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Anton Hofreiter bei Markus Lanz: „Ich kann mir einen Aggressor nicht backen“

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Von: Marc Hairapetian

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TV-Talk mit Markus Lanz am 10. Mai 2022 im ZDF.
Der TV-Talk mit Markus Lanz am 10. Mai im ZDF. (Screenshot) © ZDF

Grünen-Politiker Anton Hofreiter mahnt bei Markus Lanz (ZDF) zum Ukraine-Krieg: „Den kolonialen Blick müssen wir uns abgewöhnen!“

Hamburg – Am Ende ist es leider wie immer bei Markus Lanz im ZDF: „Ich fürchte, wir werden die Debatte noch häufiger führen müssen“, sagt der Moderator mit Blick auf die Sendezeit. Was allerdings wie eine Floskel klingt, hat diesmal durchaus seine Berechtigung: Es ist ein Rededuell auf Augenhöhe gewesen zwischen einem Politiker und einem Arzt. Nein, um Corona und seine Maßnahmen zur Bekämpfung des heimtückischen Virus, dem Dauerthema nicht nur dieser Talkshow in den letzten zwei Jahren, geht es nicht. Längst sorgt mit dem Ukraine-Konflikt ein weitaus sichtbarerer Krieg für ebenfalls nicht endenden Gesprächsstoff. Die Runde am späten Dienstagabend ist ein gutes Beispiel dafür, dass zwei Menschen oft das gleiche Ziel haben, aber unterschiedliche Wege beschreiten wollen, um es zu erreichen.

Anton Hofreiter bei Markus Lanz (ZDF): „Deutsche Arroganz“ ist ihm zuwider – Ukraine wisse besser, was gut für sie ist

Auf der einen Seite ist da Lars Pohlmeier, Deutschlandvorsitzender der 1980 gegründeten und 1985 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Organisation „Internationale Ärztinnen und Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs“. Sein Credo lautet: „Mehr Diplomatie statt mehr Waffen!“ Denn: „Waffenlieferungen können das Leid der Menschen verlängern.“ Ihm gegenüber im ZDF befindet sich Anton Hofreiter. Der Ex-Co-Vorsitzender der Bundestagsfraktion der Grünen und seit 2021 Vorsitzender des Ausschusses für die Angelegenheiten der Europäischen Union hat einen bemerkenswerten politischen Wandel durchlaufen, denn er findet, erst recht nach seinem Besuch in der Kriegsregion, dass man heute nur noch Pazifist sein kann, wenn man Panzer in die Ukraine schickt, damit sich das Land gegen den russischen Aggressor verteidigen kann.

Markus Lanz im ZDFDie Gäste der Sendung vom 10. Mai 2022
Anton HofreiterPolitiker (Grüne)
Michael BröckerJournalist
Liana FixPolitikwissenschaftlerin
Lars PohlmeierArzt

Am beeindruckendsten ist für ihn, „wie genau die Menschen in der Ukraine unsere Debatte verfolgen.“ Ihm sind paternalistisches Verhalten und „deutsche Arroganz“ zuwider, „wenn wir so tun, dass wir besser wüssten, was für die Ukraine gut ist.“ Und noch drastischer: „Den kolonialen Blick müssen wir uns abgewöhnen!“ 

Markus Lanz (ZDF): Russland-Expertin warnt vor zu frühem Waffenstillstand

Unterstützung erhält das „Münchner Kindl“, den (Partei-)Freunde einfach nur „Toni“ nennen, von den restlichen Gästen bei Markus Lanz (ZDF): „Ein zu früher Waffenstillstand, kann ein größeres Risiko für die Ukraine beinhalten, als weiterzukämpfen“, meint Liana Fix, die Russland-Expertin der Körber-Stiftung. Journalist Michael Bröcker, der 2017 von einer 100-köpfigen Jury der Fachzeitschrift „Medium Magazin“ für die Rheinische Post zum „Chefredakteur (Regionales) des Jahres“ gekürt wurde und seit 2019 für die Media Pioneer GmbH & Co. KG von Gabor Steingart tätigt ist, sagt sogar selbstkritisch: „Ich korrigiere auch meine journalistischen Artikel der letzten Jahre.“

Für ihn ist „das erste Kriegsziel der Ukraine nicht der Frieden, sondern den Krieg zu gewinnen.“ Frei nach dem Motto: „Wir schmeissen die russischen Truppen hinter die Grenzen zurück!“ Deswegen findet er die Bestrebungen von „Emma“-Gründerin Alice Schwarzer, die sich in einem offenen Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) mit 27 anderen „Intellektuellen“ gegen schwere Waffenlieferungen Deutschlands aussprach, „fragwürdig“. Wir würden hier Wladimir Putin als „größenwahnsinnig“ empfinden, für die Ukrainer sei er hingegen „rational“ agierend: „Er tut, das, was er immer getan hat“, um damit die Ziele seiner „zaristisch-ideologistischen Denke“ zu erreichen.

Markus Lanz (ZDF): Arzt plädiert für Friedensverhandlungen im Ukraine-Krieg – doch dazu ist Putin nicht bereit

Der häufig sichtlich um Fassung ringende und manchmal sogar den Tränen nahe Pazifist Pohlmeier also allein auf weiter Flur? Nicht für Markus Lanz! Der Moderator mit dem Mut zur eigenen Meinung bricht eine Lanze für ihn und seine Mitstreiter, da „viele Menschen wie er denken“ und nicht der Eindruck entstehen solle, dass man sich hierzulande nicht mehr gegen schwere Waffenlieferungen aussprechen dürfe. „Paternalistisch sehe ich das nicht“, verteidigt der Arzt seine Haltung. „Waffenlieferungen können Konflikte verlängern“, beharrt er auf seinen Standpunkt. Auf die allerdings auch berechtigte Frage, wie der Krieg durch diplomatisches Geschick beendet werden könne, kommt zuerst ein wenig konkretes „Es gibt keine goldene Antwort für diese Krise.“

Die beiden – zum Glück friedlichen – „Duellanten“ Pohlmeier und Hofreiter liegen im ZDF manchmal gar nicht so weit auseinander. Letzterer glaubt auch, dass am Ende des Krieges Friedensgespräche stehen müssen. Dafür sei es jetzt allerdings noch zu früh. „Mit wem wollen Sie denn verhandeln?“, will er von Pohlmeier wissen. Die Ukraine habe doch versucht, mit Russland Friedensgespräche zu führen, die stets abgeblockt worden seien. Bevor dieser antworten kann, erläutert Hofreiter die Strategie der Regierungskoalition: „Wir stärken die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine, sodass sie dem Aggressor standhalten kann. Gleichzeitig verschärfen wir das Embargo, damit für Russland die Kosten steigen und das Regime bereit ist, zu verhandeln. Es hilft ja nicht, dass wir uns hier einig sind, dass wir verhandeln sollten. Das Problem ist, dass Putin nicht bereit ist, zu verhandeln.“

Markus Lanz (ZDF): Ukraine brauche einen „neutralen Mediator“ – Deutschland sei dafür keine realistische Option

Pohlmeier sieht das bei Markus Lanz anders: „Ich fürchte, dass die Ukraine den Krieg nicht gewinnen kann, weil Russland am Ende des Tages eine nukleare Option hat.“ Dies ist für Bröcker, der sich hier etwas zu kernig einschaltet, nur „ein großer Bluff“. Pohlmeier räumt dann aber ein, dass derzeitige Verhandlungen mit dem russischen Präsidenten aktuell schwer bis überhaupt nicht zu erreichen seien. Deshalb müsse man einen „neutralen Mediator“ finden. Deutschland falle wegen der Waffenlieferungen aus. Vermittlungsversuche von Israel und der Türkei seien bedauerlicherweise auch gescheitert.

Zur Sendung

Den Talk bei Markus Lanz im ZDF können Sie hier nachschauen.

Die Verzweiflung des Mediziners, dessen Frau russisch-ukrainischen Wurzeln hat, wirkt ehrlich: „Ich wünsche den Ukrainern, dass sie in Frieden, Freiheit und Demokratie leben können. Was ich in der Ukraine sehe, bestürzt mich als Arzt.“ Seine Gattin könne sich die auch bei Markus Lanz in Auszügen eingespielte Rede Putins zum „Tag des Sieges“ über NS-Deutschland im Zweiten Weltkrieg, wo der Machthaber indirekt russische Verluste im Ukraine-Feldzug eingeräumt hat, gar nicht im Fernsehen ansehen, so sehr würde sie das mitnehmen. Hofreiter zeigt Verständnis, findet aber: „Man muss seine eigene Haltung auch überdenken.“ Sollten die westlichen Länder der Ukraine nicht mehr helfen, könne das Militär das eigene Land nicht mehr verteidigen.

Markus Lanz (ZDF): Gast befürchtet, dass Putin nicht nachgeben wird – Ukraine wird „total verwüstet“ sein

Russland würde die Ukraine besetzen, die russische Armee könnte weitere Kriegsverbrechen begehen und als nächstes Land vielleicht Moldau angreifen. Dies sogar als Inspirationsquelle für die imperialen Gelüste der Volksrepublik China! Deshalb unterstreicht er nochmals: „Wir müssen die Ukraine so unterstützen, dass Putin zu ernsthaften Verhandlungen bereit ist. Das erreichen wir leider nur mit Waffen. Ich würde mir auch etwas anderes wünschen.“ Etwas primitiv formuliert schließt er seine Ausführungen ab: „Aber ich kann mir einen Aggressor nicht backen.“

Für Pohlmeier, der weiter für schnelle Friedensverhandlungen plädiert, bleibt zum Schluss bei Markus Lanz (ZDF) nur das „Prinzip Hoffnung“. Nun dreht er zur Abwechslung mal den Spieß um und stellt eine Frage: „Ich glaube, dass Putin ein Mensch ist, der nicht nachgeben wird. Welchen Krieg kann die Ukraine gewinnen, wenn am Ende das Land total verwüstet ist?“ Sie bleibt unbeantwortet. Doch die Lösung von Konflikten, geschweige denn die Beendigung eines Krieges, darf man von einer Talkshow ohnehin nicht erwarten. (Marc Hairapetian)

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