+
Nach einem Unfall wird er zum Außenseiter.

„Die Maske“

Das zweite Gesicht

  • schließen

Mit ihrer surrealen Farce „Die Maske“ attackiert Polens spannendste Regisseurin Malgorzata Szumowska den religiösen Konservatismus.

Der polnische Konservatismus ist bereits sein eigener Exportartikel. Zumindest ex negativo, und das geschieht ihm recht: Auf Filmfestivals sind kritische polnische Filme über das eigene Land derzeit besonders beliebt. 2018 gewann die produktive Filmkünstlerin Malgorzata Szumowska für diese Satire über religiösen Fanatismus und Nationalstolz den Jury-Preis der Berlinale.

Die heute 46-Jährige zählt schon lange zu den bedeutendsten Filmschaffenden ihres Landes: Mit Julia Jentsch drehte sie 2008 das autobiografisch inspirierte Drama „33 Szenen aus dem Leben“. Diesen emotionalen Realismus entwickelte sie in der Zwischenzeit in Richtung eines bildgewaltigen, mitunter fast Fellini-haften, satirischen Kinos, in dem sie das Surreale des Alltags subtil übersteigert. Schon ihr verwegenes Okkultismus-Drama „Body“, das ihr 2015 den Berlinale-Regiebären eintrug, ging in diese Richtung.

Auch in „Die Maske“ sind es irrationale gesellschaftliche Massenphänomene, welche die Filmemacherin in ihrer Surrealität bloßlegt: Zum einen die nicht nur von religiösen Fanatikern bejubelte monumentale Jesus-Statue im Dorf Swiebodzin; zum anderen eine landesweit als medizinische Pioniertat gefeierte Gesichtstransplantation.

Szumowska lässt einen Arbeiter in den hohlen Sockel des Monuments stürzen, worauf man ihm das Gesicht eines Toten transplantiert. Anfangs zum Helden stilisiert, muss sich der arme Mann bald von der Dorfjugend „Schweinsgesicht“ schimpfen lassen. Die hatte noch zu Beginn des Films nach einer Schlachtung mit einem Schweinskopf ihre Spiele getrieben.

Groteske Rituale gibt es viele in dieser lose verbundenen Szenenfolge: etwa eine Shopping-Orgie in Unterwäsche, rassistische Witze bei einem Wodka-trunkenen Familienfest oder lüsterne Nachfragen des Priesters bei der Beichte. Szumowska zeigt eine in ihrem Konservatismus versteinerte Gesellschaft, die dennoch nach Ekstase giert. Aber wo ist sie zu finden? In Superlativen des Baugewerbes, das nicht mehr Plattenbauten, sondern Jesus-Figuren in Beton errichtet? In der Gier nach Wundern, wie sie der Sozialismus mit technischem Fortschritt verband?

In Ostblock-Zeiten genoss das polnische Kino erstaunliche Freiheiten. Nicht nur formal, auch in ihrer oft religiösen Metaphorik blieben Wajda, Kieslowski oder Zanussi weitgehend unbehelligt. Szumowska studierte an der berühmten Filmhochschule bei Wojciech Jerzy Has, dessen surreales Meisterwerk „Die Handschrift von Saragossa“ zu den einflussreichsten polnischen Filmen zählt. Szumowska steht nicht nur in dieser Tradition, ihre letzten Filme wirken geradezu wie Manifestationen eines visuell experimentellen Kinos, wie es einst die europäische Filmkunst prägte, im semi-kommerziellen Förderkino aber nur noch selten anzutreffen ist. Tatsächlich sind ausgerechnet Polen und Ungarn bei allem politischen Konservatismus gegenwärtig die besten Quellen für visuell fordernde Filmkunst.

Großen Anteil daran, dass „Die Maske“ bei aller Überdeutlichkeit nie plakativ wirkt, hat Michal Englerts Kamera: Mit gesetzten Unschärfen entrückt er die Inszenierung von der Eindeutigkeit des von ihm mitverfassten, oft zu sehr pointierten Drehbuchs. Mitunter kann man auch den Eindruck bekommen, dass das starke visuelle Konzept etwas Unausgegorenes begradigt. Das Ergebnis ist einerseits erfrischend unkonventionell, erreicht andererseits aber auch nicht die Qualität der eigenen Vorbilder. Denn die polnische Filmkunst der siebziger und achtziger Jahre stellte ihre Bildgewalt in den Dienst faszinierender Geschichten.

Die Maske. Polen 2018. Regie: Malgorzata Szumowska. 91 Min.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion