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Boris Palmer mit Selbstvorwürfen bei Markus Lanz (ZDF): „Ich war nicht radikal genug“

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Von: Teresa Vena

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Die Talkrunde bei Markus Lanz am 10. November.
Die Talkrunde bei Markus Lanz am 10. November. © Screenshot ZDF

Die Talkshow von Markus Lanz (ZDF) steht ganz im Zeichen Chinas. Ex-VW-Chef Diess findet, dass „Abhängigkeiten nichts an sich Schlechtes“ seien.

Hamburg – Die Sendung vom 10. November 2022 im ZDF stand im Zeichen Chinas. Bei Markus Lanz diskutierten der Ingenieur und Ex-VW-Chef Herbert Diess, der erneut gewählte Oberbürgermeister von Tübingen Boris Palmer, Journalist und „Zeit“-Wirtschaftsexperte Roman Pletter und die Politökonomin Maja Göpel über ihre und Deutschland Angst vor China und dessen Wirtschaftsmacht. Es traten sich Vertreter zweier unterschiedlicher Generationen gegenüber. Während Pletter, Göpel und Palmer gemeinsam mit Moderator Lanz eher zur jüngeren gezählt werden können, repräsentierte Diess die ältere.

Insgesamt war es dann auch letzterer, der das Gespräch im ZDF dominierte. Dies geschah gar nicht auf sonderlich belehrende oder inkonziliante Weise, doch vielmehr zeigte sich in Diess ein Mann, der es gewohnt ist, seine Argumente eloquent und auf väterlich-versöhnliche Art vorzubringen. So kam ihm bei Markus Lanz schließlich die meiste Sprechzeit zu, die er auch vehement dafür nutzte, ein grundsätzlich optimistisches Bild der deutschen Wirtschaft zu malen. Für ihn ist klar, dass Deutschland schon oder bald fähig sein wird, vieles, was bisher aus China oder auch anderen Ländern importiert wird, selbst herzustellen.

Diskussion über China bei Markus Lanz im ZDF

Es sei mehr als berechtigt, dass man sich darüber beschwere, dass Klimaschutzmaßnahmen nicht umgesetzt würden, meinte Diess. „Wir sind zu langsam“, räumte er ein. Doch gab er auch den Impuls: „Wir sollten mehr über die positiven Dinge sprechen“, die in Deutschland entstanden seien, sagte er. Dafür könne man die Automobilindustrie mit ihrem Engagement für die Elektromobilität als Vorreiter sehen. In diesem Punkt wurde Diess von Maja Göpel zurechtgewiesen, indem sie erwiderte, dass eine echte konsequente Haltung eine wäre, die auf die Produktion von großen Autos, die übermäßig viel Energie verbrauchten, verzichtete. Diess widersprach nicht etwa, doch gab zu bedenken, dass sich ein Unternehmen auch nach den Wünschen der Kundschaft richten müsse. An diesem Punkt stellte sich auch der Bezug zu China wieder her. China ist nämlich einer der größten Importeure von deutschen Autos und auch solchen aus dem sogenannten Premiumsegment.

Man befinde sich in einer ungesunden Abhängigkeit zu China, bemerkte Roman Pletter. Der Journalist erklärte, dass es besonders fragwürdig sei, wenn Deutschland weiterhin von der Zulieferung von seltenen Erden aus China abhängig bleibe. „Ich bin skeptisch, wenn man sagt, dass China kein Interesse hat, uns zu schaden“, meinte Pletter im ZDF bei Markus Lanz weiter. Es sei bereits bei Russland zu einer solchen Fehleinschätzung gekommen, „die ökonomische Rendite steht nicht mehr im Zentrum, vieles ist nicht mehr ökonomisch rational“, wie sich Russland und eben auch China verhielten.

Markus Lanz im ZDFDie Gäste der Sendung vom 10. November
Herbert DiessEx-VW-Chef
Boris PalmerPolitiker, Tübinger Oberbürgermeister
Roman PletterJournalist, „Zeit“-Wirtschaftsexperte
Maja GöpelTransformationsforscherin, Politikökonomin

Markus Lanz: ZDF-Talkshow im Zeichen von China

Auch Diess räumte ein, dass ihm die neusten Entwicklungen der chinesischen Führung in Richtung einer Rückbesinnung auf leninistische Werte und einer Tendenz zur Abkapslung des Landes „Sorgen bereitet“. Dennoch, ohne China wird es nicht gehen. „China leistet einen massiven Beitrag zu unserem Wohlstand“, sagte er, „Wir brauchen China und wir brauchen einen rationalen Umgang damit“. Das beinhalte eine Auseinandersetzung mit den politischen Verhältnissen. Über die menschenrechtsverletzenden Vorkommnissen dürfe man nicht hinwegsehen, man müsse vielmehr „Gesicht zeigen“. Und das gehe nur, wenn man präsent bleibt, wenn man „aufzeige“. Im Prinzip waren sich Diess und Pletter hier einig, auch wenn Pletter Diess Haltung nicht gänzlich ernst zu nehmen schien. Doch auch Pletter gestand ein, dass es schwierig sei, „Geschäfte nur in ‚sauberen‘ Ländern zu machen“. Das wären noch 10% der Länder auf der Welt.

Zur Sendung

Markus Lanz im ZDF. Die Sendung vom 10. November 2022 in der ZDF-Mediathek.

Eine gewisse chinesische Lebensart scheint Diess verinnerlicht zu haben, da er immer wieder schon fast floskelhaft, wie ein Mantra, wiederholte, dass „Abhängigkeiten nichts an sich Schlechtes“ seien. Das ist sicherlich nicht falsch, denn es gehört zum Prinzip einer „arbeitsteiligen Gesellschaft, in der wir leben“, wie Diess es beschrieb, dass man gegenseitige Abhängigkeiten schaffe. Zudem „macht es ohne Abhängigkeiten alles teuer“, gab Diess noch zu bedenken. Vielleicht muss es aber auch genau darauf hinauslaufen. Das meinte zumindest Göpel bei Markus Lanz. Vielleicht benötigt die deutsche Wirtschaftsstruktur das heutige Produktionsvolumen gar nicht mehr. Vielleicht käme man nach auch mit weniger zurecht.

Boris Palmer zeigt bei Markus Lanz, wie man CO2-Emissionen senkt

Wie es funktionieren kann, aus Eigenantrieb mit einer Reduzierung der Abhängigkeiten seinen Beitrag zu Klimaschutz zu leisten, zeigte bei Markus Lanz der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, der mit 52% Stimmenanteil in seinem Amt bestätigt wurde. In Tübingen habe man 30% der CO2-Emissionen senken können, indem man beispielsweise auf energiesparende Stadtbeleuchtung, auf verpflichtende Solarenergietechnik im öffentlichen wie im privaten Bereich umgestiegen ist und Heizungsalternativen für Eigenheime durchsetzte. „Ich war nicht radikal genug, ich mache mir Vorwürfe“, sagte Palmer und zeigte damit die Haltung, über die in der Sendung viel gesprochen wurde. (Teresa Vena)

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