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Ukraine-Krieg: Militärexperte mit düsterer Prognose bei „Markus Lanz“ – „Mehr Gewalt, mehr Blut“

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Von: Marc Hairapetian

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In der Sendung vom Dienstag (01.03.2022) ist der Ukraine-Krieg wieder das dominante Thema bei Markus Lanz (ZDF).
In der Sendung vom Dienstag (01.03.2022) ist der Ukraine-Krieg wieder das dominante Thema bei Markus Lanz (ZDF). (Screenshot) © ZDF

Im TV-Talk bei Markus Lanz im ZDF ist der Ukraine-Krieg erneut das Thema der Runde. Ein Experte räumt der Selenykyj-Regierung keine Chance gegen Russland ein.

„Jeder für sich und Gott gegen alle“, hieß 1974 Werner Herzogs den Prozess der Zivilisation als gefährliche Gratwanderung aufzeigender Spielfilm über den „rätselhaften Findling“ Kaspar Hauser (1812 - 1833). In Anbetracht der aktuellen Ereignisse drängt sich eine Abwandlung dieses schlagkräftigen Titels auf: Jeder für die Ukraine und Wladimir Putin gegen alle…

Der Beginn der zwanziger Jahre des 21. Jahrhunderts ist von geradezu inflationär hohen Todesfällen beinhaltenden Katastrophen geprägt, die selbst die schlimmsten Pessimisten vorher so nicht erwartet hatten. Erst versetzt ein unsichtbarer Feind - die COVID-19-Pandemie - unsere Welt in Angst und Schrecken und nun kommt auch noch ein brutaler Eroberungskrieg mitten in Europa dazu, der zwar im Stil einstiger Kolonialfeldzüge geführt, durch die modernen Medien für uns alle sichtbar geworden ist.

Markus Lanz (ZDF): Röttgen spricht von „erbarmungslosen Artillerieeinsatz“ in der Ukraine

Und auch vor dem nicht abreißenden Flüchtlingsstrom - 640.000 Menschen sind bis zum heutigen Tag notiert, die meisten von ihnen Frauen und Kinder - kann und darf niemand mehr die Augen verschließen. Das einzig Positive an dieser barbarischen Invasion ist die bisherige internationale Solidarität der demokratischen Staaten mit den heroisch um ihr (Über-)Leben und ihre Identität kämpfenden Angegriffenen, von denen zuvor keinerlei Aggression ausging.

Der sechste Tag des russischen Einfalls in die Ukraine ist auch am späten Abend bei Markus Lanz im ZDF das dominierende Thema. In der seit Jahren sich mehr und mehr politisch gebenden Talkshow sind sich der Moderator und alle Gäste darüber einig, wie verabscheuungswürdig Putins militärische Attacke gegen das einstige sowjetische „Bruderland“ ist. Wo sonst heftig debattiert wird, herrscht diesmal seltener Konsens, allerdings in differenzierter Sichtweise. Der Krieg zieht nun in die Städte: In der Metropole Kiew wurde der Fernsehturm genauso beschossen wie die Gedenkstätte Babyn Jar, die an das fürchterliche Massaker an 33.000 Juden während der deutschen Besetzung in der Ukraine erinnert.

Der sonst so besonnene CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen ringt um Fassung und findet dann berechtigterweise drastische Worte über den „erbarmungslosen Artillerieeinsatz“, der an längst vergangene Zeiten erinnert: „Wir sind in einer Phase des Vernichtungskrieges, die verbrecherisch ist, weil sie gezielt auf Einrichtungen abzielt, in denen sich Zivilisten aufhalten. Es wird ein Krieg der verbrannten Erde.“ Für Militärexperte Carlo Masala dürfen die russischen Soldaten nicht mit leeren Händen zurückkehren, wenn Putin nicht sein Gesicht verlieren will. Deswegen will der offensichtlich größenwahnsinnige Despot die Ukraine dort treffen, wo es mit am schmerzhaftesten ist: „Er muss dafür sorgen, dass der ukrainische Präsident freiwillig zurücktritt, gefangengenommen wird oder stirbt.“

Markus Lanz (ZDF) vom 01.03.2022Die Gäste der Sendung
Nancy FaeserBundesinnenministerin (SPD)
Norbert RöttgenCDU-Außenpolitiker
Margarete KleinPolitologin
Carlo MasalaMilitärexperte
Gerald KnausSoziologe

Soziologe bei Markus Lanz (ZDF) sicher: „Putin will die ukrainische Identität zerstören“

Gerald Knaus, der Mitgründer des Think Tanks European Stability Initiative, spricht das aus, was viele ängstigt: „Ich fürchte, dass das, was wir jetzt sehen, erst der Anfang ist.“ Es sei denn Putin wird von Kräften in seinem inneren Kreis in Moskau gestoppt, was nach jetziger Einschätzung der Lage aber doch mehr als unwahrscheinlich sein sollte. „Putin will die ukrainische Identität zerstören“, führt der Soziologe weiter aus. Mit dem erbitterten Widerstand nicht nur vom gegnerischen Militär, sondern auch der „ganz normalen Bevölkerung“, die sich mutig und waffenlos (!) in den Straßen vor anrollende Panzer stellt, habe er aber sicherlich nicht gerechnet. Diese Zivilcourage würde die Identitätsfindung der Ukrainer sogar noch stärken, pflichtet ihm Röttgen bei. 

Politologin Dr. Margarete Klein, Expertin für Osteuropa und Eurasien, sieht das ähnlich: „Putin will den Wechsel der Führung hin zu einer russischen Marionettenregierung. (…) Das, worauf ich setzen würde, wäre ziviler Druck.“ Und das praktizieren nicht nur die Ukrainer, sondern auch erste Protestler gegen diesen sinnlosen Krieg in Russland selbst, die im Gegensatz zu der weltweit friedlichen Demonstrantenschar Repressalien zu befürchten haben. So manche Oligarchen oder Silogarchen („Silowiki“: Oligarchen der Sicherheitsorgane), also zu Macht gekommene Bürokraten, würde bald vielleicht umdenken, wenn alles, was sie aufgebaut und erwirtschaftet hätten, durch die internationalen Sanktionen und dem Einfrieren von Geldern auf Banken, für sie dann verloren wäre.

Flucht durch Ukraine-Krieg: Faeser versichert bei Markus Lanz (ZDF) bedingungslose Aufnahme

Für Moderator Lanz wird auch Deutschland im Krieg Russlands gegen die Ukraine zum Schauplatz. Von der zugeschalteten Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) möchte er wissen, wie es mit Cyberangriffen aussieht, die die russische Desinformationskampagne vorantreiben könnten. „Wir haben das gut im Blick“, versichert sie. Nach intensiven Gesprächen mit Social-Media-Giganten wie Google und YouTube seien von diesen Aufrufe zur Kriegsteilnahme oder Fehlinformationen gelöscht worden. Die Gefahr würde sich allerdings auch „auf unseren Straßen“ anschleichen: „Da schauen wir gerade sehr genau hin, inwiefern werden die noch existierenden Corona-Protestdemonstrationen auch für andere Zwecke noch genutzt.“ Dass es bei jeder Kundgebung schwarze Schafe gibt, fällt ihr genauso wenig ein, wie der Fakt, dass nicht jeder gegen die in den einzelnen Bundesländern uneinheitlich praktizierten und zum Teil unlogischen Pandemie-Maßnahmen ein Querdenker, Rechtsradikaler oder gar Kriegstreiber ist.

In ihrem diesbezüglichen Populismus bleibt Nancy Faeser blass. Auf wiederholte Nachfrage von Lanz weiß sie nicht einzuschätzen, wie viele Ukrainer auf der Flucht vor dem Krieg in der Bundesrepublik Schutz suchen könnten. Allerdings versichert sie: „Wir werden diejenigen natürlich aufnehmen, die nach Deutschland kommen. Ich denke, das ist unsere humanitäre Verpflichtung.“ Auch wenn es laut Knaus zur größten Fluchtbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg kommen könnte, sei auch dies zu schaffen. Man möchte sie hierbei gern beim Wort nehmen, denn das Leid der traumatisierten Flüchtenden, vor allem der Kinder, gilt es unbedingt zu lindern.

Weniger wichtig ist für Faeser die derzeitige Debatte, ob die Aussetzung der Wehrpflicht zurückgenommen werden sollte. Zur von Parteigenosse Olaf Scholz, der in den ersten Monaten seiner Amtszeit mehr als ein unsichtbarer Kanzler agierte, sich aber nun eindeutiger positioniert, angekündigten Rüstungsoffensive von sage und schreibe 100.000 Milliarden Euro gibt sie nur ein knappes Statement ab: „Ich unterstütze den Kanzler voll und ganz dabei“. Und dies, obwohl sie und fast alle SPD-Mitglieder Tage zuvor noch ganz anders geklungen hatten. Grund dafür, wie sie mehrfach wiederholt, sei, „dass wir letzten Donnerstag in einer anderen Welt aufgewacht sind“. Deutschland sei jahrelang mit diplomatischen Lösungen gut gefahren - im Fall von Putins Aggression ginge das aber leider nicht mehr.

„Historischer Moment“: Röttgen begrüßt bei Markus Lanz (ZDF) Aufrüstung der Bundeswehr

Das einzige Mal an diesem Abend regt sich nun etwas Widerstand gegen das Gesagte der anderen Gäste bei Norbert Röttgen. Deutschland habe lange eine geschwächte Verhandlungsposition gegen Putin an den Tag gelegt: „Wir wurden militärisch nicht ernst genommen.“ Zum Glück habe sich dies nun geändert: „Ich dachte: Mensch, das ist ein Hammer! Das ist ein historischer Moment!“, begeistert sich der einstige Kanzlerkandidat-Kandidat der Union über die Rede des Regierungschefs im Bundestag, der oben genannten Unsumme der Bundeswehr zur Verfügung stellen will. Pazifismus klingt anders. „Make love, not war“, das war wohl einmal.

Zur Sendung

Markus Lanz im ZDF vom 01. März 2022 zum Krieg in der Ukraine. Die komplette Sendung in der ZDF-Mediathek.

Muss die militärische Aufrüstung hierzulande wirklich sein? Masala äußert sich dazu dezidierter als Röttgen: „Die Politik durchläuft einen Wandel, indem man endlich akzeptiert, dass es Situationen gibt, in denen man Aggressoren nur mit der Drohung des Einsatzes militärischer Macht begegnen kann, um der Diplomatie zum Erfolg zu verhelfen.“ Militär sei nie integraler Bestandteil der bundesdeutschen Außenpolitik gewesen; das werde sich nun gewaltig ändern.

Markus Lanz (ZDF): Setzten sich die Russen in der Ukraine durch? Militärexperte äußert Prognose

Überraschender Weise spricht er sich im Anschluss aber gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht aus. Militärische Auseinandersetzungen würden inzwischen von Berufsarmeen geführt, die lange gelernt hätten, wie man hoch komplizierte, technische Waffen bedient: „Die Wiedereinführung der Wehrpflicht lässt sich meines Erachtens nach nur dann sicherheitspolitisch begründen, wenn wir eine direkte territoriale Bedrohung hätten. Die haben wir nicht.“ Keine atomaren Sprengköpfe würden derzeit durch die Gegend bewegt oder gar in Position gebracht. Noch nicht… zum Glück!

Carlo Masala
Militärexperte Carlo Masala im Jahr 2013. (Archivfoto) © Universität der Bundeswehr/picture alliance/dpa

Wenn uns eines die letzten Tage gelehrt haben, dann dass man mit allem rechnen muss, auch mit dem vorher nicht für möglich gehaltenen. Als Neorealist Masala zum Abschluss nach seiner Prognose gefragt wird, ist diese mehr als düster: „Die Menschen in der Ukraine erwartet in den nächsten Tagen mehr Gewalt, mehr Blutvergießen – und am Ende eine militärische Durchsetzung der russischen Ziele.“ Stanley Kubricks Bombe aus seiner genialen Weltuntergangssatire „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ (1964) tickt immer noch, und zwar realer denn je, gerade deshalb, weil Russland, das die Ukraine „entnazifizieren“, „entmilitarisieren“ und deren angebliche Nuklearwaffen „unschädlich“ machen will, selbst schon bei Einschüchterungsversuchen des Westens damit gedroht hat, den Finger auf dem Knöpfchen zu haben… (Marc Hairapetian)

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