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Jessica Cressy als Frau, wegen der er die Schriftstellerei erlernt, Luca Marinelli als Martin Eden.
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Jessica Cressy als Frau, wegen der er die Schriftstellerei erlernt, Luca Marinelli als Martin Eden.

Kino

„Martin Eden“ im Kino: Klassenverhältnisse

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Späte Premiere nach dem Lockdown: Pietro Marcellos wunderbare Neuverfilmung von Jack Londons „Martin Eden“ kommt endlich ins Kino.

Die Corona-Krise hat Filme zu Treibgut werden lassen. Erst Jahre nach ihren Festivalpremieren schippern manche bei uns an, und die bange Frage lautet: Wie ist die Zeit der kostbaren Ladung bekommen? Interessiert sie uns noch? Ist sie verdorben oder gereift wie edler Wein?

„Martin Eden“, die Jack-London-Verfilmung des Italieners Pietro Marcello, haben wir hier schon einmal besprochen, beim Venedig-Festival 2019: Nicht ganz negativ, aber auch nicht begeistert. Vielleicht war es der Überfluss eines prallvollen, attraktiven Programms oder schlichte Übersättigung, mea culpa. Danke, Corona, für diese zweite Chance. Auch das kann Filmkritik bedeuten: Wiedersehen und Neusehen. Und wenn es sein muss und um in der Sprache des maritimen Sujets zu bleiben: zurückrudern, warum denn nicht.

Jack Londons Roman um einen Matrosen, der aus Liebe zu einer jungen Frau aus der Oberschicht die Schriftstellerei erlernt, gilt als sein anspruchsvollster. Schon im Jahr 1914 gelang dem Filmpionier Hobart Bosworth unter der Mitwirkung des Schriftstellers eine Verfilmung von bemerkenswertem Realismus und fast chaplinhafter Poesie. Marcello hat sich den nur in einer unvollständigen, schwer beschädigten Kopie erhaltenen Film offensichtlich genau angesehen. Kleine Details der Inszenierung erkennt man wieder, etwa wenn Eden zum ersten Mal keine Ablehnung von einem Verlag erhält und sich ein kleines Mädchen mit ihm freut. Sogar den fragilen Charakter des Zelluloidfilms ahmt er an einer Stelle nach.

Gefundenes Filmmaterial taucht immer wieder in seinen Montagen auf; das frühe Kino war eine Zeit des ästhetischen Überschusses. Wie die faszinierende, blau viragierte Aufnahme eines Segelschiffs, die sich erst bei ihrem weiten Aufscheinen als raffinierte Trickaufnahme entpuppt – da verschlingen es die Fluten. Diese Fundstücke brechen auf, was der Regisseur doch zugleich respektiert: Die geradlinige Dramaturgie einer ganz bei seiner Hauptfigur angelegten Initiationsgeschichte. Das sich dabei stetig erweiternde und revidierende Selbstbild Martin Edens inspiriert einen sich stets erneuernden visuellen Fluss.

Hauptdarsteller Luca Marinelli erhielt in Venedig den Darstellerpreis für seine Verkörperung eines sich kontinuierlich vertiefenden Charakters. Ebenso leichthändig und fließend integriert Marcello die politischen Ebenen der Erzählung: Edens nur begrenzt ermöglichten sozialen Aufstieg, seine Auseinandersetzungen mit Sozialismus, Anarchismus und Herbert Spencers Sozialdarwinismus.

Mit einem einfachen Kunstgriff bricht er dabei mit den Konventionen eines historischen Naturalismus: Während einige Figuren aus der Oberschicht dem Kostümstil der Jahrhundertwende treu bleiben, spielen andere Szenen im italienischen Faschismus; Edens tragbare Schreibmaschine ist dagegen ein Produkt der sechziger Jahre, wie auch das Setting schließlich bis in die Siebziger führt. Jede Epoche bestätigt die Zeitlosigkeit des Themas von Jack Londons zentraler Aussage, der Anklage wider die Klassenschranken. Vielleicht werden wir in Europa den Rassismus einmal besiegt haben, die Klassenschranken aber bleiben uns wohl noch eine Weile erhalten.

Aber der anachronistische Erzählstil ist auch keine Wiederholung von Christian Petzolds ähnlich operierender Verfremdung in „Transit“ – dafür ist Marcellos Montagekino viel zu schwelgerisch: Noch unbefangener als in der die Chronologie sprengenden Ausstattung springen einzelne unterlegte Chansons durch die Zeiten – aufdringlich aber ist all das nie. Wie verwegen hier Bilder und Töne hoch emotional zusammenfinden, zeigen etwa die Szenen, in denen sich Eden nach dem Suizid seines Mentors, des Philosophen und Dichters Brissenden (Carlo Cecchi), zu verlieren droht.

Bereits auf halbem Weg ins Pathos, rettet sich Regisseur Marcello mit der Filmmusik, die Marco Messina und Sasha Ricci übernahmen. Hier ist es ein Stummfilmpianist, der kunstvoll und mit den besten Absichten danebengreift. Und wieder sind wir zurück beim frühen Kino. Aber das Ergebnis ist keine Nostalgie. Es ist eine Art akustische „art brut“, roh, unartikuliert und wahr. Was für eine herrliche Metapher für die Mühen des autodidaktischen Dichters, die dieser gerade überwunden hat.

In einer Szene, längst ist er als Autor etabliert, beschimpft er sein Publikum: Heute liebe ihn jeder, der ihn in seinen Anfängen verschmäht habe. Was noch einmal die Frage aufwirft: Wie konnte uns dieser wunderbare Film in seiner ganzen Poesie und Verwegenheit beim ersten Sehen verborgen bleiben? Braucht es manchmal einen Lockdown, um wieder hinzuschauen? Hoffen wir, dass dieser einsame Segler von einem Film in der plötzlichen Flut der Kinostarts nicht untergeht.

Martin Eden. Italien 2019. Regie: Pietro Marcello. 129 Min.

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