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Polanskis „J’accuse“: Jean Dujardin als Dreyfus und Louis Garrel als Picquart.

Filmfestival Venedig

„J’accuse“: Gift des Antisemitismus, Pest der Medienmanipulation

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Meisterliches in Venedig: Roman Polanski setzt der Dreyfus-Affäre ein Mahnmal, Noah Baumbach berührt mit „Marriage Story“.

Die erste Dokudrama-Serie der Geschichte entstand bereits 1899. Unter dem Titel „L’affaire Dreyfus“ bebilderte der Filmpionier Georges Méliès elf Folgen lang, was über den Spionagefall seit 1894 berichtet worden war. Auch wenn die falsche Verurteilung des Offiziers auf Grund gefälschter Dokumente erst durch die kriminologische Beharrlichkeit des Oberstleutnants Picquart ans Licht kam, bot der Fall für die einminütigen Stummfilmfolgen noch genügend Schauwerte: „Dreyfus in Ketten gelegt“ etwa lautete der Titel von Folge vier. Der Filmpionier war Geschäftsmann genug, dass er wusste, dass ein und dasselbe Bild die Verfechter von Dreyfus’ Rehabilitierung ebenso erschüttern mochte wie es seine Feinde agitieren würde.

Weltpremiere von Polanskis neuem Film

In Roman Polanskis neuem Film, der am Freitag in Venedig Weltpremiere feierte, dauert diese Szene nur wenige Augenblicke. Sie fügt sich ein in einen klassischen historischen Kriminalfilm, der seine Heldenfigur Picquart kaum je aus den Augen lässt. Der gewissenhafte Offizier, der sich allen Anweisungen seiner Vorgesetzten, die ihn zur Vertuschung drängen, entgegenstellt, der schließlich einstweilen selbst im Gefängnis landet, ist eine Detektivfigur wie aus einem Krimiklassiker. Louis Garrel spielt ihn mit fast unfehlbarer Selbstkontrolle.

Naturgemäß tritt das Opfer, zumal fast die ganze Spielzeit weggesperrt, dagegen in den Hintergrund. Fast hilflos tritt der nach langer Haft rehabilitierte Mann seinem Retter gegenüber, der es inzwischen zum Minister gebracht hat. Es ist eine traurige Begegnung; seine entgangenen Beförderungen kann ihm auch Picquart nicht mehr verschaffen. Die öffentliche Meinung hat sich – ungeachtet der Tatsachen – weiter antisemitisch verschärft.

Und was ist mit den vielen anderen Opfern der Affäre, der jüdischen Bevölkerung, die in diesen Jahren einen dramatischen Anstieg antisemitischer Gewalt erlebte? Polanski, dem Überlebenden des Krakauer Ghettos, reichen wenige Szenen, um Schatten auf das kommende und leider auch das 21. Jahrhundert voraus zu werfen. Aber er überorchestriert hier nichts.

Messerscharf reiht er Spur um Spur, ein Überschuss an Ausstattungsdetails macht bewusst, wie fortgeschritten die Kriminalistik einerseits schon war – und doch wie manipulierbar: wenn Handschriften einerseits in fotografischen Vergrößerungen erschlossen werden können, lassen sie sich erst recht im Anschluss grotesk uminterpretieren.

Polanski ist der große Wurf gelungen

Fake News sind kein Phänomen des 21. Jahrhunderts, wie man weiß, und Polanski hält mit seinem Interesse an diesem Thema nicht hinter dem Berg. Seit ihn die Presse 1969 zum Mordverdächtigen im Fall seiner Frau gemacht habe, erklärte er kürzlich in einem Interview, sei er mit diesem Thema vertraut: „Sie stellten eine Beziehung zwischen meinem Film ,Rosemarie’s Baby‘ und dem Satanismus her. Das hat ihnen schon gereicht, bis nach Monaten die Schuldigen gefunden waren.“

Grundlage für „J’accuse“ ist Robert Harris’ Tatsachenroman „Intrige“. Doch Polanski setzt nicht nur ein Puzzle aus verwehten Spuren wieder zusammen. Einerseits gönnt er dem Zuschauer Einbrüche überraschender kompositorischer Schönheit – wenn etwa eine Straßenszene an den Impressionisten Gustave Caillebotte erinnert oder die blassen Farben einer Armeeszene an die frühen Autochrome, die ersten Farbfotografien. Andererseits bricht er die Spannung mit typischen Polanski-Momenten: Einmal, im Augenblick größter Bedrängnis – Picquarts Wohnung ist gerade durchsucht worden, private Dokumente sind entwendet – lässt er sich den Offizier einfach an den Flügel setzen.

Auch in Venedig zu sehen: Laurie Andersons Mondfahrt und die Wettbewerbsbeiträge „The Painted Bird“ und „The Domain“

Man kann diesen Film konventionell nennen, was er im Vergleich zu Polanskis großen Klassikern auch ist. Aber wenn eben ein klassisches Historiengemälde für ein Sujet nun einmal eine gute Wahl ist, wenn faktisches Erzählen nun einmal geboten ist, wenn eine uferlose Intrige das Thema ist: dann ist Polanski genau der große Wurf gelungen, den sich dieses Festival erwartet hat. Nach „Der Pianist“ hat Polanski noch einmal einen bleibenden filmischen Erinnerungsstein gesetzt – zum Gift des Antisemitismus, zur Pest der Medienmanipulation.

„Marriage Story“, das zweieinhalbstündige Scheidungsdrama

Wer nach makellosen Filmen suchte, wurdein Venedig überraschend schnell fündig. Noah Baumbach, der beste amerikanische Komödienautor seit Woody Allen (vielleicht muss man schon sagen: nach Woody Allen), hat sich selbst übertroffen. „Marriage Story“, das zweieinhalbstündige Scheidungsdrama mit Scarlett Johansson und Adam Driver, hießt nicht nur fast wie ein bekannter Ingmar-Bergman-Film. Es ist tatsächlich eine Art zweites „Szenen einer Ehe“, von einem zweiten Ingmar Bergman – aber einem Bergman mit einem ausgeprägten Sinn für Humor. So gesehen ist es also wirklich ein Film, den Woody Allen gerne gedreht hätte.

Der Verfall einer Künstlerehe – er ist ein anspruchsvoller Bühnenregisseur, sie die Hauptdarstellerin seiner New Yorker Off-Theatertruppe – erschließt sich nur aus Zwischentönen. Was sich als einvernehmliche Trennung ankündigt, wird unversehens zum Ehekrieg. So plötzlich wie man einen Schalter umlegt, endet, wie es scheint, alle Vernunft. Nicht, weil jemand bösartig geworden wäre. Nur, weil plötzlich die teuersten Anwälte involviert sind.

Zu stoppen ist der Wahnsinn nicht, aber Baumbach zeichnet ein so genaues Psychogramm unausgesprochener Enttäuschungen, nicht aufgemachter Rechnungen, nie beklagter Kränkungen, dass ein völlig unorthodoxer Beziehungsfilm dabei entsteht. Wenn man bei aller Tragik dennoch seltsam beglückt aus dem Kino kommt, dann weil eben auch in Kafka eine Menge Komödien versteckt sind. Man muss nur wissen, wie man sie zu Tage fördert.

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