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Maybrit Illner.

TV-Kritik

Maybrit Illner zum GroKo-Desaster: Der Kindertisch bestimmt die Musik

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In einer der besten Illner-Sendungen seit langer Zeit übernimmt eine neue Generation das Mikrofon – und schrammt nur knapp an einer großen gemeinsamen Vision vorbei.

So reagiert man richtig auf diese Europawahl: Als Maybrit Illner das Ergebnis als „Zeitenwende“ bezeichnet, weiß man noch nicht, ob sie es ernst meint. Dann wird das schlagzeilenmachende Rezo-Video im Einspieler als „der einzige Knaller beim Europawahlkampf“ bezeichnet – ein wenig neidisch vermutlich. Und als dann auch noch die Information nachgeliefert wird, dass das durchschnittliche Parteimitglied von CDU/CSU und SPD über 60 Jahre alt ist, möchte man reinrufen: „Genau wie der durchschnittliche Zuschauer der öffentlich-rechtlichen Sender!“ Aber es wäre gar nicht nötig gewesen, denn die Maybrit-Illner-Redaktion zeigt auf beeindruckende Weise, dass zumindest in dieser Sendung das Wahlergebnis durchaus verstanden wurde: Statt der üblichen verknöcherten Politrunde sitzen plötzlich vier junge Menschen um die 30 um Illner herum und reden über die Zukunft?! Das ist wahrhaftig eine Zeitwende.

Die erste Stunde dieses überlangen Specials muss man nicht rezensieren, man muss sie nur mitschreiben. Selten gab es so wenig Bullshit und Unehrlichkeit, so wenig Taktieren und Aufplustern in einer Diskussionsrunde – und selten war man so zuversichtlich, dass eine neue Generation mit neuen Ideen bereit für größere Aufgaben ist. Die „Wahlverlierer“ Diana Kinnert, eine ökologisch orientierte CDU-Jungpolitikerin, und Johanna Uekermann, ein Mitglied im SPD-Parteivorstand und im Präsidium, nahmen kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Fehler der eigenen Partei ging. Gemeinsam mit Florian Diedrich, als „LeFloid“ einer der einflussreichsten YouTuber, und Carla Reemtsma, der Mit-Organisatorin der„Fridays for Future”-Proteste, verstärkten sie zum einen die eigene Forderung, die Jugend politisch nicht über einen Kamm zu scheren – bewiesen aber auch eine konstruktive gemeinsame Gesprächskultur, die durchaus ähnliche Ziele anstrebt.

Den Anfang machten allerdings die beiden Journalisten Claudia Kade, Ressortleiterin Politik bei der „Welt“, und Hans-Ulrich Jörges, Kolumnist beim „Stern“. Sie legten einige bedeutende Fakten der Wahl frei (unter den Erstwählern schnitten die Grünen doppelt so gut ab wie die GroKo-Parteien gemeinsam!) und zeigten einige mögliche Wege in die Zukunft – inklusive der „Kaskade“, die von einer eventuellen Abwahl von SPD-Chefin Andrea Nahles direkt zu Neuwahlen führen würde. Schon hier gab es zahlreiche prägnante und treffende Zitate, etwa wenn Kade bei den Volksparteien selbst nach dieser Wahl noch einen „Tunnelblick, nur nach innen gerichtet,“ diagnostiziert; und gleich darauf mahnt: „Zu einer Volkspartei gehört auch die Jugend, nicht nur die über-60-Jährigen“.

So viel ungefilterte, direkte Wahrheit war selten bei Illner

Aber dann kommt das Schaulaufen ... „der Jugend“ möchte man sagen, aber LeFloid merkt durchaus korrekt an, wie albern dieser Begriff ist: „Ich bin 31 und hab zwei Kinder, also ...“ Ein Schaulaufen ist es trotzdem: Kinnert entpuppt sich als viel interessanter als die üblichen Unions-Nachwuchskräfte, sie sieht den Wahlausgang als Rückenwind für die liberalen Kräfte in ihrer Partei, die noch etwas verändern wollen. Alle gemeinsam machen sich lustig über die CDU-Reaktion auf das Rezo-Video. Wobei die CDU mit Witzen über das 11-seitige Antwort-PDF aus ihrer Pressestelle noch gut bedient ist – eine genauere Analyse der Twitter-Reaktion ihrer Abgeordneten hätte noch viel mehr Inkompetenz in den einfachsten Formen der Wählerkommunikation gezeigt. Doch wer die Reaktionen vor der Wahl schon haarsträubend fand, der wurde von Annegret Kramp-Karrenbauers absurden Auslassungen nach der Wahl zur freien Meinungsäußerung in Deutschland endgültig aus der Bahn geworfen.

An AKKs Zitaten zum Thema „Meinungsmache in einer Wahlperiode“ lässt in der Runde nun wirklich gar keiner ein gutes Haar: LeFloid holt das Grundgesetz praktisch aus seiner Jackentasche und wedelt es herum: „Wenn man sich nicht in einer Wahlperiode in eine Wahl einmischen soll – wann denn dann?“ Und: „Das ist keine Meinungsmache, das ist Meinung.“ Uekermann nennt AKKs Rede kurzerhand „totalen Quatsch“ und hebt vor allem den beleidigenden Tonfall hervor: „Es wird so getan, als könnten junge Leute nicht selber denken und selber eine Entscheidung treffen, bloß weil sie das Video von Rezo gesehen haben.“ 

Selbst das CDU-Mitglied Kinnert hält das für „Ausflüchte“, mit denen AKK davon ablenken will, dass sie „aus ihren Fehlern lernen“ sollte. Im Gegensatz zu den meisten CDU-Reaktionen begrüßt sie die Diskussion ganz offen: Das Video hatte „endlich den Effekt, dass Schulkinder mal am Abendessenstisch mit ihren Eltern über Politik diskutieren und ein Symbol haben für die Sachen, die sie vielleicht gar nicht selbst so ausdrücken konnten.“ Wie gesagt: Auch wenn die Eloquenz unterschiedlich verteilt war und ein LeFloid eher langsam und bedächtig formulierte, während Carla Reemtsma gedankenschnell und sprachgewandt war – so viel ungefilterte, direkte Wahrheit war selten bei Illner.

CDU-Mitglied Diana Kinnert ist eine echte Entdeckung an diesem Abend

In einer herrlichen Umkehrung jeder Familienfeier wird schließlich der „Erwachsenentisch“ nur als Nebenschauplatz aufgemacht, an dem nun also doch ein paar Parteigranden mitreden dürfen. Aber wer das ist, das ist noch mal eine deutliche Aussage: Sowohl der ehemalige CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz als auch die ewige SPD-Ikone Gesine Schwan sind längst Außenseiter im politischen Betrieb – und beide stimmen fröhlich im Chor des „Kindertisches“ mit ein. Schwan macht mit AKKs Bemerkungen ebenso kurzen Prozess wie die 30-Jährigen: „Das halte ich einfach für Unsinn“, „völlig abwegig“ und die Unehrlichkeit nach einer Wahlschlappe: „Das hält ja kein Mensch aus.“ 

Und Polenz, der als einer der wenigen auf Rezos Video klug reagiert hatte, analysiert die mangelnde Grundkompetenz einiger seiner Parteimitglieder in einem einzigen präzisen Satz: „Die einzelnen Mitglieder und Mandatsträger, die für eine politische Sache brennen, müssten motiviert sein, dafür im Netz zu brennen, Argumente entgegenzunehmen, zuzuhören, zu überzeugen – daran fehlt es, glaub ich.“ Das ist noch milde ausgedrückt, trifft aber den Kern des Problem: Sollte ein Politiker nicht per definitionem die Diskussion suchen, um Leute zu überzeugen und seine Position zu erklären, anstatt sich darüber zu beschweren, dass er mit diesen lästigen Bürgern jetzt etwa auch noch reden soll?

Selbst nach der „Familienzusammenzuführung“ (Illner), in der sich die Großeltern-Generation und der Nachwuchs trifft, um die Fehler der Mittelgeneration anzuprangern, gibt es noch zitierbares Gold, etwa wenn Kinnert (eine echte Entdeckung an diesem Abend) die „Parallelgesellschaft in den Parteien“ anprangert und „wie wenig Lebenswirklichkeit dort abgebildet wird, wie un-divers es dort zugeht“. Das hätten sich die Konservativen bestimmt auch nicht geträumt, dass ihr anti-muslimischer Kampfbegriff der „Parallelgesellschaften“ noch mal auf sie zurückgeworfen wird. „Wir speisen uns nicht aus dem Ideenreichtum von 80 Mio“, sondern von 500.000 CDU-Mitgliedern, resümiert Kinnert bitterlich. Und als die Diskussion dann doch mal zu fraktionieren droht, springt Polenz ein und beweist, warum er so anders ist als der Rest der CDU gerade: „Ich möchte da jetzt nicht mit Gegenangriffen arbeiten, sondern gemeinsame Ziele formulieren.“

Halbherzige Analyse der AfD-Wählerschaft im Osten

Die letzten Minuten dieser extralangen Sendung werden dann leider auf eine halbherzige Analyse der AfD-Wählerschaft im Osten verwendet, wozu sichtlich keiner der Beteiligten Lust hat. Stattdessen kristallisiert sich eine faszinierende Vision heraus, an der alle kratzen, die aber keiner ganz zu Ende formuliert: Uekermann ist die erste, die als neues Profil der SPD vorschlägt, die Klimaproblematik mit sozialen Themen zu verbinden. Kinnert und LeFloid bringen internationale und europäische Arbeit am Klima auf, Polenz redet von CO2-Abgaben, und Schwan beschreibt sogar eine Politik, die Klima-Nachhaltigkeit mit Flüchtlingspolitik, Industriepolitik und vor allem der sozialen Verteilungsfrage kombiniert.

Man möchte ihnen allen die Antwort zurufen, die einige linke Kongress-Abgeordnete in den USA nämlich kürzlich erst ausformuliert haben: Ein „Green New Deal“ muss her. Eine große Vision, ein nationales Generationenprojekt, das konzertiert grüne Jobs schafft, grüne Steuern erhebt, und grüne Projekte ankurbelt; das nicht arme Menschen ignoriert, sondern eine Umverteilung aufgrund des CO2-Fußabdrucks fördert; das nicht der Industrie eine ökologische Sperre vorschiebt, sondern sie in eine Richtung steuert, wo nachhaltiges Wirtschaften sich besser rentiert als Umweltsünden. Nicht Umweltschutz statt Wirtschaftswachstum, sondern Wirtschaftswachstum durch Umweltschutz. 

Wer diese Vision für Deutschland glaubwürdig formulieren und auch den jungen Wählern erklären kann, der wird in den nächsten Jahren politisch unantastbar vorne liegen – egal, wann die Neuwahlen stattfinden. 

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