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Ukraine handelt „moralisch verwerflich“: Rechtsphilosoph sorgt bei Markus Lanz für Entsetzen

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Von: Marc Hairapetian

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Die Gäste debattieren bei Markus Lanz um den Ukraine-Krieg.
Die Gäste debattieren bei Markus Lanz um den Ukraine-Krieg. (Screenshot) © ZDF

Im ZDF-Talk bei Markus Lanz wird über Russlands Angriffskrieg in der Ukraine gestritten. Ein Gast fällt mit kruden Thesen auf.

Hamburg – „Mein Fuehrer, I can walk!“ („Mein Führer, ich kann wieder gehen!“), erhebt sich schreiend der deutsche Wissenschaftler Dr. Seltsam (Peter Sellers), der kaum seinen zuckenden rechten Arm vom Hitlergruß abhalten kann, bei einer Krisensitzung im War Room des Pentagons vor den Augen von US-Präsident Merkin Muffley (ebenfalls Peter Sellers), General „Buck“ Turgidson (George C. Scott) und dem russischen Botschafter Alexi de Sadesky (Peter Bull). In der nächsten Szene sieht man - musikalisch untermalt von Vera Lynns britischen Kriegsschlager We’ll Meet Again - die Vernichtung der menschlichen Zivilisation durch Atombombenexplosionen.

Gäste bei Markus Lanz am Dienstag, 3. MaiBeruf
Kevin KühnertSPD-Generalsekretär
Prof. Dr. Reinhard MerkelJurist, Mitunterzeichner des offenen Briefes an Olaf Scholz
Dr. Jana PuglierinPolitologin
Robin Alexanderstellvertretender Chefredakteur „Welt

Stanley Kubricks Geniestreich „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ sollte 1964 auf dem Höhepunkt des sogenannten „Kalten Krieges“ eigentlich eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der nuklearen Bedrohung werden, doch je intensiver sich der Meisterregisseur mit der Materie beschäftigte, desto wahnsinniger erschien ihm das Thema. Durch die Einbeziehung des satirischen Autoren Terry Southern gelang es ihm, den beklemmenden Mix aus tatsächlich vorstellbarer Verrücktheit in bestechenden Logik und zugleich absurder Komik zu einer zeitlosen Bestandsaufnahme menschlicher Allmachtsphantasien werden zu lassen.

Markus Lanz im ZDF – Mitglied des Ethikrats attackiert

Die in einem früheren Produktionsstadium erwogene Absicht, das Geschehen als von Außerirdischen gefundene Dokumentation der Zerstörung unserer Welt zu präsentieren, ließ Kubrick wieder fallen. Beim Science-Fiction-Meilenstein „2001: Odyssee im Weltraum“ (1965 - 1968) hatte er eine ähnliche Idee, entfernte jedoch kurz vor der Premiere den Off-Erzähler.

In jedem Fall hat seine Weltuntergangs-Komödie Kinogeschichte geschrieben. Für die von Peter Sellers verkörperte Figur des Dr. Seltsam, bei der einem das Lachen im Halse steckenbleiben kann, stand der klumpfüßige Militärpsychiater und Chemiker Sidney Gottlieb (eigentlich Joseph Scheider, 3. August 1918 - 7. März 1999 - starb am gleichen Tag wie Kubrick!) Pate. Er entwickelte zahlreiche tödliche Waffen und leitete das berühmt-berüchtigtes CIA-Forschungsprogramm MKULTRA, wo die wissenschaftlichen Untersuchungen von Foltermethoden der Nationalsozialisten zum Ziel der Bewusstseinskontrolle weiterentwickelt wurden. So plante der „Schwarze Hexer“ ernsthaft, das Fernsehstudio in Havanna mit LSD und Fidel Castros Schuhe mit Thallium zu verseuchen, damit unter anderem sein Barthaar ausfallen sollte.

Markus Lanz (ZDF): Mitunterzeichner des offenen Briefs an Olaf Scholz in der Kritik

Nun ist Prof. Dr. Reinhard Merkel, der von 2012 bis 2020 Mitglied im Deutschen Ethikrat war, gewiss kein Dr. Seltsam. Bei einigen seiner Aussagen sorgte er allerdings am späten Dienstagabend in der ZDF-Talkshow von Markus Lanz ebenfalls für Entsetzen. Und das nicht aufgrund von kaltblütiger Logik wie im Kubrick-Klassiker, sondern wegen seiner unglaublichen Naivität. Der Jurist und Olympia-Teilnehmer von 1968 - in Mexiko-Stadt wurde er als Schwimmer über 400 Meter Lagen Sechster wurde und schied über 200 Meter Lagen in der Vorrunde aus - hat den vielfach zitierten offenen, auf der Internet-Seite der Zeitschrift „Emma“ veröffentlichten Brief von 28 „Intellektuellen“ - darunter „Emma“-Gründerin Alice Schwarzer, „Nachtgestalten“-Regisseur Andreas Dresen und „Hamlet“-Darsteller Lars Eidinger - an Kanzler Olaf Scholz (SPD) mitverfasst.

Gefordert wird: „Schwere Waffen“-Lieferungen Deutschlands an die von Russland angegriffene Ukraine sollen ein Ende haben, damit es nicht zu einem (atomaren) Dritten Weltkrieg kommt. Auch bei Markus Lanz sagt er: Das „Opfern lassen von Menschenleben“ in der Ukraine müsse gestoppt werden. So weit, so gut. Doch er meint auch: In Moskau wolle niemand Atomwaffen einsetzen. Und: Wladimir Putin sei ein rationaler Mensch. Mit dieser Charakterisierung verblüffte Rechtsphilosoph Merkel nicht nur die Gesprächsrunde, sondern auch die Fernsehzuschauer: „Ich glaube keine Sekunde, dass in Moskau irgendjemand sitzt, Herrn Putin eingeschlossen, der sagt: Irgendwann setzen wir atomare Waffen ein.“ Seine Begründung: Dies würde nämlich unweigerlich den „Untergang des eigenen Landes“ herbeiführen.

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Markus Lanz können Sie in der Mediathek nachschauen.

Dem nicht genug trägt laut Merkel die ukrainische Führung eine Mitverantwortung für die vielen Todesopfer des Krieges: „Die Kinder würden lieber überleben, als den Preis für die Tapferkeit ihrer eigenen Regierung zu bezahlen.“ Er räumt bei Markus Lanz zwar ein, dass die Ukraine das Recht und sogar die Pflicht habe, sich gegen Russland zu verteidigen. Man solle sich nicht dem Aggressor ergeben, müsse aber in Verhandlungen über einen für beide Seiten akzeptablen Waffenstillstand eintreten: „Die monatelange weitere Fortsetzung im gegenwärtigen Modus kostet Tausende von Menschenleben. Und das schlicht zu ignorieren, ist moralisch verwerflich.“

Für Wladimir Putin und dessen Regierung zeigte er erstaunlich viel Verständnis: „Ich bin hoch überzeugt davon, dass man in Moskau kapiert, dass man in einem substanziellen Sinn nicht gewinnen wird.“ Berechtigter Weise hakt Markus Lanz (ZDF) hier nach: „Was macht Sie so sicher?“ Merkels plakative Antwort: „Weil das mit Händen zu greifen ist.“ Belege liefert er für diese Behauptung allerdings keine.

SPD-Generalsekretär Kühnert bei Markus Lanz (ZDF): Ukraine-Besuch von Friedrich Merz kritisiert

Das bringt sogar dem ansonsten diesmal sehr moderat auftretenden SPD-Generalsekretär, der den Ukraine-Besuch von Oppositionsführer Friedrich Merz (CDU) im Gegensatz zum reiseunwilligen Parteigenossen und Bundeskanzler Olaf Scholz nur sehr vorsichtig kritisiert („Über die Motive dieser Reise kann man unterschiedlicher Ansicht sein. Ist die deutsche Solidarität in Wort, Tat, Waffenlieferungen, humanitärer Hilfe, in irgendeiner Weise dadurch eingeschränkt? Nein.“), auf die Palme. Unumwunden fragt er er Merkel: „Hatten Sie den Eindruck, dass wir es mit rational agierenden Personen zu tun hatten in den letzten Monaten?“

Anstatt darauf direkt zu antworten, verliert sich das Mitglied des „Instituts für Weltanschaungsrecht“ (ifw) in Spekulationen: „Wenn Putin diesen Krieg handfest im militärischen Sinn verlieren würde, verlöre er vermutlich sogar sein Leben. Jedenfalls seine Regierungsgewalt.“ Ein ukrainischer Sieg sei eine „Illusion“. Dafür würden Kriegsverbrechen sofort aufhören, „wenn die Waffen schweigen“. Befürchtungen, das russische Militär und ihnen angegliederte Söldner-Truppen könnten nach einen Waffenstillstand weiter morden, brandschatzen und vergewaltigen, findet er „irrational“.

Markus Lanz (ZDF): Robin Alexander Dauergast beim Talk

„Sie wollen doch nicht sagen, dass, was dieser schreckliche Typ in Tschetschenien macht, das würde dann in der Ukraine losgehen!“, poltert er gegen alle und jeden (Gesprächsteilnehmer) und schließt kategorisch aus, dass sich die Ukraine zu einem russischen Vasallen-Staat wie Tschetschenien unter dem tyrannischen Präsidenten Ramsam Kadyrow entwickeln könne.

„Sie wollen Kriegsverbrechen stoppen, indem Sie die Ukraine nicht mehr ausrüsten. Das ist doch wirklich ein seltsamer Gedanke“, gibt Robin Alexander zu denken. Der stellvertretende Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“ ist ein Dauergast in der ZDF-Talkshow, die mittlerweile eigentlich „Lanz und Alexander“ heißen müsste. Er wirft Merkel „harten Zynismus“ vor: Es sei doch die ukrainische Armee, die das Leben ihrer Kindern schütze! Deren Tapferkeit dem Schicksal der Kinder entgegenzusetzen, „entsetzt“ ihn. „Das ist Täter-Opfer-Umkehr“, haut Lanz in die gleiche Kerbe. Er kritisiert als Moderator mit eigener Meinung eine Passage des offenen Briefes, indem die Verantwortung für eine mögliche atomare Eskalation auch diejenigen treffen würde, die dem Aggressor „sehenden Auges ein Motiv zu einem gegebenenfalls verbrecherischen Handeln liefern“.

Kritik an Merkel bei Markus Lanz (ZDF) drastisch

Auch Politologin Dr. Jana Puglierin ist nicht d’accord mit Merkel: „Der einzige Waffenstillstand, den Russland akzeptiert, ist eine Friedhofsruhe“. Die Leiterin des Berliner Büros der Denkfabrik „European Council on Foreign Relations“ fordert deshalb: „Dafür müssen wir die Ukraine starkmachen und nicht schwach.“ Keine schwere Waffen mehr dem Land zu liefern, das sich im Ost-Teil einem „Feuersturm“ der russischen Artillerie ausgesetzt sehe, komme „unterlassener Hilfeleistung“ gleich.

Bei Twitter sind die Unmutsbekundungen gegen den 72-jährigen, emeritierten deutschen Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie an der Universität Hamburg drastischer: „Dass Russland keinen Waffenstillstand in der Ukraine akzeptiert, sei irrational, sagt Reinhard Merkel. Aber Gefahr des Atomkriegs ist rational? Unerträgliches Gerede und Bevormundung der Ukraine.“ (Florian Flade). Oder: „Reinhard Merkel erinnert mich an die ‚Betonköppe‘ der SED. Wie verbohrt kann man sein? Seine Studenten sollten ihn meiden.“ (Ron Vorpahl). Letzteres wäre einem Dr. Seltsam vermutlich egal, solange er noch die Hand am Knopf der „Weltvernichtungsmaschine“ hat… (Marc Hairapetian)

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