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Max von Sydow (1929-2020).

Nachruf

Max von Sydow: Eine Partie Schach mit dem Teufel

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Zum Tod des großen schwedischen Charakterdarstellers Max von Sydow.

Große Schauspielkarrieren überspannen Generationen und Epochen, aber nur wenige Künstler haben auf ihre Kunst ausgestrahlt wie Max von Sydow. Als der Schwede 1957 in Ingmar Bergmans „Das siebte Siegel“ den Tod zu einer Schachpartie herausforderte, besiegelte dies auch ein Band mit dem Regisseur: Es war der erste von elf gemeinsamen Filmen, der zweite, „Wilde Erdbeeren“, entstand noch im selben Jahr. Ein Star war geboren, zugleich eine Leinwandpersönlichkeit neuen Typs. Bei aller Unterschiedlichkeit der Rollen verkörperte Sydow ein Männlichkeitsideal, das es bis dahin im Kino kaum gegeben hatte.

So wie sein Ritter Antonius Block in „Das siebte Siegel“ den Tod durch seine Reflektiertheit herausfordert und ihm die Zeit abtrotzt, den Lebenssinn und die Existenz Gottes zu erforschen, schien Sydow der Mann der Stunde: In die Zeit des Existenzialismus schien er zu passen wie eine männliche Juliette Greco.

Natürlich hatte es auch schon früher Stars gegeben, die zugleich Charakterdarsteller waren, Conrad Veidt, Orson Welles oder Laurence Olivier. Doch Sydow schien seine Rollen mit einer gänzlich modernen Auffassung anzugehen, und auch wenn er einen mittelalterlichen Ritter spielte, so war er vor allem Zeitgenosse.

Es dauerte ein wenig, bis auch Hollywood begriff, welche Erneuerung dieser Schauspieler für die marode Traumfabrik verheißen könnte. In „Die größte Geschichte aller Zeiten“ spielte Max von Sydow 1965 Jesus von Nazareth – eine ebenso radikale wie grandiose Besetzung durch Regisseur George Stevens: Christus war hier auch eine intellektuelle Figur, ein mitunter zweifelnder Theologe. William Friedkin musste nur wenige Schalter umlegen, um in seinem Horrorfilm „Der Exorzist“ aus von Sydow einen auf Abwege geratenen Priester zu machen. Und ist man einmal soweit gekommen, dann ist der Weg nicht weit ins Star-Wars-Universum (als Lor San Tekka in „Das Erwachen der Macht“) und – als Three-Eyed Raven in „Game of Thrones“.

Kaum jemand konnte einen solchen Ernst ausstrahlen, aber es gehörte auch viel Humor dazu, etwa bereits 1980 in der Weltraum-Farce „Flash Gordon“ aufzutreten und 1982 als König Osric in John Milius hinreißend verwegenem Actionklassiker „Conan der Barbar“. Manchmal konnte man den Eindruck gewinnen, Sydow spielte gegen das intellektuelle Image an, das ihn berühmt gemacht hatte. Tatsächlich sah man ihn bei öffentlichen Anlässen meistens lächeln, und man sah ihn oft – seine letzte Rolle in Thomas Vinterbergs Dramatisierung des Unglücks der Kursk ist noch nicht veröffentlicht.

Dass er lediglich in seinen späteren Jahren zweimal für den Oscar nominiert wurde (für „Belle der Eroberer“ und eine Nebenrolle im 9/11-Drama „Extrem laut & unglaublich nah“), gehört zu den konstituierenden Ungerechtigkeiten von Preisvergaben. Hollywood hat nicht immer besonderen Respekt für die Dramen von Intellekt und Psyche; tatsächlich hat er für keine seiner großen Rollen bei Ingmar Bergman einen wichtigen Preis gewonnen. Dabei gelang es von Sydow insbesondere, Dialoge, die wenig Sinnlichkeit offerierten – etwa den spartanischen Text von Bergmans „Die Stunde des Wolfs“ – in einen überzeitlichen Rang zu erheben. Vielleicht spielte Sydow so leidenschaftlich in Unterhaltungsfilmen, um nicht mit diesem antinaturalistischen, manchmal bewusst trockenen Spiel assoziiert zu werden. Tatsächlich aber gibt es nicht viele Schauspieler, die Bergmans Dialogen eine einerseits lebensvolle, anderseits aber auch zeitlose Kraft geben konnten.

Im Alter wurde das Rollenangebot nicht unbedingt reicher: „Wenn man älter wird“, sagte er in seinen Achtzigern, „bekommt man ältere Rollen angeboten, und oft sterben die in der Mitte des Stücks. Das ist dann traurig, aber nicht unbedingt interessant.“

Seine Frau, die Produzentin Catherine Brelet, übermittelte am Montag die Todesnachricht an die französische Zeitschrift „Paris Match“: „Es ist mit einem gebrochenem Herzen und unbeschreiblicher Traurigkeit, dass ich den Abschied von Max von Sydow am 8. März bekanntgeben muss.“

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