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„Erst Quellen prüfen, bevor man diskutiert“: Rüge für Markus Lanz im Ukraine-Krieg

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Von: Marc Hairapetian

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Der Krieg in der Ukraine ist Thema bei Markus Lanz (ZDF) am 08.03.2022
Der Krieg in der Ukraine ist Thema bei Markus Lanz (ZDF) am 08.03.2022. (Screenshot) © ZDF

Bei Markus Lanz (ZDF) geht es um die Haltung Deutschlands und der Nato im Russland-Ukraine-Krieg sowie die Versorgungssicherheit Deutschlands.

Manchmal gehen Sanktionen auch zu weit: Als Reaktion auf den russischen Angriff auf die Ukraine hat das Madrider Opernhaus Teatro Real die für Mai vorgesehenen Auftritte des weltberühmten Moskauer Bolschoi-Ballets abgesagt. Man habe diese Maßnahmen beschlossen, weil die militärischen Operationen der russischen Truppen „eine schwere Krise in der Welt und eine schmerzhafte Notlage“ verursache, teilte die Oper der spanischen Hauptstadt mit. Man bedauere diesen Schritt, zumal der Generaldirektor des Bolschoi-Theaters, Wladimir Urin, sich gegen den Krieg ausgesprochen habe. In was für einer Welt leben wir eigentlich? Nur noch in einer schwarzweißen nach dem Motto „Ukraine gut, Russland böse“? Muss man wegen Wladimir Wladimirowitsch Putins in der Tat verabscheuungswürdigen Feldzug in der lange Zeit extrem korrupten Ukraine, in der beispielsweise das zum Glück abgelöste Regime 2012 im Vorfeld der Fußball-Europameisterschaft alle Straßenhunde in Kiew als „Umweltverschmutzer“ einfangen und töten ließ, jetzt alle Russen in Kollektivhaft nehmen? Ist das eine neue Form von Kalter Krieg?

Darüber wird bei Markus Lanz im ZDF nicht gesprochen. Und dies, obwohl Dauergast Robin Alexander vorab vom Mainzer Sender so angekündigt wurde: „Der stellvertretende ‚Welt‘-Chefredakteur bewertet den historischen Kurswechsel der Regierung in Rüstungsfragen und nimmt Stellung zu den aktuellen Sanktionen gegen Russland.“ Doch es war nicht sein Versäumnis, sondern eher das von dem an diesem Abend sichtlich überforderten Moderator, der kaum über den gesellschaftspolitischen Kanon der letzten Tage hinausgehende kritische Fragen über Sinn und Unsinn der Maßnahmen gegen den militärischen Aggressor im Herzen von Europas stellte.

Wenigstens der 1975 in Essen geborene Journalist, der seit 2010 über das Kanzleramt berichtet, die Ex-Kanzlerin Angela Merkel als Berichterstatter auf internationale Gipfel begleitete und 2017 mit seinem Buch „Die Getriebenen: Merkel und die Flüchtlingspolitik“ auf dem ersten Platz der ‚Spiegel‘-Bestsellerliste in der Kategorie „Hardcover Sachbücher“ landete, hinterfragte den westlichen Kurs gegen die russische Wirtschaft, die mitunter die Falschen trifft: „Es gibt mittlerweile Sanktionen für Holz und Fisch, man kann vermutlich keine Matroschka-Puppe mehr im Internet kaufen, aber das Gas läuft weiter. (…) Die schicken Gas, wir schicken Geld, die kaufen Waffen!“

Aufgezeichnete „Markus Lanz“-Folge (ZDF) zum Ukraine-Krieg zeigt, wie schnell sich die Lage verändert

Es war ohnehin eine reichlich zerfahrene Talkshow am Dienstagabend, die wieder einmal bewies, dass vorab aufgezeichnete Sendungen von der Realität in Sachen Aktualität schnell überholt werden können. Beispiel gefällig? Der an sich smarte Südtiroler startete seine Gesprächsrunde mit der Meldung, dass Polen alte Mikojan-Gurewitsch MiG-29-Kampfjets an die USA geben will, damit diese über den deutschen (!) Stützpunkt Ramstein an die Ukraine geliefert werden. Über diese Thematik und ob Russland dies als Eintritt der Nato in den Krieg werten könnte, verstrich mehr als die Hälfte der Sendezeit inklusive der Erörterung, ob die US-amerikanische Luftwaffenbasis in Rheinland-Pfalz, exterritoriales US-Gebiet wäre.

Während Robin Alexander schon eine „krasse Dynamik“ in dieser Entwicklung befürchtete, äußerte sich Politikwissenschaftlerin Claudia Major über die vermeintliche Kampfjet-Lieferung alles und zugleich nichts sagend: „Wenn Russland sich provoziert fühlen möchte, wird es sich provoziert fühlen“. Während die Konserve ab 23.20 Uhr im ZDF ausgestrahlt wurde, hatte bei der Konkurrenz von „Das Erste“ Brüssel-Korrespondent Markus Preiß in den „Tagesthemen“ bereits gesagt, dass Polen diesen Schritt nur bei einstimmiger Entscheidung der gesamten Nato unternehmen wolle. Das konnte während Lanz’ Diskussion in einem Studio in Hamburg-Altona weder der Moderator noch seine Gäste wissen. Etwas später lehnte das US-Verteidigungsministerium den Plan als „nicht haltbar“ ab. Er bringe „schwierige logistische Herausforderungen“ mit sich, zudem gebe es angesichts der geopolitischen Dimension „ernsthafte Bedenken“, erklärte John Kirby, der Sprecher des Pentagon.

Zur Ehrenrettung von Markus Lanz muss man sagen, dass dieser am Ende seines Talks - vermutlich dank eines Mini-Kopfhörers im Ohr - sichtlich irritiert und unangenehm berührt doch noch einwarf, dass ein Staatssekretär im Außenministerium inzwischen gesagt hätte, selbst die Amerikaner hätten noch nichts vom polnischen Plan gewusst. Das brachte FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann, seit 2021 Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestages, auf die Palme. Berechtigterweise fuhr sie hier Lanz an, „dass man erstmal die Quellen prüfen muss, bevor man drüber diskutiert!“ Noch zu Beginn der äußerst unglücklich verlaufenden Sendung hatte sie eingestanden: „Ich habe von dieser Meldung soeben erst erfahren.“ Nicht also die Zeitung von heute ist morgen bereits der Schnee von gestern…

Markus Lanz (ZDF) lädt Ökonomin zum Thema Unabhängigkeit von Russland ein, doch sie kommt kaum zu Wort

Dazu meldete sich dann auch Armin Laschet, der gescheiterte Kanzlerkandidat der CDU via Twitter zu Wort: „Polnische MiG-Kampfflugzeuge über Ramstein in die Ukraine. Pentagon-Sprecher sagt: „It is simply not clear to us that there is a substantive rationale for it.“ #Lanz diskutiert so, als sei es ein Faktum. Besonnenheit ist in diesen Tagen ein hohes Gut. #respicefinem“

Markus Lanz im ZDF vom 08.03.2022 zum Ukraine-KriegDie Gäste der Sendung
Marie-Agnes Strack-Zimmermann,Verteidigungspolitikerin (FDP)
Robin AlexanderJournalist („Welt“)
Claudia MajorPolitikwissenschaftlerin
Karen PittelWirtschaftswissenschaftlerin

Zerfahren auch das letzte Drittel der Sendung: Warum Ökonomin Karen Pittel vom Münchener „ifo Zentrum für Energie, Klima und Ressourcen“ vom Gastgeber und seiner Redaktion eingeladen wurde, wenn man sie kaum zu Wort kommen ließ, bleibt ein bisher ungelöstes Rätsel. Als Markus Lanz sie dann doch noch fragte, ob Deutschland aus Solidarität mit der Ukraine wegen des Kriegs sofort komplett auf russisches Erdgas und Benzin verzichten solle und dies auch könne, gab sie sich „extrem skeptisch“, ob sich der Kampf dadurch beenden ließe. Auch sie wirkte von den Schreckensmeldungen der letzten zwei Wochen angefasst: „Ich bin Ökonomin: Ich sollte rational sein…“ Rein wirtschaftlich betrachtet, könne man sich es hierzulande allerdings leisten. Zwischen 0,3 Prozent und drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts dürfte uns das laut ihrer Prognose kosten, was konkret zwischen 800 bis 1000 Euro pro Person hinauslaufen würde. Damit hätte zwar keiner im Studio Probleme, für nicht so gut verdienende Mitbürger könnte dies allerdings eine arge finanzielle Belastung werden.

Nichtsdestotrotz sprach sich Robin Alexander für einen kompletten Verzicht auf russisches Gas aus. Er attackierte sozusagen postum damit die russlandfreundliche Politik von Putin-Buddy Gerhard Schröder, aber auch der folgenden Merkel-Regierungen: „Alles, was Deutschland da gemacht hat, ist gescheitert.“ Als gescheitert kann man auch die Talkshow an jenem Dienstagabend betrachten, die kaum neue Erkenntnisse zu Tage förderte. Dass die russische Invasion, wie Claudia Major bemerkte, „viel rücksichtsloser und brutaler“ geworden ist, wissen wir alle leider schon seit einigen Tagen. Auch „von Säuberungen und dem Verschwinden kritischer Personen“ und dem Missbrauch humanitärer Korridore durch Russland in mehreren Kriegen wie beispielsweise in Syrien oder auf der Halbinsel Krim. Hinzu kommt die nicht aufgegriffene Sperrung sozialer Netzwerke. So hat der Verfasser dieser Zeilen seit Tagen keinen Kontakt mehr zu seiner russischen Facebook-Freundin Sofia Karasowa, einer glühenden Verehrerin der verstorbenen Schauspielergrößen Oskar Werner und Alan Rickman, die sich in einem öffentlichen Post für den nach wie vor in Russland inhaftierten Systemkritiker Alexei Anatoljewitsch Nawalny und gegen Waldimir Putins Angriffskrieg auf die Ukraine aussprach.

Markus Lanz (ZDF) zum Thema Ukraine: Video von saarländischem Ministerpräsident erheitert die Runde

Bei so viel realem Grauen gab zum Schluss noch einen unfreiwillig komischen Moment. Ein Smart-Phone-Video von Tobias Hans (CDU), dem Ministerpräsidenten des Saarlands, indem er eine Spritpreisbremse forderte, wurde eingespielt. Das sorgte bei fast allen der Gesprächsrunde für Erheiterung, weil der überaus engagierte Wahlkämpfer in seiner Ansprache vor der Tankstelle alle fröhlich duzte und in seinen Dialekt verfiel.

Nur Marie-Agnes Strack-Zimmermann verging hierbei das Lachen: Wie Tobias Hans die verzweifelten Handy-Botschaften von Wolodymyr Selenskyj, dem Präsidenten der Ukraine, vom Stil her versuchen würde zu kopieren, wäre schlicht und ergreifend „peinlich“: „Leute, Leute, das ist eine Qualität, die schwer unter den Tisch fällt! Ich schüttele mich!“ Dieser Vergleich war doch - wie vieles an diesem Abend - etwas zu weit hergeholt und das von einer Dame, die laut eigenen Bekunden „die Letzte ist, die nicht selbst einen knackigen Wahlkampf macht“. (Marc Hairapetian)

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