Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Markus Lanz und seine Gäste werden besinnlich in der letzten Sendung vor Weihnachten im ZDF.
+
Markus Lanz und seine Gäste werden besinnlich in der letzten Sendung vor Weihnachten im ZDF.

Wünsche an das Universum

Talk im ZDF: Markus Lanz gönnt sich zu Corona eine eigene Meinung

  • Marc Hairapetian
    vonMarc Hairapetian
    schließen

Ein letztes Mal vor Weihnachten gibt sich Markus Lanz im ZDF die Ehre. Wieder einmal wird die Pandemie besprochen – mit altgedienten Talkshow-Dauergästen.

  • In der letzten regulären Show von Markus Lanz im ZDF wird es weihnachtlich.
  • Thea Dorn, Manfred Lütz und Kester Schlenz sind in bei Markus Lanz zu Gast.
  • Es geht um die omnipräsente Corona-Pandemie – dann wird es religiös.

Man reibt sich die Augen und glaubt es kaum: Schon wieder Thea Dorn, Manfred Lütz und Kester Schlenz in der ZDF-Talkshow „Markus Lanz!“ Letztgenannter Journalist und Autor des Buchs mit dem wohl witzigsten Titel des Jahres - „Ich bin bekloppt ... und ich bin nicht der Einzige: Mein Weg aus der Psychokrise,“ war zuletzt am 26. August Gast bei seinem Freund Markus Lanz. Und die streitbare Philosophin und Moderatorin der Sendung „Das Literarische Quartett“ saß mit dem nur auf den ersten Blick gemütlich wirkenden Psychiater und Theologen gar zusammen am 27. Oktober in der in Hamburg-Altona produzierten Gesprächsreihe des Mainzer TV-Senders. Da denkt man sich als Rezensent: Ich habe doch auch einiges erlebt! Warum laden die mich nicht mal ein…?

Markus Lanz (ZDF): Die immer gleichen Gesichter in den Talkshows

Im Ernst: Die Zusammensetzung der Diskussionsrunde mit den – vor allem seit Ausbruch der Corona-Pandemie – ewig gleichen Teilnehmern aus Politik, Wissenschaft und Kultur ist auf Dauer schon ermüdend bis ärgerlich, mögen die Debatteninhalte mitunter recht spannend sein. Dies ist aber ein allgemeines Phänomen der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten: Denn bei „Maybrit Illner“„ auf die direkt im Anschluss „Markus Lanz“ im ZDF folgt, oderAnne Will, der Konkurrenz von Das Erste, sieht man ständig dieselben Gesichter. Da war es beim letzten Lanz-Talk des an Katastrophen und Tragödien nicht armen Jahres 2020 geradezu eine wohltuende Ergänzung, dass die wahrscheinlich wegen seines mittlerweile hohen Alters von 88 Jahren im Fernsehen nicht mehr omnipräsente FDP-Legende Gerhart Baum mit von der Partie war.

Um es vorwegzunehmen: Der immer noch von wacher Intelligenz geleitete, ehemalige Bundesinnenminister (1978 - 1982) im Kabinett Schmidt II, der sich nach wie vor für den Schutz von Bürgerrechten einsetzt und deren Einschränkung durch staatliche Überwachungsmaßnahmen zu verhindern sucht, trug, ohne in Redseligkeit zu verfallen, mit pointierten Statements dazu bei, dass es diesmal anstatt von Einzelgesprächen und ausufernden Monologen, zu einer phasenweise echten Diskussion kam. Hauptthema - wie konnte es einen Tag nach dem Beginn des verschärften Lockdown hierzulande anders sein - war bei Markus Lanz wieder einmal der „Dauerbrenner“ Corona.

Markus Lanz (ZDF): Weihnachtliche Stimmung im Talkformat

Schelmisch kündigt der smarte Südtiroler seine vorweihnachtliche Sendung als „etwas Besonderes“ an, weil seine Gäste diesmal Paare seien, „die nicht wüssten, das sie Paare sind“. Dabei pflegt Gerhart Baum schon seit geraumer Zeit eine durchaus kontrovers geführte Brieffreundschaft mit der fast 38 Jahre jüngeren Thea Dorn, die einer der profiliertesten Vertreter des linksliberalen Flügels der FDP gar als „konservativer als ich“ bezeichnet. Was aber nun die große Gemeinsamkeit zwischen Lütz („Wer den Tod verdrängt, verpasst das Leben“) und dem lange an Angstzuständen in einer nicht nur für ihn stets bedrohlicher erscheinenden Welt leidenden Kester sein soll, bleibt über die Sendung hinaus das Geheimnis von Markus Lanz.

Dafür sind die Gesprächsinhalte innerhalb des großen Überbaus Corona an jenem Donnerstagabend mehr ethisch-philosophischer, ja sogar religiöser Natur. Die Frage, wie sich die Lockdown-Maßnahmen mit dem Grundgesetz vereinbaren lassen, erklärt zum Auftakt Baum mit dem in der Verfassung verankerten „Lebensrecht“, welches ergänzt worden sei „weil die Nazis das Leben mit Füßen getreten haben“. Dieses Leben in der Pandemie zu schützen, ist für ihn „ein hohes Gut.“ Der Staat habe noch nie so viel verboten, aber dies habe vorbeugenden Charakter: „Es ist nicht wie in Shakespeares ´Der Sturm´: „My ending is despair“. Ich möchte leben - und dass der Staat mich schützt.“

Markus Lanz und seine Gäste werden besinnlich in der letzten Sendung vor Weihnachten im ZDF.

Ehrlich gibt er zu, dass er es als Politiker gewohnt gewesen sei „irgendwie, schon alles zu managen“. Und nun ergreife ihn manchmal ein Ohnmachtsgefühl, obwohl die Situation keineswegs mit dem Dritten Reich, wie es so manche Querdenker und Corona-Leugner täten, zu vergleichen sei, als er im Luftschutzkeller sitzend, einfach nur lebend davonkommen habe wollen. Deplatziert bemerkt Markus Lanz: „Ich erinnere mich dunkel: Sie sind an der Hand ihrer Mutter geflohen.“ War der am 16. März 1969 in Bruneck (also fast 24 Jahre nach Kriegsende) geborene Talkmaster etwa dabei gewesen…?

Markus Lanz (ZDF): Der Moderator erlaubt sich eine eigene Meinung

„Man darf die Gesundheit nicht als höchstes Gut in einer freiheitlichen Demokratie sehen, sonst wird es totalitär.“, ergänzt Lütz. Einig sind sich im ZDF inklusive Markus Lanz alle, dass es sich bei der erneuten Verschärfung der Maßnahmen um „Risikoverminderung“ handele, auch wenn sie nicht nur zu Lasten einzelner, sondern ganzer Berufsgruppen wie den Kulturschaffenden ginge. Deswegen dürfe man Menschen, die unter diesen Maßnahmen litten, nicht als „gereizte Deppen“ oder „Lockdown-Weicheier“, wie es Thea Dorn einmal gesagt hätte, abqualifizieren, gönnt sich Markus Lanz wie kaum ein anderer Moderator im deutschen Fernsehen eine eigene Meinung. Logisch, dass ihm die zitierte Kollegin da beipflichtet.

Markus Lanz (ZDF): Corona-Maßnahmen – „Das hat es nicht mal in der Steinzeit gegeben!“

Als der Deutsch-Italiener der Runde Ausschnitte der Salami-Taktik von Bundeskanzlerin Merkel (CDU) und dem bayrischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) vorführt, die ihre Maßnahmen-Politik der Öffentlichkeit nur scheibchenweise, also im Abstand vieler Wochen, präsentierten, reagiert Baum fast erbost: „Warum sagen sie uns nicht die Wahrheit, dass es auch mit dem Impfen länger dauern wird?“ Er wisse dies vom Virologen Christian Drosten, der im kommenden 2021 ebenfalls schon jetzt „kein Zuckerschlecken“ sehen würde.

Dorn, die sonst viel in endlosen Halbsätzen spricht, schaltet sich im ZDF lakonisch ein: „In Wahrheit weiß keiner, was kommt. Das ist die Wahrheit!“ Und Lütz zieht gar historische Vergleiche: „Im Grunde wussten die mittelalterlichen Massen mehr über die Pest, als wir über Corona.“ Er habe zwar hohen Respekt vor der derzeitigen Handlungsweise der Politiker, ist aber entsetzt darüber, dass in der Geschichte beispiellos flächendeckend im Corona-Jahr 2020 durch Besuchsverbote in Altenheimen oder Krankenhäusern Menschen nicht an den Händen ihrer Angehörigen sterben durften: „Das hat es nicht mal in der Steinzeit gegeben!“.

Markus Lanz (ZDF): Schrifsteller Kester Schlenz spricht über Depression

Kester Schlenz kommt diesmal im ZDF zu kurz. Immerhin kann er, der die AHA-Formel (Abstand halten, Hygiene beachten und Alltagsmaske tragen) zwar vehement verteidigt, fast schüchtern zum Ausdruck bringen, dass er aufgrund seiner Depressionen mit der Furcht vor Bakterien und Viren die Corona-Maßnahmen schon vor Bekanntwerden der Pandemie täglich durchexerziert habe: „Bis ins Wahnhafte habe ich alles versucht, nicht krank zu werden und bin bei jedem Versuch kränker geworden.“ Deswegen habe er im ersten Lockdown fast eine „makabre Genugtuung“ verspürt, dass die angeblich so gesunde Umwelt nun auch von Ängsten geplagt sei. Bei dem langen Weg raus aus der inneren Krise würde auch Humor eine wichtige Rolle spielen. Nach seinem August-Auftritt habe er viel Zuspruch erhalten, auch von Fremden. Einem Mann, der wie Markus Lanz aus Bruneck stammt, konnte er mittels Internet-Recherche sogar einen Verhaltensforscher vermitteln.

Markus Lanz (ZDF): Wünsche an das Universum – Weihnachten als Licht in der Dunkelheit

Eine Woche vor dem Weihnachtsfest - Corona hin oder her - wird es dann doch auch im ZDF noch besinnlich und äußerst religiös: „Ich bin Christ. Ich glaube an das ewige Leben, nicht an das unendliche“, bekennt der römisch-katholische Theologe Lütz, der erfreut sei, dass er dies ungehindert in einer Fernsehsendung loswerden dürfe: „Ich glaube an die Menschwerdung Gottes, an einen humanistischen Gott.“ Dieser Glaube, lasse das durch Corona entstandene Leid besser ertragen: „Wünsche an das Universum, den Untergang einer Menschheit in einem peripheren Sonnensystem zu verhindern, interessieren selbiges nicht die Bohne“ und man könne in einer Talkshow eigentlich nicht darüber sprechen, ohne schief angesehen zu werden. Markus Lanz lässt ihn gewähren.

Auch für Kester Schlenz sei Weihnachten aufgrund der versammelten Gemeinschaft „immer ein Licht in der Dunkelheit“ gewesen. Es stimme ihn allerdings traurig, dass dies nun so durch Kontaktbeschränkungen limitiert sei. Baum, dem der Tenor der Sendung im ZDF bei Markus Lanz „zu düster“ erscheint, möchte hingegen „Mut zur Zukunft“ verbreiten, wobei ihm die stets für den Erhalt der Kultur eine Lanze brechende Dorn widerspricht: „Fragen Sie mal den Hornisten, der wegen Corona seine 40 Konzerte im Jahr nicht spielen durfte, ob ihm digitale Konzerte Mut machen.“

Markus Lanz (ZDF): Gelassenheitsgebot gilt auch in der Corona-Krise

Doch dann zieht sie, als Markus Lanz am Ende der ZDF-Sendung noch schnell einen „schlauen Gedanken“ von ihr wissen will, ein versöhnlich stimmendes Fazit, indem sie das „berühmte Gelassenheitsgebot“ anführt: „Ich glaube - jetzt lacht gleich Herr Lütz -, dass wir den Mut brauchen, gegen die Dinge zu kämpfen, gegen die wir kämpfen sollen, und die Gelassenheit haben, die Dinge hinzunehmen, die wir nicht ändern können.

Und ganz wichtig: Die Weisheit zwischen beidem zu unterscheiden.“ Lütz daraufhin priesterlich: „Gott schenke uns die Weisheit zwischen beiden zu unterscheiden!“ Sie kontert agnostisch: „Das geht auch, wenn man das ´Gott´ vorne weglässt.“ Für Markus Lanz ist das der Beginn einer wundervollen neuen (Brief-)Freundschaft zwischen Dorn und Lütz: „Diese Ehe sehe ich auch!“ Amen. (Marc Hairapetian)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare