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Rudolph Moshammer - sein Leben steht im Mittelpunkt der Sendung "Lebenslinien" im Bayerischen Fernsehen.

"Lebenslinien: Rudolph Moshammer"

Maskenspiele am Hof des Modekönigs

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Eine Gesellschaftssatire im Ersten und ein begleitendes Filmporträt des Bayerischen Fernsehens erinnern an den schillernden Münchner Modeschöpfer Rudolph Moshammer.

Seiden oder halbseiden – das ist hier die Frage. Sie gilt dem 1940 geborenen, 2005 ermordeten Geschäftsmann und Designer Rudolph Moshammer, der es dank seiner exzentrischen Erscheinung in München und darüber hinaus zu einiger Bekanntheit brachte. Ein frühes Beispiel, wie sich Prominenz in bare Münze verwandeln lässt.

In dieser Woche befassen sich zwei Fernsehproduktionen mit Moshammer. Am Mittwoch, 19. September, zeigt Das Erste den unter Mitwirkung des Bayerischen Rundfunks entstandenen Fernsehfilm „Der große Rudolph“. Alexander Adolph, der nach eigenem Drehbuch Regie führte, erzählt eine erfundene Geschichte, konzentriert auf eine enge Zeitspanne. Ein kluger Zug, denn der so entstandene Film, ein satirisches, schwulstfreies Melodram, kommt Rudolph Moshammer und der für ihn so wichtigen Mutter Else womöglich näher als eine chronologische Biografie oder ein biografisch angehauchtes Stationendrama.

Angesiedelt ist das Geschehen in den frühen Achtzigerjahren. Rudolph Moshammer (Thomas Schmauser) hat sich in München einen Namen gemacht und sich mit seinem Bekleidungsgeschäft an der Maximilianstraße etabliert. Aber hinter der edlen Fassade kriselt es. Die Kosten sind hoch –  Moshammers offensiv zu Schau gestellter luxuriöser Lebenswandel trägt nicht wenig dazu bei –, die Erlöse zu niedrig. Ein Empfang in den Verkaufsräumen soll für Aufschwung sorgen. Das Investorenpaar Gerdi (Sunnyi Melles) und Toni (Hanns Zischler) nimmt den Gastgeber freundlich zähnefletschend beiseite. Er solle potentere Kunden gewinnen, die Zwillinge Konstantin und Karl-Theodor von Antzenberg (in einer Doppelrolle: Robert Stadlober) zum Beispiel, gräflicher Herkunft und Multimillionäre von Geburt. Auch Moshammers dominante Mutter Else (Hannelore Elsner) drängt ihn, aktiv zu werden, in die Medien zu gehen. Das gerade aufkommende Privatfernsehen zeigt sich interessiert.

Moshammer lässt einen Auszubildenden die Klatschpresse auswerten, recherchiert, macht sich ein Bild. Konstantin von Antzenberg, genannt Dudu, ist der stillere der Brüder, ein belesener, nachdenklicher junger Mann. Moshammer erkennt seine Chance. Und legt sich eine ungewöhnliche Strategie zurecht …

Perspektive einer Außenstehenden

Alexander Adolph erweitert die Erzählung um die Perspektive einer Außenstehenden. Evi (Lena Urzendowsky) ist aus Augsburg nach München gekommen, um eine Ausbildung als Kosmetikerin zu absolvieren. Sie findet eine Anstellung in einem Institut mit gehobener Klientel, muss aber bald feststellen, dass sie nur als Sündenbock für das Ungeschick ihrer Chefin herhalten soll. Moshammer, Kunde des Hauses, erkennt die Schikane und nimmt Evi unter seine Fittiche. Eine Aschenputtel-Geschichte, wenn auch mit wenig märchenhaftem Ende.

Diese Nebenhandlung erlaubt die Entlarvung des Blendwerks und der Bluffs der vermeintlich feinen Gesellschaft, gewährt aber auch Zugang zu Moshammers eigentlichem Charakter, zu seiner Empfindsamkeit und seinem Einfühlungsvermögen. Beides machte ihn zu einem guten Verkäufer. Und zu einem Wohltäter.

Über diesen Aspekt erfährt man mehr in der Sendung „Lebenslinien: Rudolph Moshammer - Was vom Traum geblieben ist“, die vom Bayerischen Fernsehen begleitend zum Spielfilm produziert wurde. Hier kommt noch einmal der reale Moshammer zu Wort, denn er war häufig Thema der Fernsehberichterstattung. Man sieht ihn als ranken, aufstrebenden Jungunternehmer in den typisch bunten Siebzigerjahren, später schick und schillernd als barocken Paradiesvogel mit Ludwig-II-Perücke, Menjou-Bärtchen und Hündchen Daisy, das er stets als lebendiges Accessoire mit sich führte.

Moshammers Biografie im Bayerischen Fernsehen

Steffi Illinger blättert Moshammers Biografie auf, wie er selbst sie, auch vor der Fernsehkamera, dargestellt hat: eine Jugend in gutbürgerlichen Verhältnissen, dann der finanzielle Absturz, die Trunksucht und Gewaltausbrüche des Vaters, vor dem Rudolph schließlich seine Mutter und sich über Nacht in Sicherheit brachte. Eine Erklärung für die enge Verbundenheit der beiden, die in der Öffentlichkeit zumeist gemeinsam auftraten. Zugleich eine Erklärung für Moshammers soziales Engagement. Im Fernsehfilm nur ein Werbegag, im tatsächlichen Leben offenbar ein ernsthaftes Anliegen, bis über den Tod hinaus: ein Teil von Moshammers Nachlass kam der Münchner Obdachlosenhilfe zugute. Dort ist man ihm bis heute dankbar. Und kümmert sich um die Pflege seiner pompösen Grabstelle.

Bestenfalls ansatzweise gelang es Illinger und ihren Vorgängern, hinter Moshammers sorgsam gewahrte Maske zu blicken. Dazu bedurfte es der Fiktion. Dennoch empfiehlt sich der Film aus der oft sehenswerten BR-Reihe „Lebenslinien“ als informative Begleitlektüre zum Spielfilm „Der große Rudolph“, zumal am Rande auch dessen Hauptdarsteller Thomas Schmauser und Hannelore Elsner zu Wort kommen.

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