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Markus Lanz (ZDF) versteigt sich in Pathos und fordert EU-Ausnahme für Ukraine

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Von: Michael Meyns

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Bei Markus Lanz im ZDF drehte sich alles um die Ukraine-Reise des Kanzlers. Der Talk wird der Komplexität der Weltpolitik nicht gerecht. Die TV-Kritik.

Hamburg - Während Markus Lanz mit seinen Gästen talkte, befand sich der Kanzler kurz vor seiner Reise nach Kiew. Endlich, sagen viele, viel zu spät andere. So oder so, der Krieg in der Ukraine war auch an diesem Abend Thema im ZDF.

Traut sich Olaf Scholz nicht oder nicht mehr allein nach Kiew? Schier endlos waren die Diskussionen über das Verhalten der deutschen Regierung im Ukraine-Krieg, die angeblich zu geringen Lieferungen schwerer Waffen, die Vorwürfe vonseiten des ukrainischen Botschafters Andrij Melnyk. Er fahre nur, wenn es auch etwas zu besprechen gibt, sagte Scholz schon vor Wochen. Nun fährt er, gibt es also etwas zu besprechen?

Markus Lanz (ZDF): EU-Beitritt der Ukraine und Scholz-Reise nach Kiew im Fokus

Zusammen mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron und dem italienischen Ministerpräsidentin Mario Draghi wird der deutsche Kanzler Olaf Scholz morgen mit dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj zusammentreffen. Endlich, meinte Gwendolyn Sasse, Politologin und Direktorin des Zentrums für Osteuropa und internationale Studien bei Markus Lanz im ZDF. Viel zu lange habe Scholz gezögert, ein Misstrauen wachsen lassen, dass sich nun nur schwer auflösen lässt.

Im ZDF diskutiert Markus Lanz einmal mehr über den Krieg in der Ukraine.
Im ZDF diskutiert Markus Lanz einmal mehr über den Krieg in der Ukraine. © Screenshot/ZDF/Markus Lanz

Auch Claudia Kade, Journalistin und Ressortleiterin Politik bei der Welt, kritisierte den Kanzler und bemerkte: „Gerade in Kriegszeiten versammeln sich die Menschen meist hinter ihren Regierungen. In Deutschland passiert das gerade nicht, warum?“ Vor schweren Fragen bezüglich des von der Ukraine erhofften EU-Beitritts stehe das Trio bei seinem Besuch, denn politisch und wirtschaftlich passt die Ukraine eigentlich nicht in die EU und wird das auch noch auf Jahre bleiben.

Markus Lanz, Sendung vom 15. Juni

Hier können Sie die Talkshow im ZDF in der Mediathek anschauen.

Markus Lanz (ZDF): Michael Müller (SPD) gesteht Fehler bei Russland-Politik ein

Michael Müller, SPD-Politiker und von 2014 bis 2021 Regierender Bürgermeister von Berlin, sagte bei Markus Lanz im ZDF: „Ich weiß, dass Olaf Scholz empathisch formulieren kann“, worauf Lanz nur sagen konnte: „Warum tut er es nicht.“ Natürlich verteidigte Müller den Kanzler seiner Partei, versuchte zu betonen, dass Deutschland seit Jahren einer der wichtigsten Geldgeber der Ukraine sei, Milliarden in die Entwicklung der Gesellschaft gesteckt hat und nun als Sündenbock da steht.

Das wollte Markus Lanz nicht gelten lassen und zählte die Momente jüngerer Geschichte auf, in der die jeweiligen Bundesregierungen zwar einerseits die Ukraine unterstützten, andererseits auch gute Geschäfte mit Russland machten. Aber widerspricht sich das notwendigerweise? Michael Müller gestand zu, dass auch die SPD Fehler gemacht hat, aber Verhandlungen mit Russland und Wladimir Putin erfolgten im guten Glauben, waren durch die jeweiligen Gesprächssituation bedingt und stellten sich bisweilen als Irrtum heraus.

WIrtschaftsprofessor bei Markus Lanz (ZDF): Auch Russland eine Perspektive bieten?

Eine gemeinsame EU-Position gegenüber Russland entstand allerdings nicht, bemerkte Gwendolyn Sasse bei Markus Lanz im ZDF, betonte aber auch die Schwierigkeit zu, die wirtschaftlichen, politischen, aber auch moralischen Position von dutzenden Ländern unter einen Hut zu bringen. „Ihr müsst euch zwischen uns und Russland entscheiden“, sagte Wolodymyr Selenskyj vor einigen Tagen in einem Interview, dem widersprach Stefan Kooths, Ökonom und Vizepräsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel. Man müsse auch Russland eine Perspektive bieten und nicht davon ausgehen, dass Russland auf ewig ein Gegner bleibe.

Auch in der Frage des diskutierten EU-Beitrittss widersprach Kooths Markus Lanz, der offenbar aus rein politischen Gründen einen möglichst schnellen Beitritt der Ukraine bevorzugen würde. Ein zu großes Aufweichen der Beitrittskriterien darf es nicht geben, da waren sich Michael Müller und Stefan Kooths einig. Vielleicht könnte ein Beitritt der Ukraine die EU sogar wieder auf Kurs bringen, nämlich weg von einer Umverteilungsmaschine, hin zu einem Wirtschaftsraum: Ein Drittel der EU-Gelder fließen heute noch in die Agrarwirtschaft, was laut Kooths dem Selbstverständnis der EU widerspricht, ein moderner, zukunftsgewandter Zusammenschluss zu sein.

Markus Lanz (ZDF) als Advokat für die Ukraine: Talk wird Komplexität der Weltpolitik nicht gerecht

Solche rationalen Argumente wischte Markus Lanz in seiner Sendung im ZDF dann mit seinem bekannten Hang zum Pathos einfach weg: In der Ukraine seien zehntausende Menschen gestorben, vor allem auch Zivilisten, muss man da Kriterien nicht einfach ignorieren und eine Ausnahme machen? Einen besseren Advokat für die ukrainischen Interessen könnte sich Wolodymyr Selenskyj kaum vorstellen, der Komplexität der Entscheidungen im Kriegsgebiet, aber auch der europäischen und der Weltpolitik wurde Markus Lanz im ZDF allerdings nicht im Ansatz gerecht. (Michael Meyns)

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