+
Maybrit Illner.

TV-Kritik

„Maybrit Illner – Terror in Sri Lanka“ (ZDF): Gott ist gut, der Mensch ist böse

  • schließen

Eine träge Runde wollte und konnte beim Thema Terrorismus nicht in den offenbar geplanten Religionsstreit einsteigen.

Es gibt Wochen, in denen brennt ein aktuelles Thema den Menschen gerade so heiß auf den Nägeln, dass man einfach nur die entsprechenden Gäste in einen Raum sperren und die Mikrofone anschalten muss. Und es gibt Wochen wie diese. Wo sich die Maybrit Illner-Redaktion aus Mangel an Alternativen eine halbgare Terrorismus-Überschrift vom anderen Ende der Welt nimmt und hofft, dass fünf irgendwie entfernt zum Thema kundige Menschen irgendwas dazu zu sagen haben, das 65 Minuten füllt. Das sind die mühsamsten Folgen – aber vielleicht auch diejenigen, die am realistischsten abbilden, was die Nation wirklich denkt.

Beim Thema der terroristischen Anschläge gegen Muslime in Neuseeland und gegen Christen in Sri Lanka betonen alle Gäste gleich zu Beginn, dass Religion hier eigentlich überhaupt keine Rolle spielt – nur doof, dass die Redaktion den Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime Aima Mazyek, eine Islamwissenschaftlerin namens Mürvet Öztürk, einen streitbaren Atheisten namens Philipp Möller und mit Wolfgang Bosbach einen Politiker mit einem C im Parteinamen eingeladen hat. Ob man damit wohl auf irgendetwas hinauswollte?

Anfangs verwehren sich die Gäste dem offensichtlichen religionskritischen Aufbau ganz offen – und mit teils haarsträubenden Statements. Vor allem Mazyek gibt sich als kategorischer Religions-Apologet und wagt sich mit der wilden Behauptung aus der Deckung, dass alle Religionen die Sprache der Versöhnung sprechen: „Menschen sprechen die Sprache des Hasses, nicht die Religion.“ Dieses Sentiment spiegelt nicht nur die typisch verklärte religiöse Sicht wieder, dass alles Gute von Gott und alles Böse vom Menschen kommen muss – es ist auch lächerlich einfach zu widerlegen. Jedes Kleinkind kann heute im alten Testament Stellen finden, die zur Verfolgung von Homosexuellen und Andersgläubigen, ja sogar zu Folter und Völkermord aufrufen. Und woher kamen die Konzepte vom Kreuzzug und vom Dschihad nochmal? Und der Grundsatz „Auge um Auge“? So viel zur Versöhnungslehre.

Trotzdem erfährt Mazyek erstmal Zustimmung von Bosbach und auch vom Publikum für seine Pauschalentlastung aller Religionen. So ein schön klingender Gedanke soll ja auch nicht gleich von der Realität kaputtgemacht werden. Und als der religionskritische Autor Möller dagegenreden will, stöhnt jemand: „Jetzt kommt der Theologie-Unterricht“. Wie Möller selbst sagt: „Da brauch nur ich als Atheist den Raum zu betreten, und schon sind sie beste Freunde.“

Die transkonfessionelle Waffenruhe hält aber kaum eine halbe Stunde. Schließlich kriegen Bosbach und Mazyek es doch noch hin, Religionen und vor allem religiöse Machtstrukturen scharf zu kritisieren – aber natürlich nur die der anderen, und natürlich nur in anderen Ländern. Aber von der „Alle Religionen predigen Versöhnung“-Litanei sind die Beteiligten plötzlich meilenweit entfernt. Was wohl gemeint war: Die eigene Religion im eigenen Land und im eigenen Kopf predigt Versöhnung. Findet man zumindest. Da darf dann auch endlich Bosbach über die terroristischen Tendenzen des Islams herziehen: „Aber sie können doch nicht sagen: Das hat mit Religion nichts zu tun.“ - „Sag ich ja gar nicht“, kontert Mazyek empört. Möller würde sichtlich gerne das Tape der Sendung ein paar Minuten zurückspulen lassen, wo Mazyek genau das genau so gesagt hat. Aber er belässt es bei einer frustrierten Handbewegung: Konsistenz war noch nie die Stärke der religiösen Argumentation.

Neben diesem kleinen aber vielsagenden Scharmützel hat die Sendung in Sachen Streitkultur aber rein gar nichts zu bieten. Illner selbst wechselt bei jeder Frage das Thema, scheint den Gästen weder zuzuhören noch auf ihre Antworten einzugehen. Vielleicht fühlte auch sie sich unwohl beim Gedanken, erst mit den Gästen einig zu sein, dass religiöser Terrorismus die einzelnen Parteien gegeneinander aufbringen soll – und dann die einzelnen Parteien gegeneinander argumentieren zu lassen. So entwickelt sich dank langer Einspieler und ausführlicher Diskussionen mit dem Terrorismus-Forscher Peter Neumann und der Islamwissenschaftlerin Mürvet Öztürk beinahe das Gefühl eines Brennpunkt-Sendung. Beide sind ausgezeichnete, sachliche, kompetente Wissensvermittler, die vor keiner Komplexität zurückschrecken – und haben sichtlich keinerlei Interesse an der üblichen Polemik in diesen Runden.

So plätschert eine blutleere Info-Veranstaltung dahin. Zwischendrin darf Bosbach immer mal wieder fahrige Monologe halten, die sich von „In meiner Nachbarschaft steht ja auch eine Moschee“ bis zu „Die Christen in den muslimischen Ländern träumen davon, so gut behandelt zu werden wie die Muslime in Deutschland“ hinunterhangelt. So richtig stoppen möchte ihn bei diesen Auslassungen keiner – vor allem weil keiner was zu sagen, weil längst keiner mehr weiß, worum es eigentlich geht. Erst als Bisbach von Deutschland als Musterland der Trennung von Kirche und Staat fantasiert, wird es Möller dann doch zu bunt.

Und so verplätschert eine Runde, die nie richtig in Fahrt kam und nie in Fahrt kommen wollte. Die einige Sachverhalte offen aussprach und viele andere zwischen den Zeilen offenbarte. Übrig bleibt die Erkenntnis, dass die Atheisten mit ihrem schon jetzt dominanten und immer weiter wachsenden Bevölkerungsanteil mehr Repräsentation habe sollten als den einen einsamen Mahner. Und dass die Religionen nicht an allem schuld sind – aber dass sie in rationalen Diskussionsrunden doch immer wieder eine schockierend schlechte Figur abgeben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion