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Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans begaben sich ins Stahlbad namens Markus Lanz.

Markus Lanz, ZDF

Markus Lanz im ZDF: Wenn der Moderator sich als Scharfrichter geriert

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Der Fragesteller, der nichts hören will: Markus Lanz lässt Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans nicht zu Wort kommen. Teilweise bekommt der Nicht-Dialog etwas eklig Frauenfeindliches.

Es ist ein Trauerspiel. Wer in diesem Land als Politiker erfolgreich sein will, muss ins Fernsehen. Die Demokratie als Telekratie ist hinreichend beschrieben worden, aber bisweilen bekommt man dann doch wieder erschreckende Beispiele für die Perversion des politischen Geschehens vorgeführt.

Und bisweilen ist daran ein Moderator beteiligt, der seit Jahren kurz vor Mitternacht eine Sendung exerzieren darf, die als Etikett „Talkshow“ führt, aber immer mal wieder besser als Verhör zu beschreiben ist – immer dann, wenn der Moderator vergisst, dass er moderieren soll, sondern sich als Scharfrichter geriert. 

Markus Lanz: Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans im Stahlbad

Das ist der Fall, wenn er bei seinem Gesprächspartner linkes Gedankengut (oder was er dafür hält) vermutet. Das musste Sahra Wagenknecht als Fraktionschefin der Linken im Bundestag erleben, das durchlitten Annalena Baerbock und Robert Habeck von den Grünen, und nun waren Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans an der Reihe. 

Sie wollen als Team den SPD-Vorsitz übernehmen, und dafür brauchen sie schon mal ein gewisses Maß an Gelassenheit und das sprichwörtliche dicke Fell. Und weil sie ohnehin nicht anders konnten – die Konkurrenz, Olaf Scholz und Klara Geywitz, war schon da – begaben sich nun Esken und Walter-Borjans ins Stahlbad namens Markus Lanz.

Markus Lanz stürzt sich verbal auf seine Opfer

Und sie schlugen sich tapfer, denn es war ein Gefecht, und der Feind saß auf dem Moderatorenstuhl. Das heißt, er saß nicht, sondern kniete halb, als sei er bereit, sich auf das Gegenüber zu stürzen. Das tat er dann auch – verbal. Er stellte Fragen, wollte aber die Antwort nicht hören, sondern die nächste Frage abschießen. Dass er die beiden Gäste unterbrach, wäre untertrieben: Er ließ sie einfach nicht richtig zu Wort kommen. Vor allem auf Saskia Esken hatte er es abgesehen, und da bekam der Nicht-Dialog auch noch etwas eklig Frauenfeindliches.

Esken wurde nach ihrer „Vision“ gefragt, und als sie versuchte, einzelne Punkte ihrer Idee von einer besseren Gesellschaft zu erläutern, fuhr Lanz immer direkt dazwischen. Und eher unfreiwillig entlockte er ihr dann eine Aussage, die er als zitierbar und somit als Erfolg verbuchen konnte: auf die Frage, ob sie Olaf Scholz für einen „standhaften Sozialdemokraten“ halte, mochte Esken nicht mit ja antworten. „Das kann ich so nicht beurteilen, nachdem er solange tätig ist“, lautete ihre etwas umständliche aber ehrliche Antwort. Lanz wiederholte begeistert, was er als Scoop erkannt hatte: Eine Sozialdemokratin spricht einem Sozialdemokraten das Sozialdemokratische ab.

Walter-Borjans, im Ausdruck sicherer als seine Partnerin, versuchte für seine Person zu präzisieren; auch er habe ja Diskussionen mit Scholz gehabt, und was dieForderungen der SPD an die Große Koalition anging: Er hätte „die Latte höher gehängt“.

Markus Lanz lädt journalistischen Gegenpart zu Esken und Walter-Borjans ein

Markus Lanz, ZDF, von Donnerstag, 28. November, 23.15 Uhr. ZDF-Mediathek 

Das gab Dagmar Rosenfeld Gelegenheit, der Partei vorzuhalten, sei nur noch groß darin, „sich klein zu machen“. Denn selbstredend hatte Lanz wieder einen journalistischen Gegenpart zu den Genossen eingeladen, und statt Robin Alexander oder Wolfram Weimer war die Chefredakteurin der rechten „Welt“ gekommen. Rosenfeld befand, die SPD habe doch sehr viel durchsetzen können in der Groko, und Walter-Borjans wollte auch hier differenzieren: Die Grundrente etwa sei vor allem deshalb ein guter Kompromiss, weil der Ausgangspunkt nicht schon ein Kompromiss gewesen sei.

Markus Lanz: Sascha Lobo kritisiert SPD

Sascha Lobo, als Experte für die Digitalisierung geladen, hatte dann auch noch ein Bonmot zu bieten: Die SPD habe das Kunststück fertiggebracht, „immer wieder umzufallen, ohne zwischendurch aufzustehen“. Die Partei mache seit 60 Jahren eine Politik, mit der Angela Merkel kein Problem hätte.

Markus Lanz: ZDF-Talk wird zum Trauerspiel 

Das wollen Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans ja nun ändern, unter anderem mit mehr Steuergerechtigkeit, besseren Löhnen und einer Pflicht zur Weiterbildung, die Markus Lanz ganz besonders aufstieß: „Das überzeugt mich nicht.“ Muss es ja nicht. Aber dass er dann seine rechte Hilfskraft auch noch fragte: „Überzeugt Sie das, Frau Rosenfeld?“ machte die Veranstaltung dann endgültig zum Trauerspiel.

Von Daland Segler

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