strom aus Bayern”, äfft er ihn nach und verdreht dabei die Augen. Vielleicht hätten sie da wirklich eine Vorstellungskrise, zitiert er Maren Urner. Klimaschutz koste nicht nur Geld und Arbeitsplätze, es rette auch Leben, wenn man sich Corona oder das Ahrtal ansehe.

Das Problem sei , dass die Abgeordneten nur für vier Jahre gewählt werden, das heißt, sie müssten etwas machen, was sich spätestens nach vier Jahren auszahle, um wiedergewählt zu werden. Ein halbes Jahr sei schnell vergangen nach der Bundestagswahl. Bis Weihnachten werde sich mit der Koalitionsbildung aufgehalten und dann müsse sich das neue Team erst einmal einarbeiten. Die Rädchen in der Mühle seien zu langsam und der Klimawandel dazwischen ein Stresstest.

Illner-Talk im ZDF: Wenn die Gäste mit den Augen rollen

Mirko Drotschmann erklärt, dass es hier stark auf die Kommunikation ankomme. Es werde diskutiert, was es koste, die Klimakrise zu bekämpfen. Es werde aber nicht diskutiert, was die Klimakrise koste, dass es ein großes Problem mit dem Golfstrom gebe, wenn alles so weiter gehe. Gerade das Hochwasser in Deutschland sei für viele ein schockierender Augenöffner gewesen, denn daran könnten die Folgen für eine Zukunft skizziert werden: Die Maßnahmen zur Vorsorge seien das kleinere Übel im Gegensatz zu dem, was kommen werde.

Sie würde da auch schon zustimmen, wirft Sarah-Lee Heinrich ein, aber es gehe auch nicht darum, nur Horrorszenarien zu kommunizieren, sondern auch, was sich alles zum Positiven werden könnte: Es könnte den Leuten auch besser gehen, wenn sie in einer Gesellschaft leben würden, wo Menschen sich aktiver für das Klima einsetzen, die Städte schöner und ökologischer gestaltet werden würden und wo jeder gut überall gut hinkomme. Sie sollten den Menschen Sorgen abnehmen und sagen, es gibt auch soziale Klimapolitik.

Aber so wie es die Grünen wollten, sei es doch nicht sozial gerecht, sondern es solle doch teurer werden, hakt Christoph Ploß nach. Er bringt das in diesem Wahlkampf schon altbekannte Beispiel mit der auf dem Land lebenden Pflegekraft, die auf ihr Auto angewiesen ist, um auf die Arbeit fahren zu können. Diesmal ist es Sarah-Lee Heinrich, die mit den Augen rollt: Dann könnten sie sich in den nächsten Jahren ja vielleicht darauf einigen, dass der Mindestlohn endlich angehoben werde und die Pflegekräfte mehr verdienten, kontert sie. Christoph Ploß betont, dass die Löhne in der Pflege unter der CDU-Regierung stark gestiegen seien, doch wieder spricht die Mimik von Sarah-Lee Heinrich Bände: Trotzdem arbeite jede fünfte Pflegekraft im Niedriglohnsektor. Die Wahrheit lasse sich nicht schönreden.

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Auch die Rente wird im ZDF-Talk bei Maybrit Illner zum Thema

In vielen Bereichen, auch bei der Rente, werde so getan, als könne es mit allen Errungenschaften so bleiben, wie es ist, fügt Ria Schröder hinzu, aber so funktioniere es nicht. Von 2025 an gingen die Babyboomer in Rente und ein Viertel des Bundeshaushaltes fließe jetzt schon in ein Rentensystem, welches sich eigentlich selbst tragen sollte. 1,3 Millionen seien es, ergänzt Hajo Schumacher. Dann werde die jüngere Generation automatisch einen Arbeitsmarkt vorfinden, welcher dringend Leute suche und die Arbeitslosigkeit werde weniger werden. Was aber nach wie vor ein großes Thema bleiben werde, sei die soziale Schere, die in den nächsten Jahren noch weiter auseinandergehen werde, denn eine junge Generation werde mit einem goldenen Löffel aufwachsen und jede Menge erben, wogegen die anderen überhaupt keine Chance hätten, um Geld sparen zu können.

Das, was Hajo Schumacher sagt, ist ein Plädoyer für die Erbschaftssteuer und bei einer niedrigen geht Christoph Ploß da mit. Die Lebens-Arbeitszeit bis 67 Jahre anzuheben, sei außerdem ein großer Erfolg der CDU gewesen, findet er, denn wenn alle immer älter würden und immer länger gesund blieben, sei es notwendig, dass sie auch länger einzahlen müssten. Wie lange denke er selbst, dass er arbeiten werde, fragt Maybrit Illner. Und Ploß lacht, ihm mache die Arbeit Spaß. Gerade die SPD erwecke oft den Eindruck, sie müssten die Arbeit erst loswerden, um ein schönes Leben zu haben. Für Ploß ist Arbeit Teilhabe. Und viele Menschen wünschen sich seiner Meinung nach eher eine Flexibilisierung der Arbeit: Viele Ältere könnten und wollten arbeiten und da sollte man sie in Aufgaben einsetzen, die angepasst werden.

ZDF-Talk Maybrit Illner

Die Sendung von Maybrit Illner vom 16. September 2021 in der Mediathek zum Nachschauen.

Maybrit Illner (ZDF): Alle sind sich einig, dass sich etwas ändern muss

Es könne nicht sein, das Menschen mit einem Minijob und einem Zweitjob aufstocken müssten, richtet sich der Blick von Jessica Rosenthal auf Christoph Ploß. Viele Menschen würden vielleicht gerne zur Arbeit gehen, aber mache es ihnen wirklich Spaß, einen so niedrigen Lohn zu bekommen, dass sie nach ihrer Arbeit weiter arbeiten müssten?

Und selbst wenn sie die Schule mit Abi, ein Studium mit Bachelor oder Master abschlössen, bringe das nichts, wenn viele trotzdem am Ende in einem Niedriglohnsektor arbeiteten, ergänzt Sarah-Lee Heinrich und die beiden tauschen verständnisvolle Blicke aus. Auch wenn gerade wieder Angst geschürt werden solle vor dem Rot-Grün-Roten Schreckgespenst: Bei den jüngeren Leuten wirke es abschreckender, wenn sich Parteien nicht klar genug von der CDU abgrenzten, schickt auch sie noch einen sanften Hieb an die andere Tischseite. Christoph Ploß nimmt es gelassen: Da seien sie in sehr unterschiedlichen Milieus unterwegs.

Und das Problem mit den unterschiedlichen Löffeln wird auch hier an der Diskussionsrunde am Tisch sehr plakativ deutlich. Die Frage ist, welchem Milieu gelingt es am Ende, sich Gehör zu verschaffen? Die Mehrheit scheint sich zumindest sicher: Es muss sich etwas ändern, sowohl am Klima der Welt als auch im Klima zwischen den Menschen. (Tina Waldeck)

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