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ZDF: Markus Lanz wirft Innenministerin „Übergriffigkeit“ vor

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Von: Michael Meyns

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TV-Talk bei Markus Lanz am 8. November 2022.
TV-Talk bei Markus Lanz am 8. November 2022. © Screenshot ZDF

Wird Deutschland moralisch? Zunehmend wird die Debatte um Geschäftsbeziehungen mit autokratischen Staaten, aber auch die Frage der Fußball-WM in Katar mit moralischen Kriterien geführt.

Hamburg – In wenigen Tagen beginnt die – gelinde gesagt – umstrittene Fußball-Weltmeisterschaft in Katar. Dass die WM nie in das Wüstenland hätte vergeben werden sollen, ist inzwischen weitestgehend Konsens, aber nun ist es so, was also tun? Jochen Breyer, ZDF-Sportexperte, hat gerade die Dokumentation „Geheimsache Katar“ gedreht und berichtete bei Markus Lanz im ZDF über die Schwierigkeit in einem autokratischen Staat wie dem Emirat Katar journalistisch zu arbeiten.

Freie Berichterstattung ist kaum möglich, gerade wenn es um Fragen wie Frauenrechte oder Homosexualität geht. Fußballfans seien die Kataris allerdings schon, wusste Breyer zu berichten, immerhin, aber ob das als Rechtfertigung reicht, eine WM 2022 in Katar auszutragen? „Die Vergabe der Welt an Katar zeigt, dass man mit Geld wirklich alles erreichen kann“, sagte Breyer bei Markus Lanz im ZDF, doch die wahren Schuldigen sieht er woanders: „Wir müssen aufhören, auf Katar zu zeigen, sondern auf die, die davon profitieren, zum Beispiel den FC Bayern München und Karl-Heinz Rummenigge.“ Viel wurde vor einigen Jahren über die zwei Rolex-Uhren geschrieben, mit denen Rummenigge von einer Veranstaltung in Katar zurückkam, angeblich nichts weiter als Geschenke von einem Freund. Welche Geldflüsse dazu geführt haben, dass die WM nach Katar vergeben wird, dürfte nie ganz bekannt werden. Aber machen wir uns nichts vor: Auch die WM 2006 kam nicht nur deswegen nach Deutschland, weil Franz Beckenbauer so ein jovialer Mensch ist.

Sylvia Schenk bei Markus Lanz gegen WM-Boykott

Sylvia Schenk, Ex-Spitzenleichtathletin und Sportexpertin bei „Transparency Int. Deutschland“ meinte dagegen, dass die WM-Vergabe auch positive Entwicklungen angestoßen hat. Sie sprach sich bei Markus Lanz im ZDF deutlich gegen einen Boykott der WM aus, denn das wäre genau das falsche Signal.

Die Hoffnung, dass internationale Sportereignisse tatsächlich eine positive Entwicklung habe, bezweifelte Mark Schieritz, wirtschaftspolitischer Korrespondent bei der „Zeit“. Schon die Olympischen Spiele in Sotschi oder Peking haben gezeigt, dass der kurze Moment, in dem die Welt auf diese Länder blickte, folgenlos vorbeiging und ohne positive Konsequenzen blieb.

„Markus Lanz“ im ZDF am 8. November 2022Die Gäste der Sendung
Marie-Agnes Strack-ZimmermannFDP-Politikerin
Jochen BreyerZDF-Sportexperte
Sylvia SchenkEx-Spitzenleichtathletin
Mark SchieritzJournalist

Doch wie schlimm ist die Lage in Katar eigentlich? 6500 Arbeiter sind bei Bauarbeiten für die WM-Stadien gestorben, das behauptete vor Jahren ein Artikel im Guardian. Doch diese Zahl scheint nicht belegt zu sein, wurde in der Folge aber immer wieder zitiert. Geradezu empört zeigte sich Sylvia Schenk über diese „Falschinformation“, in Wirklichkeit seien viel weniger Bauarbeiter ums Leben gekommen. Wie viele allerdings zu viel wären, darauf wollte sie sich bei Markus Lanz im ZDF nicht festlegen.

Ist die Kritik an Katar ein Beispiel der westlichen Doppelmoral?

Ähnlich apologetisch argumentierte die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die darauf hinwies, dass große Sportereignisse immer wieder in Autokratien vergeben werden und immer wieder für politische Zwecke benutzt und missbraucht wurde. Was es nicht besser macht, dass die aktuelle WM im Katar stattfindet.

Oder ist die Kritik an Katar ein Beispiel der westlichen Doppelmoral, wie es Markus Lanz in seiner Sendung fragte? „Übergriffig“ sei es gewesen, dass Innenministerin Nancy Faeser in Katar Sicherheitsgarantien für Homosexuelle gefordert habe. Eine doch etwas steile Behauptung. Lanz versuchte Faesers Reise mit dem Besuch von Robert Habeck in Katar zu vergleichen, als der Wirtschaftsminister um Gaslieferungen buhlte und ein unglückliches Foto entstand. Ist es moralisch vertretbar, einerseits in Katar um Gas zu betteln, andererseits Kritik am Rechtssystem zu üben?

Markus Lanz im ZDF: Am Ende entscheidet man selbst

„Es ist nicht einfach, in einer schmutzigen Welt sauber zu bleiben“, sagte Mark Schieritz dazu, der vor wenigen Tagen den Kanzler auf seiner umstrittenen China-Reise begleitet hatte. Wie kann man den für ein Export-Land wie Deutschland lebensnotwendigen Handel mit China betreiben und gleichzeitig die Menschenrechte im Auge behalten? Druckmittel hat Deutschland gegenüber China kaum, mehr als die wirtschaftlichen Verflechtungen zu diversifizieren scheint kaum möglich.

Doch allein, dass inzwischen so intensiv über moralische Fragen diskutiert wird, könnte man als Erfolg betrachten. Wie Marie-Agnes Strack-Zimmermann bei Markus Lanz im ZDF richtig bemerkte, markierte der Überfall Russlands auf die Ukraine diese Zeitenwende. Dadurch wurde auch politisch wenig interessierten Menschen klar, wie problematisch die wirtschaftliche Verflechtung mit autokratischen Regimen sein können. Diese Abhängigkeiten zu reduzieren, dürfte für die deutsche Politik in den nächsten Jahren eine der wichtigsten Aufgaben sein. Die Frage dagegen, ob man die WM in Katar boykottieren soll, darf ab übernächsten Sonntag jede:r Fernsehzuschauer:in selbst entscheiden. (Michael Meyns)

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