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Maryam Touzani Kinofilm „Adam“: Das Brot der Bäckerin

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Von: Daniel Kothenschulte

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Lubna Azabal als Abla.
Lubna Azabal als Abla. © Grandfilm

Eine Entdeckung: „Adam“, das Regiedebüt der Marokkanerin Maryam Touzani, erzählt vom Exil einer jungen Schwangeren in einer Backstube in Casablanca.

Zwei Frauen in Nahaufnahmen. In einer kleinen Bäckerei in Casablanca hat Samia bei der resoluten Inhaberin Zuflucht gefunden. Die junge Frau ist hochschwanger und versteckt sich vor ihrer Familie, bis sie das Kind zur Adoption freigeben kann. Die Bäckerin hat sie vor der Haustür aufgelesen, will sie aber nur wenige Tage dulden. Offensichtlich trägt die alleinstehende Mutter einer etwa siebenjährigen Tochter selbst etwas auf der Seele.

Niemand macht viele Worte im Spielfilmdebüt der aus Tanger stammenden Filmemacherin Maryam Touzani. Die Intimität ihres Kammerspiels entfaltet sich in den enggefassten Einstellungen einer Handkamera, die scheinbar flüchtig auftritt, aber nichts dem Zufall überlässt. Tatsächlich ist es die unaufdringliche Wärme dieser mit ihren kurzen Schärfentiefen impressionistisch anmutenden Bilder, die eine ganz ungewöhnliche Nähe transportiert. Die polnisch-französische Bildgestalterin Virginie Surdej ist die Meisterin dahinter.

Es ist ein Film, der sich zu einem guten Teil in fotografischen Porträtstudien erzählt. Die faszinierenden Gesichter gehören der namhaften marokkanischen Darstellerin Lubna Azabal in der Rolle der verschlossenen Bäckereibetreiberin Abla, dem für diese Rolle bereits mehrfach ausgezeichneten Jungstar Nisrin Erradi als Samia und der Kinderdarstellerin Douae Belkhaouda.

Ihrer Figur kommt eine zentrale Rolle zu in dieser Geschichte über Mutterschaft, über Werden und Verlust. Wenn das Kind neugierig den Bauch der Schwangeren berührt, kann diese den Schmerz nicht ganz verhehlen, den ihr diese Grenzverletzung bereitet. Schließlich muss die Entscheidung, wie es mit dem Baby nach der Geburt weitergeht, ihre eigene bleiben.

„Uns gehört wenig wirklich“

Man erfährt lange sehr wenig über die Protagonistin, darüber, was ihrer Schwangerschaft vorausging und über die Familie, der sie nichts über ihre Situation verrät. Dafür öffnet sich ihr in dem fremden Haus ein fast metaphorisches Panorama über die Unwegsamkeiten eines künftigen Lebens. Die Erzählung ihrer Gastgeberin über den Tod ihres Mannes handelt von der noch immer bestehenden Entrechtung der Frauen. Nicht einmal die Abschiednahme ist ihr bei der patriarchal organisierten Trauerfeier möglich gewesen. „Ich konnte seinen Geruch kein letztes Mal einatmen. Der Tod gehört nicht den Frauen.“ – „Uns gehört wenig wirklich“, antwortet Samia.

Wie modern hatte die Filmemacherin dagegen den Spielort Casablanca in den ersten Szenen erscheinen lassen, als die Kamera kurz eine westlich gekleidete Teenagerin mit offenem Haar fixierte. Tatsächlich gehört auch die Option eines selbstbestimmten Lebens in das Panorama, das sich dieser Exilantin aus dem Dorf eröffnet. Mit einem besonderen Talent hält sie nicht hinter dem Berg: Wie sich herausstellt, versteht Samia weit mehr vom Backen als ihre Gastgeberin.

In einer sinnlichen Inszenierung erleben wir eine kurze Lehrstunde im Teigkneten. Dies ist nicht der erste Film, der den Weg der Liebe, die bekanntlich durch den Magen geht, bis zur Essenszubereitung zurückverfolgt. Aber in der körperbetonten Regie, die diese Selbstfindungsgeschichte mehr als alles andere charakterisiert, wird kein Klischee daraus.

Der dramatische Konflikt lässt sich durch Glücksmomente jedoch nicht vertreiben. Er steht praktisch im Kalender. Wird sich die junge Frau wirklich nach der Geburt von ihrem Kind trennen und in ihr Dorf zurückkehren und irgendeinen Mann heiraten? In einem Film, in dem Männer keine Rolle spielen, sollte der Filmtitel schon einmal stutzig machen: „Adam“.

Dies ist nicht die Sorte Film, die durch überraschende Plot-Twists von sich reden macht. Die Kunst dieses grandiosen Debüts liegt in der vollendeten Selbstverständlichkeit der Form. Auch hierin liegt ein Bekenntnis zur Unabhängigkeit.

Adam. Marokko, Frankreich 2019. Regie: Maryam Touzani. 98 Min.

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