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Die finnische Wirtin und der sehr überzeugende chinesische Koch.

„Master Cheng in Pohjanjoki“

Bieder-kommerziell und unpersönlich: Wenn Liebe durch den Magen geht

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Mika Kaurismäkis Lappland-Romanze „Master Cheng in Pohjanjoki“ wäre gerne kulinarisches Kino.

Mika Kaurismäki ist nicht Aki Kaurismäki. Während sein Bruder früh zu einem unverwechselbaren Autorenstil fand, entwickelte sich Mika zum Generalisten. Ob im Genre- oder Dokumentarfilm, im Festival- oder Publikumskino – eine verbindende Form war in seiner Arbeit nur schwer auszumachen. Dennoch machte er sich in den 90er Jahren einen Namen mit Arthouse-Erfolgen wie „Zombie und die Geisterbahn“ oder dem prominent besetzten „L. A. Without a Map“. Während Aki eine ganze Welt verdichtete zu einem unverkennbar finnischen Minimalismus, behandelte Mika von seiner Wahlheimat Brasilien aus die unterschiedlichsten Sujets in den verschiedensten Stilen.

Obwohl die melancholische Romanze „Master Cheng in Pohjanjoki“ in Lappland spielt, ist sie doch ein Produkt dieser globalisierten Idee vom Filmemachen: Einerseits eindeutig verortet in einer visuell attraktiven Landschaft, ist die Geschichte anderseits auf eine Weise konstruiert, dass sie überall und nirgends spielen könnte.

Mika Kaurismäki überstrapaziert die Klischees

Ein Chinese Ende dreißig und sein etwa achtjähriger Sohn tauchen im nordfinnischen Dorf des Filmtitels auf, wo sie schnell zur Attraktion des örtlichen Bistro-Restaurants werden: Ebenso beharrlich wie glücklos fragt der freundliche Mann jeden Gast nach einem ominösen Finnen, dessen Name freilich ob der Aussprache nur Rätselraten auslöst. Dies weckt das Mitgefühl der Wirtin, einer ebenso liebevollen wie glücklosen Gastronomin. Wie sich herausstellt ist der Chinese zum Glück ein Meisterkoch und ihre Rettung: Erst bekocht er eine Busladung chinesischer Touristen, die aus unerfindlichen Gründen in der gottverlassenen Gegend auftaucht, dann zeigt sich ein munteres männliches Rentnerpärchen von seinen Kochkünsten verzaubert.

Immer wieder wird in den warmen Farben von Hochglanzkochbüchern der Zauber dieser Gerichte beschworen, ohne dass wir eine genauere Vorstellung von ihrem Geschmack bekämen. Die Würze liefert hingegen eine melodramatische „Backstory“: Nach dem Tod seiner Frau, der Mutter des Jungen, hat Master Cheng, wie man den Fremden nennt, sein Restaurant in Shanghai verkauft, um dem Rat eines noblen Finnen zu folgen, der ihm einmal Gutes tat. Und versprach, in Finnland läge für ihn das Paradies. Als die Suche an dessen Grabstein endet, hat Master Cheng sich bereits stellvertretend mit seinen wunderbaren Speisen bei den Dorfbewohnern bedankt und das Herz der Wirtin erobert.

Da die meisten dieser Informationen in wenige Dialoge passen, hat der Film nach etwa seiner Mitte nichts mehr zu erzählen. Dennoch wurde offensichtlich noch mehrere weitere Wochen daran gedreht, denn fast jede Szene spielt im warmen Abendlicht – um vor malerischer Kulisse zu angeln oder auf einem Floß zu musizieren.

Mika Kaurismäki - bieder-kommerziell und unpersönlich

Es ist erstaunlich, wie wenig Farbe dabei die Figuren bekommen. Der Chinese ist ein exotisches Klischee, beginnend mit den überstrapazierten sprachlichen Missverständnissen, die sich recht bald in Wohlgefallen auflösen, als sich herausstellt, dass er vorzüglich Englisch spricht. Über die Frau erfährt man viel zu wenig, um zu verstehen, warum sie offenbar ohne die nötige Befähigung ein Restaurant betreibt. Und nur darauf zu warten scheint, bis – wie in einer populären Reality Soap – ein Spitzenkoch an ihre Tür klopft und wie Mary Poppins den Laden auf Vordermann bringt.

Das lange Zeit stumm um seine Mutter trauernde Kind schließlich wird auch dann nicht lebendig, als es urplötzlich wieder zu lachen lernt. Alle Figuren, nicht zu vergessen der schrullige schwule Rentner, sind nur Platzhalter ihrer selbst. Eine grauenhaft süßliche Filmmusik schließlich legt sich über all diese Leerstellen wie Glutamat und Sojasoße beim China-Imbiss um die Ecke. Nur die postkartenhafte Landschaftsfotografie vermittelt ein wenig technische Professionalität.

Kurzum, dieser bieder-kommerzielle, unpersönliche Filmstil steht für das genaue Gegenteil eines Aki-Kaurismäki-Films. Kaum zu glauben, dass sich beide Brüder gut genug verstehen, um jedes Jahr zur Sonnenwende 120 Kilometer nördlich des Polarkreises gemeinsam das berühmte „Midnight Sun“-Filmfestival zu veranstalten. Das Kino der beiden Kaurismäkis, es steht zueinander wie Tag und Nacht.

Master Cheng in Pohjanjoki. Finnland/ China 2019. Regie: Mika Kaurismäki. 114 Min.

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