Bei Markus Lanz (l.) im ZDF war unter anderem Ministerpräsident Tobias Hans (r.) zu Gast.
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Bei Markus Lanz (l.) im ZDF war unter anderem Ministerpräsident Tobias Hans (r.) zu Gast.

Markus Lanz, ZDF

Ministerpräsident witzelt bei Markus Lanz (ZDF) über Gast: „Er klingt fast schon wie Söder!“

  • Marc Hairapetian
    vonMarc Hairapetian
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Markus Lanz spricht mit seinen Gästen über Corona und den abgesagten CDU-Parteitag. Dabei läuft nicht alles wie gedacht.

  • Markus Lanz spricht im ZDF unter anderem mit Ministerpräsident Tobias Hans. Thema ist der abgesagte Parteitag der CDU.
  • Die Gäste in der ZDF-Talkshow disktutieren auch über die Maßnahmen in der Corona-Krise und einen Vektorimpfstoff.
  • Elmar Theveßen berichtet über die neuesten Entwicklungen rund um die US-Wahlen.

Das grundsätzliche Problem heutiger TV-Talkshows liegt fast immer darin, dass man zu viele Themen unter einem Hut bringen will, weil die Programmmacher (und auch deren Redaktionen) befürchten, dass der Zuschauer nicht (mehr) die volle Konzentration über eine Stunde für einen einzigen Sachverhalt hat. Längst vorbei sind die Zeiten, als sich ein Günter Gaus in der von ihm zwischen 1963 und 2004 präsentierten ZDF-Reihe „Zur Person“ nur einer einzigen, meist prominenten Persönlichkeit annahm.

Seit geraumer Zeit hat die auch schon seit 2008 laufende Gesprächsrunde bei „Markus Lanz“ beim selben öffentlich-rechtlichen Sender fast immer vier Studiogäste plus ab und an einen aus dem Ausland zugeschalteten Reporter, der häufig Elmar Theveßen heißt und Leiter des ZDF-Studios in Washington ist.

Der renommierte Posten kostet die Mainzer vom ZDF schließlich eine Stange Geld - und das will man ja auch nicht ohne Gegenleistung ausgeben. Doch bei aller vermeintlichen Vielfalt wiederholen sich die mehr oder weniger heiß diskutierten Inhalte bei „Markus Lanz“ in den letzten Monate immer wieder. Dauerthema Nummer Eins ist und bleibt die COVID-19-Pandemie. Natürlich auch diesmal am Abend vor der von der Bundeskanzlerin einberufenen Ministerpräsidentenkonferenz, bei der verschärfte Maßnahmen mittels eines sogenannten „Lockdown Light“ mit hoher Wahrscheinlichkeit schon jetzt als beschlossen gelten.

„Markus Lanz“ im ZDF: 22-minütiges Gespräch über den CDU-Parteitag

Doch bevor es dazu kommt, widmet sich Markus Lanz im ZDF ganze 22 von insgesamt 74 Minuten einem anderen Gesprächsgegenstand, von dem sein erster Gesprächspartner Tobias Hans, seines Zeichens Ministerpräsident des Saarlandes und Vorsitzender der CDU Saar, sagt: „Es ist jetzt wirklich nicht das wichtigste, einen CDU-Parteitag durchzuführen. Wir sollten jetzt den Fokus darauf richten, dass die Partei am Ende geschlossen aus dem Parteitag hervorgeht.“ 

Vielleicht bezieht der erst 42-Jährige auch deshalb bei Markus Lanz keine Stellung zur kürzlich getätigten Aussage des Vorsitzkandidaten Friedrich Merz, der wegen des ursprünglich für Dezember geplanten, aber nun wegen der enorm gestiegenen Infektionszahlen abgesagten Parteitags seine Felle davonschwimmen sehend in bester Donald-Trump-Manier gegen das „Establishment“ seiner eigenen Partei gewettert hatte. Da reißt sogar dem sonst so konzilianten Markus Lanz in seiner ZDF-Talkshow schließlich der Geduldsfaden: „Ich habe sie jetzt dreimal gefragt, ob Merz, sich selbst geschadet hat. Dreimal haben Sie nicht geantwortet.“ Ein viertes Mal will es dann Lanz nicht mehr von Hans wissen. 

Psychiater Manfred Lütz spricht bei „Markus Lanz“ im ZDF über die Corona-Angst der Bevölkerung

Der Gastgeber Lanz wendet sich während seiner ZDF-Talkrunde vielmehr dem Thema zu, das alle angeht und wozu auch die restlichen drei Studiobesucher etwas beitragen sollen: „Was macht die Corona-Krise psychisch mit uns?“, wendet sich der smarte Südtiroler zunächst Psychiater und Theologe Manfred Lütz, Verfasser des Sachbuchs „Neue Irre - Wir behandeln die Falschen: Eine heitere Seelenkunde“ zu.

Dieser gibt bei allen berechtigten Sorgen und der damit aber auch von Regierungsseite geschürten Panik(mache) in den letzten Wochen eine beruhigende Antwort: „Wenn die Stimmung in der Bevölkerung insgesamt absinkt, ist das nicht krank. Dann ist das keine Störung, sondern eine normale menschliche Reaktion.“ Markus Lanz reagiert ungewohnt zynisch darauf: „Wir sind eine gefühlige Gesellschaft geworden, wo der erste Schnupfen schon zur Lebenskrise gerät.“

Markus Lanz fragt im ZDF nach konkreten Maßnahmen gegen die Corona-Krise

Dann nimmt Markus Lanz sich erneut den zwar besonnenen, aber etwas blassen Hans vor, fragt wie die Verschärfung der Corona-Maßnahmen konkret aussehen solle. Erneute Schließung der Restaurants etwa? „Ich habe keine festgelegte Meinung“, sagt Hans fast eingeschüchtert und verweist darauf, dass es von regionalen Infektionszahlen und griffigen Hygiene-Konzepten abhängen würde. Im letzteren Fall seien Restaurants und Hotels nicht zwingend zu schließen.

Etwas überraschend eilt ihm Lütz herbei und verteidigt im ZDF-Talk die Regierung, die im Fall von Corona „unlogisch handeln“ müsse: „Wir brauchen 83 Millionen Regeln.“ Sagt es und spielt dabei auf die Gesamteinwohnerzahl der Bundesrepublik an. „Die Einsamkeit bekämpfen wir mit dem Maskentragen. Wenn wir dies machen, haben wir irgendwann weniger Einschränkungen“. „Er klingt fast schon wie Söder!“, witzelt Hans über Lütz, der zuvor den Ministerpräsidenten des Freistaats Bayern und gleichzeitigen CSU-Vorsitzenden als „zu vorpreschend“ kritisiert hatte. Das befreiende Lachen aller im Studio tut zuhause vor dem Bildschirm auch dem Zuschauer von „Markus Lanz“ im ZDF gut.

„Markus Lanz“ im ZDF: Thea Dorn fürchtet den Untergang der Kultur

Thea Dorn, Philosophin (Magisterprüfung an der FU über Selbsttäuschung), Autorin („Deutsch, nicht dumpf. Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten“) und seit März 2020 selbst Moderatorin der ZDF-Sendung „Das Literarische Quartett“, fürchtet durch die Regierungsmaßnahmen den „Untergang der Kultur“ hierzulande. Außerdem sorgt sie sich um die freiheitlichen Grundrechte. Sie sei bestürzt wie medial mit Dr. Klaus Reinhardt, dem Präsident der Bundesärztekammer, der bei seinem Auftritt bei Markus Lanz vor einer Woche den wissenschaftlichen Evidenznachweis der Schutzwirkung von Mund-Nasen-Masken in Zweifel gezogen hatte, umgegangen worden wäre, so dass dieser aufgrund des öffentlichen Drucks in einem schriftlichen Statement schließlich förmlich zurückrudern musste: „Ich war schockiert darüber, wie sehr dieser Mann in die Mangel genommen wurde.“

Markus Lanz in der ZDF-Mediathek

Sendung verpasst? Die Folge vom Dienstag, 27.10.2020, ist in der Mediathek des ZDF zu finden.

In der angeblich so „freien westlichen Welt“ müsse doch „ein angstfreier Diskurs“ möglich sein. Die Menschen würden derzeit viele Ängste in sich tragen und zwar vor Vereinsamung, wirtschaftlichem Ruin oder dem Klimawandel. Ihre eigene größte Angst sei die vor der nachhaltigen Beschädigung der Demokratie“, so Thea Dorn in der ZDF-Talkrunde „Markus Lanz“. Die unangepasste Querdenkerin, die allerdings zum Schutz von anderen selbst eine Maske tragen würde, findet es von Politik und Zivilgesellschaft „hochunfair“, in Corona-Zeiten „die Wissenschaft als Heiland“ zu betrachten.

ZDF-Talkshow „Markus Lanz“: Dr. Christine Dahlke forscht an einem Vektorimpfstoff

Das spannendste Thema des Abends wird leider nur kurz angerissen: Dr. Christine Dahlke vom Deutschem Zentrum für Infektionsforschung (kurz: DZFI) in Hamburg, forscht mit ihren Kollegen und denen der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) an einem Vektorimpstoff auf Basis eines modifizierten Pockenvirus (Modified-Vaccinia-Ankara-Virus, MVA). In den MVA-Vektor wird die Erbinformation für das Spike-Protein von Sars-CoV-2 integriert, das im Körper des Geimpften entsteht und eine Immunreaktion auslöst. Ob der aussichtsreiche Impfstoffkandidat allerdings einen kompletten Schutz ermögliche oder bei einer Infektion nur mildernde Wirkung habe, könne sie ehrlicherweise noch nicht sagen. Ob sie nicht unter enormen Druck stünde, fragt Markus Lanz im ZDF. „Ich denke, ich kippe nicht um vor Druck. Mein Tag ist so getaktet, dass ich keine Zeit habe, darüber nachzudenken.“

Das hat leider auch nicht mehr das Fernsehpublikum, als Markus Lanz etwas unmotiviert Elmar Theveßen zuschalten lässt. Der Journalist berichtet über die neuesten Entwicklungen im US-Wahlkampf, der jetzt in die entscheidende Phase tritt. Einspieler vom sich selbst produzierenden Donald Trump zu Corona („Ich hatte es. Hier bin ich!“) und dem nicht mehr so vital wirkenden, (zu) ehrlichen Kontrahenten Joe Biden, der bis 2035 die Ölindustrie abschaffen will, was ihm nicht nur Wählerstimmen in Pennsylvania und Texas kosten könnte, kennen wir beim „Wetten, dass..?“-Totengräber schon zur Genüge.

Im ZDF nichts wirklich Neues also. Dafür macht Markus Lanz noch fleißig Werbung für Theveßens tags darauf ausgestrahlte „tolle“ Dokumentation „American Voice: Reise durch ein zerrissenes Land“. Zerrissen ist trotz des brisanten Mittelteils diesmal auch seine Sendung, in der die Teilnehmer nicht wirklich miteinander diskutierten, gewesen. (Marc Hairapetian)

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