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Markus Lanz und seine Gäste.
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Markus Lanz und seine Gäste. (Screenshot=

TV-Kritik

„Schaufenster-Politik“: Umgang mit Orban erhitzt Gemüter bei Markus Lanz

  • Marc Hairapetian
    VonMarc Hairapetian
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„Schaufenster-Politik“: Nicht nur Journalist Robin Alexander attackiert bei Markus Lanz im ZDF Saarlands Ministerpräsident Tobias Hans.

Frankfurt – Wer einmal bei Markus Lanz in der Sendung war, wird immer wieder gern von dem smarten Südtiroler beziehungsweise seiner Redaktion eingeladen. Egal ob man etwas Sinnfälliges beizutragen hat oder nicht. Ein Abonnent auf die ZDF-Talkshow in regelmäßig unregelmäßigen Abständen haben: Der mit 43 Jahren noch jugendlich wirkende Ministerpräsident des Saarlands Tobias Hans (CDU), der sich einer journalistischen Übermacht in Gestalt von SZ-Redakteurin Dr. Christina Berndt, Welt-Chefredakteur Robin Alexander und Sport-Podcaster Lucas Vogelsang ausgeliefert sah. Hinzu kamen noch manchmal süffisante Spitzen von Moderator Markus Lanz, sodass es am Dienstagabend (22.06.2021) in der mitunter schon einmal ermüdenden Sendung zu keiner Sekunde langweilig war.

Fußball erhitzt fast immer die Gemüter. So auch die EM 2021, die wegen der Corona-Pandemie erst ein Jahr später, also in diesen Tagen ausgetragen wird. Bei Markus Lanz im ZDF geht es auch hitzig zu. Allerdings wird hier eingangs nicht über die Spiele selbst mit Tricks, Taktik und Toren lebhaft diskutiert, sondern über ein Politikum: die Abneigung der UEFA zu Regenbogenfarben. An sich sollte bei der Begegnung Deutschland - Ungarn in der Allianz Arena München am heutigen Mittwoch das Stadion in diesen zusammengesetzten Farben erstrahlen, doch der sich ansonsten so tolerant gebende europäische Fußballverband als Ausrichter lehnte dies als Zurschaustellung eines politischen Statements ab. Ein Schlag ins Gesicht der LGBTQ-Bewegung und für alle, die sich mit ihr für eine weltoffene Gesellschaft solidarisieren.

Markus Lanz (ZDF): Diskussion über Regenbogenfarben bei EM 2021

Die UEFA, die sich bekanntlich gegen Rassismus engagiert, aber ansonsten fast genauso viel Dreck am Stecken hat wie die übergeordnete FIFA, fürchtet Deutschlands sportlichen Gegner Ungarn zu verärgern, oder um es präziser auszudrücken: dessen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, der zugleich Vorsitzender des rechtspopulistischen Partei Fidesz ist. Dank der Initiative von ihm und seines erzkonservativen „Ungarischen Bürgerbunds“ sollen bekanntlich Information und Aufklärung über Homosexualität per neuem Gesetz verboten werden.

Selbst Markus Söder, seines Zeichens Ministerpräsident des Freistaats Bayern, plädierte im Vorfeld dafür, die Allianz Arena in Regenbogenfarben erleuchten zu lassen. Und auch Tobias Hans findet das bei Markus Lanz „total schade“, dass es nun nicht dazu kommen soll. Da sind sich an diesem Abend alle einig, allerdings mit differenzierter Sichtweise. Laut Lucas Vogelsang sei der Kampf ums runde Leder insgesamt politischer geworden, „weil die Politik Ideen in den Fußball getragen hat, die gut sind“. Er sagt aber nicht zu Unrecht: „Man hätte sich einen großen Gefallen getan, wenn man an allen drei Spieltagen den Regenbogen gegeben hätte.” Indirekt pflichtet ihm Robin Alexander bei, der die Aktion, die für Viktor Orbán kein Schlag ins Kontor, sondern eine Steilvorlage sei, etwas unglücklich.

Markus Lanz (ZDF) bringt seine Abneigung gegen Viktor Orbán zum Ausdruck

Christina Berndt, die mit Fußball anscheinend nicht viel am Hut hat, kritisiert die „drastischen Diskriminierungsschritte“ der ungarischen Politik vehement. Ebenso Tobias Hans, der von einer „himmelschreienden gesellschaftlichen Ungerechtigkeit im Jahr 2021 spricht“, und natürlich Markus Lanz, der sich mal wieder eine eigene Meinung als Gastgeber gönnt, und seine Abneigung gegen den von „einem verweichlichten Gay-Europa“ schwadronierenden Viktor Orbán zum Ausdruck bringt. Konsens besteht bei der Gesprächsrunde auch darin, dass die UEFA mit zweierlei Maß misst: Während der deutsche Nationaltorwart Manuel Neuer wegen des Tragens der Kapitänsbinde in Regenbogenfarben nun doch nicht mit Sanktionen rechnen muss, soll das Stadion in München nicht in selbige getaucht werden…

Die Gäste im ZDF-Talk von Markus Lanz:

Markus LanzZDF-Moderator
Tobias HansMinisterpräsident Saarland
Robin AlexanderJournalist
Lucas VogelsangSportjournalist
Christina BerndtJournalistin

Bei Markus Lanz (ZDF): Robin Alexander wirf Tobias Hans „Schaufenster-Politik“ vor

Nach selten soviel Übereinstimmung bei Markus Lanz bringt dann Robin Alexander folgender Satz von Tobias Hans auf die Palme: „Ich habe meine Weihnachtskarten, die mir Viktor Orbán geschickt hat, in den Müll geworfen.“ Daraufhin wirft ihm Robin Alexander “Schaufenster-Politik” vor: In der Außenpolitik dürfe man solche Leute nicht hofieren, aber man dürfe auch keine Gesten machen, die Verachtung ausdrücken. Denn dies würde nur noch mehr spalten. Ursula von der Leyens vielfach kritisierte Wahl zur Präsidentin der Europäischen Kommission am 16. Juli 2019 anstelle des zuvor favorisierten CSU-Politikers Manfred Weber, der als Spitzenkandidat der EVP angetreten war, sei auch durch die Billigung Viktor Orbáns zustande gekommen.

Tobias Hans wehrt sich: „Sie spitzen das unzulässig zu! Herr Alexander, Sie vermischen Sachverhalte!“ Nur durch Kontaktpflege und Freundschaften in der Europäischen Union können Verbesserungen bei strittigen Punkten erzielt werden. Es sei ein gewaltiger Unterschied, ob man mit Gleichstellungsgesetzen etwas länger brauche, oder ob existierende Rechte eingeschränkt würden. Doch er zeigt auch klare Kante: „Man kann nicht Mitglied der Europäischen Union sein und erwarten, dass derlei nicht kommentiert wird.” 

Markus Lanz (ZDF): Hieb gegen die Politik im Allgemeinen

Und dann stellt der in Berlin-Wedding lebende Autor Lucas Vogelsang („Heimaterde“), der findet, dass die Menschen im Wedding „echter“ wären, als woanders, die alles entscheidende Frage: „Warum wacht man erst dann auf, wenn wir mitten drin sind?“ Nicht nur ein Hieb gegen Tobias Hans, sondern die Politik im Allgemeinen, die erst jetzt mitten in der UEFA EURO und kurz vor dem Spiel Deutschland gegen Ungarn das Thema Solidarität mit der LGBTQ-Gemeinde aufgreift. Das Gesetz gegen die Rechte der Homosexuellen sei „ja nicht zufällig” mitten in diesem Turnier verabschiedet worden. Die Entscheidung der UEFA gegen die Regenbogen-Beleuchtung ist für ihn ein „Kniefall vor Orbán”.

Nach 40 Minuten Schlagabtausch bleibt man beim Fußball. Es fällt sozusagen ein indirekter Freistoß: Die Biochemikerin und Wissenschaftsjournalistin Christina Berndt sieht aufgrund der deutlich ansteckenderen Delta-Variante des Coronavirus Gefahren am Horizont und in den zum Teil wieder gut gefüllten Stadien aufziehen. Das ungebremste Tingeln der Fans durch Europa könnte die Inzidenzen schnell nach oben schießen lassen, während man jetzt schon wieder vom Wechselunterricht hierzulande in den Schulen im Herbst sprechen würden. Sehr zum Leidwesen der Kinder und ihrer Eltern.

Corona-Variante Delta: Auch Markus Lanz ist erbost

Da stöhnt nicht nur sie auf. Auch der dreifache Vater Markus Lanz ist darüber erbost. Während die Inzidenz bei uns fast überall unter zehn liege, sei sie in London schon wieder bei 100, weiß er. Beide vergessen dabei, dass die Tour durch Europa den Fußball-Anhängern mit ihren unterschiedlichen Regelungen (Testungen hier, keine Maske dort etc.) so schwer wie selten zuvor gemacht wird. Doch Superspreading ist natürlich nicht auszuschließen, da bei der Delta-Variante eine höhere Rachenlast gegeben sei und erst die zweite Impfung ausreichend Schutz bieten würde. Bei Lucas Vogelsang werden Erinnerungen an das tragische „Spiel Null“ wach, als sich am 19. Februar 2020 das Achtelfinal-Hinspiel der Champions League Atalanta Bergamo gegen den FC Valencia (4:1), das wegen des Umbaus des Gewiss Stadions in Bergamo ins Stadion San Siro in Mailand verlegte wurde, mit seinen 44.236 ausgelassen feiernden Zuschauern zu einem Hotspot der COVID-19-Pandemie in Italien entwickelte.

ZDF-Talk Markus Lanz

Die Sendung von Markus Lanz am 22. Juni 2021 in der ZDF-Mediathek zum Nachschauen

Das Neue Nationalstadion (Ferenc Puskas Stadion) in Budapest war nun bisher als einziges bei der EURO mit gut 57.000 Zuschauern, die keine Masken trugen und keinen Abstand wahren konnten, bis auf den letzten Platz gefüllt. Doch alle Besucher müssen getestet sein und die Inzidenz in der Stadt liegt unter zehn im Gegensatz zu London, wo sie zehnmal so hoch ist. Lucas Vogelsang weist auf die Scheinheiligkeit der Berichterstattung hin: Wenn das Parken Stadion in Kopenhagen mit 25.000 Zuschauern gut gefüllt sei, spreche man wegen Christian Eriksens Zusammenbruchs ohne Fremdeinwirkung samt wiederbelebender medizinischer Maßnahmen während des ersten Gruppenspiels Dänemark gegen Finnland (0:1) von einem „Europameister der Herzen“, in Budapest aber von „Pest und Cholera“. Dabei wäre das Endspiel der EURO in Ungarn - ohne Viktor Orbáns diskriminierende Politik - eigentlich besser aufgehoben als in London…

Markus Lanz (ZDF): Robin Alexander nimmt Wahlprogramm der CDU auseinander

Zum Abschluss einer kurzweiligen Sendung nimmt Robin Alexander noch das Wahlprogramm der CDU auseinander und fährt eine erneute Attacke gegen Tobias Hans, der auch den neutralen Beobachter fast ein bißchen leid tun kann: Er habe sich doch so eindeutig für die Regenbogen-Stadien ausgesprochen, aber er finde kein Wort etwa zum Adoptionsrecht für Homosexuelle im Wahlprogramm der CDU. Tobias Hans kontert: „Ich bin für ein Adoptionsrecht von Homosexuellen an geeigneter Stelle“. Er verteidigt dann die CDU als „Volkspartei für eine große Mehrheit der Gesellschaft, die eine Partei möchte, die sich um wesentliche Themen kümmert“. Man könne beim besten Willen nicht alle davon in einem Parteiprogramm aufnehmen.

Er selbst würde als Vater von zwei Töchtern (und einem Sohn) bei Besuchen in der medizinischen Fakultät, wo 90 Prozent der Studenten weiblich seien, auch gendern. Dennoch müsse dies nicht zwangsläufig in das Wahlprogramm seiner Partei aufgenommen werden. Das Tierwohl sei aber zum Beispiel darin umrissen worden. Das macht Tierschützer Markus Lanz zornig: „Wie ernst ist es Ihnen mit dem Tierwohl? Sie haben ein Programm gemacht, das möglichst vielen Leuten wenig weh tut!“ Tobias Hans ist wieder in der Defensive: Man müsse auch auf „Partner in der Landschaftspolitik wie Bauern und Bäuerinnen“ (sehr genderkonform, Herr Hans!) „Rücksicht“ nehmen. Hier bleibt er leider schwammig. Aber die Sendezeit ist sowieso um… War es zum Abschluss ein Duell Lanz gegen Hans, kann man über weite Strecken das Fazit ziehen: Vier gegen einen und in der Sache doch alle miteinander! (Marc Hairapetian)

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