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Markus Lanz (ZDF) über Impfungen von Kindern.
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Markus Lanz (ZDF) über Impfungen von Kindern.

TV-Kritik

Markus Lanz (ZDF) - seine Meinung zur Corona-Politik: „Man schützt uns zu Tode!“

  • Marc Hairapetian
    VonMarc Hairapetian
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Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller offenbart bei „Schein-Debatte“ Inkompetenz. Die TV-Kritik zu Markus Lanz im ZDF.

Hamburg - Welche Themen lassen sich noch beim „Corona-Plausch“ von Markus Lanz, denn so müsste seine Sendung im ZDF seit mittlerweile eineinhalb Jahren eigentlich heißen, sinnfällig ergänzen? Vor der gar nicht so leichten Auswahl stehen der smarte Südtiroler und seine Redaktion drei Mal wöchentlich.

Am gestrigen lauen Donnerstagabend flankierten die Debatte um die immer noch allgegenwärtige Virus-Pandemie die Bilanz von Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller (SPD) und die Wasserknappheit hierzulande. Letztere, eminent wichtige Problematik ist bisher wohl auch deshalb von den Medien eher selten aufgegriffen worden, weil sie für Meinungsmacher und Lobbyisten einfach „nicht sexy genug ist“, wie in der Gesprächsrunde die erst 22-jährige Journalistin und Bloggerin Yasmine M´Barek treffend bemerkte.

Markus Lanz (ZDF): Michael Müller wird auf sanfte Art in die Mangel genommen

Bevor dazu Systemwissenschaftlerin Claudia Pahl-Wostl weit nach Mitternacht auf gerade zu erfrischend sachliche Art referieren konnte, wurde von den zwei anderen Damen, SZ-Wissenschaftsredakteurin Christina Berndt und besagter Zeit-Online-Autorin Yasmine M´Barek, sowie Moderator Markus Lanz der einzige männliche Studio-Gast auf sanfte Art in die Mangel genommen, was wie ein Widerspruch in sich klingt, aber mitunter umso perfider sein kann: Geradezu gelassen wehrte sich Michael Müller.

Der nach seiner Zeit als Regierender Bürgermeister der Hauptstadt wohl höhere Ambitionen anstrebende Politiker, auf seiner Webseite im weißblau karierten Hemd posend allerdings so aussieht, als ob er eher der CSU in Bayern als der SPD in Berlin angehören wurde, offenbarte aber auch nicht für möglich gehaltene Inkompetenz bei der Thematik „Reiserückkehrer“.

Wie kam es dazu? Eine allgemeine Reiserückkehrer-Testpflicht soll nach übereinstimmenden Medien-Berichten bereits am Sonntag erfolgen. Ob dann Kinder, die mit ihren Familien aus einem Urlaubs-Risikogebiet zurückkommen, in Quarantäne geschickt werden müssten, will Markus Lanz von Michael Müller wissen. Dahinter steckt die Vermutung, dass so möglicherweise der Schulstart nach den Sommerferien verpasst würde, was eventuell sogar zu Strafen führen könnte.

Die Gäste bei „Markus Lanz“ im ZDF am Donnerstag, 29. Juli:

Michael MüllerBerlins Regierender Bürgermeister
Claudia Pahl-WostlSystemwissenschaftlerin
Christina BerndtSZ-Wissenschaftsredakteurin
Yasmine M´Barek„Zeit Online“-Autorin

Berlins Oberhaupt möchte Markus Lanz’ Sorge nonchalant zerstreuen: Deutsche Kinder bräuchten doch nach einem Aufenthalt im Hochrisikogebiet nicht in Quarantäne; es gebe ja für sie ja kein Impfangebot. Dabei haben sie anders als Erwachsene noch nicht die Möglichkeit, sich durch eine doppelte Impfung von einer Quarantänepflicht zu befreien! Michael Müller fügt stattdessen an: „Wir starten in das Schuljahr mit einer Testpflicht.“ Lehrer und Schüler sollten künftig drei Mal pro Woche in der Schule getestet werden. Nicht nur Markus Lanz ist mehr als perplex.

Christina Berndt interveniert: „Meiner Ansicht nach stimmt das nicht.“ Kinder müssten sich ebenso wie ungeimpfte Erwachsene nach Reisen in Hochrisikogebiete „frei-testen“, um wieder am Schulbetrieb teilnehmen zu können. „Das weiß ich jetzt auch nicht so genau“, offenbart Michael Müller. „Sie müssten das als Regierungschef aber genau wissen“, kritisiert ihn Markus Lanz zu Recht und hakt nach: „Wie kann das sein?“

Markus Lanz (ZDF): Für einen kurzen Moment gerät Michael Müller aus der Fassung

Für einen kurzen Moment gerät Michael Müller, der seit dem 1. Oktober 2020 auch Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz ist, die sich ja die Eindämmung von Corona auf die Fahne geschrieben hat, aus der Fassung. Man sieht ihm förmlich an, wie er überlegt - und dann nach außen ruhig antwortet: Die Maßnahmen würden sich ja fortlaufend ändern. Da könne man schon mal, auch als Politiker, kurzzeitig den Überblick verlieren.

Dies gesteht ihm auch Christina Berndt zu, die laut eigener Angabe „nichts anderes als Corona macht“. Sie findet den Fauxpas „verzeihlich“. Das Virus bilde ja ständig neue Mutanten. Salopp sagt sie: In den anderen Ländern ginge es „wie Schmitz’ Katze ab“, weil die Menschen „Freedom Days“ feierten und damit die Fallzahlen wieder nach oben treiben würden. Der Rezensent denkt sich an dieser Stelle: Kann man Michael Müllers Fehler wirklich so milde nachsehen? Schließlich sind es doch die Politiker, die nach den Empfehlungen von wissenschaftlichen Institutionen die Corona-Regeln andauernd ändern!

Markus Lanz (ZDF): Bei Corona gibt es ein „Kommunikationsproblem“

Und vermutlich deswegen setzen Christina Berndt und auch Yasmine M´Barek dann doch noch mehr nach, als es ohnehin schon Markus Lanz getan hat: Beide sehen ein „Kommunikationsproblem“. Die Außendarstellung müsste klarer sein. Christina Berndt findet, dass sich Politiker nicht einmischen dürften, indem sie der Ständigen Impfkommission (STIKO) Daten vorlegten und auf deren Grundlage eine Einschätzung der COVID-Vakzine für Kinder anregten, denn die STIKO sei ja ein unabhängiges Gremium.

Für Michael Müller ist hingegen diese Einmischung „nicht verwerflich“. Im Gegenteil: Mit Blick auf die Sicherheit des Schulalltags könnte ein Impfangebot für Kinder einige politische Debatten vereinfachen. Impfung für Heranwachsende, das stellt er jedoch klar, wäre eine Möglichkeit, kein Muss. Allein in Berlin seien 11.000 Luftfilter im Einsatz, soviel wie in keinem anderen Bundesland. Diese und eben regelmäßige Testungen würden den Schulalltag auch in Corona-Zeiten wieder sicherer machen. Das größte Problem in der Impf-Kampagne stellen seiner Ansicht die Gruppe der 20 - 25-Jährigen dar, deren Reaktion „gelinde gesagt verhalten ist“ - und dies trotz Angeboten bei Club-Nächten oder sogar beim IKEA-Einkauf.

Markus Lanz (ZDF): Einiges an Wut auf die oft unlogische Corona-Politik

Das kann Yasmine M´Barek, die bekanntlich dieser Altersgruppe angehört, stellvertretend für ihre Generation nicht auf sich sitzen lassen. Bei jungen Leuten habe sich einiges an Wut auf die oft unlogische Corona-Politik angestaut. Die „Schein-Debatten“ hätten dafür gesorgt, dass junge Leute, die über eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr Universitäten oder andere Ausbildungsstätten besuchen konnten, der Politik hierzulande überdrüssig geworden seien. Deswegen würden laut der Studentin Solidarität und Altruismus klein geschrieben und so feiere man nach der EM mit vollen Stadien auch in Deutschland bundesweit wieder in Massen, wie zuletzt beim gut besuchten Christopher Street Day. „Die Alten“ machten ja jetzt auch wieder, was sie wollen.

„In diesem Moment“, versichert Michael Müller, gehe ein von ihm unterzeichneter Brief an alle Studierenden, der bei kollektiver Impfung ein „Präsenzsemester“ in Aussicht stellen würde. „Impfen lohnt sich immer, weil man sich und andere schützt“, sagt er schlicht, aber auch einleuchtend.

Markus Lanz (ZDF): Vakzine in den Arm jagen lassen - „Wofür habe ich das eigentlich gemacht?“

Alle Gesprächsteilnehmer sind sich zur Abwechslung darüber einig, dass fortan nicht mehr die Inzidenz allein maßgeblich für die Corona-Politik mit ihren oftmals drastischen, die Grundrechte doch erheblich einschränkenden Maßnahmen sein darf. Für Michael Müller sind die Situation in den Krankenhäusern, die Belegung der Intensivbetten beispielsweise, und natürlich auch die Zahl der Sterbefälle, die weit zurückgegangen ist im Vergleich zum letzten Jahr, mindestens ebenso wichtig.

Christina Berndt, die Geimpften derzeit mehr Rechte zustehen möchte als Ungeimpften, will auch die Quote der Arbeitsunfähigkeit durch Corona berücksichtigt wissen. Die Auffrischung der Impfungen stünde ja jetzt bald für die bereits im Februar/März erstmals vollständig Vakzinierten an. Wie diese allerdings organisiert werden soll, ob durch Impfzentren oder Hausärzte, darüber verliert die ansonsten so gesprächsfreudige Runde kein Wort.

Markus Lanz (ZDF): Michael Müller vetröstet

Etwas lapidar bemerkt Markus Lanz, dass man - wie es einst Virologe Hendrik Streeck vorformuliert hat - lernen müsse, mit dem Virus zu leben. Dann wirft er eine wichtige Frage zur Doppelimpfung in den Raum, die von keinem der Gäste wirklich beantwortet wird: „Wofür habe ich das eigentlich gemacht?“ Die Politiker hätten mit mehr Freiheiten gewinkt, wenn man sich die Vakzine „in den Oberarm jagen lassen“ würde, doch diese wären noch immer sehr reduziert.

Markus Lanz, der es sich nicht nehmen lässt, immer auch seine eigene Meinung kundzutun, kritisiert: „Man schützt uns zu Tode!“ Lange hätte man alte Leute in Pflegeheimen nicht besuchen dürfen: „Dann stirbt die alte Frau an Einsamkeit!“ Michael Müller, der noch im letzten Jahr im Berliner Senat das Besuchsverbot in der Hochphase der ersten Corona-Welle beschlossen hat, stimmt ihm zu. Deshalb habe man diese menschenunwürdige Verordnung auch wieder zurückgenommen, als sich die Lage etwas entspannt hätte. Er vertröstet die Anwesenden (und auch den Fernsehzuschauer): Bei einer Impfquote von 60 - 65 Prozent könne man leider noch nicht wieder alle Freiheiten gewähren. Er sei kein Experte, schätze aber, dass dies bei circa 85 Prozent der Fall sein würde.

Markus Lanz (ZDF): Flutkatastrophe ist auch Thema

Abrupter Themenwechsel: Alle reden von der in der Tat schrecklichen Flutkatastrophe. Claudia Pahl-Wostl, die Professorin für Ressourcenmanagement am Institut für Umweltsystemforschung (USF) in Osnabrück ist, weist auf die immer stärker werdende Wasserknappheit in diesem Land hin. Die Verschwendung der lebenswichtigen Ressource wird anhand einer Bildtafel konkretisiert: Ein für viele schmackhafter Hamburger mit all seinen Zutaten wird gezeigt. Allein 15.000 (!) Liter würden bei der Verarbeitung für ein Kilo Rindfleisch, das ja ein wesentlicher Bestandteil von Burgern ist, verbraucht. Markus Lanz kann es nicht fassen: „Das sind 80.000 volle Badewannen oder ein Jahr lang täglich fünf Minuten duschen!“

Wir würden uns in extremen Zeiten befinden, vor allem was den Klimawandel belangt, sagt Claudia Pahl-Wostl. Auf Fluten wie 2002, sei ein Jahr der Dürre gefolgt. Die Leute aus der Stadt müssten über die chemische Verbindung H2O, die aus den Elementen Sauerstoff (O) und Wasserstoff (H) besteht, besser informiert werden, denn: „Wasser ist nicht nur zerstörend. Wasser ist Leben!“ Yasmine M´Barek springt ihr zur Seite: Die „Arroganz Europas gegenüber dem Klimawandel“ sei unerträglich. Sie attackiert dabei die Politiker, die darin keinen „Wahlkampfschlager“ sehen würden. Man müsse umdenken, auch bezüglich der Gigafactory in Berlin-Brandenburg. Es hieße dann besser: „Tesla passiert jetzt nicht. Wacht auf!“

Markus Lanz (ZDF): Michael Müller ist eher ein Manager als ein Visionär

Nach diesem zu kurzen Exkurs überlässt Markus Lanz der Jugend in Gestalt von Yasmine M´Barek das Schlusswort. Was bliebe vom Regierenden Bürgermeister Michael Müller in Berlin, wenn er in den Bundestag einziehe, fragt er. Ihre Antwort ist unverblümt: „Nicht sehr viel.“ Der SPD-Politiker, der bis 2001 als selbstständiger Drucker gearbeitet und es ohne Abitur und Studium in die höchsten Ämter gebracht hat, sei eher ein Manager als ein Visionär. Bei allen Einwänden halte sie ihm aber das Geschick zur „Diplomatie und die Fähigkeit zu vermitteln“ zugute.

„Vielleicht sehen wir Sie als Minister wieder!“, verabschiedet Markus Lanz Michael Müller, dessen am 30. Januar 2020 beschlossener „Mietendeckel“ vom Bundesverfassungsgericht laut Beschluss vom 25. März 2021 aus Gründen der Gesetzgebungskompetenz mit dem Grundgesetz unvereinbar ist und deswegen für nichtig erklärt wurde. „Das war keine politische Glanzleistung“, gibt der noch Regierende Bürgermeister Berlins zu. Selbsteinsicht ist oftmals der erste Weg zur Besserung. (Marc Hairapetian)

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