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Lanz scheitert mit Themenspagat – „Paschas“ hier, „Paschas“ da

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Von: Teresa Schomburg

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Bei Markus Lanz (ZDF) widmeten sich die Gäste unter dem übergeordneten Thema Zukunft sowohl der Bildung als auch der Energie.

Hamburg – Weniger ist manchmal mehr. Eine einfache Weisheit, die schwer umzusetzen ist. Denn Markus Lanz versucht an diesem Abend im ZDF gleich zwei Themen unterzubringen, die jedes für sich schon eine einzelne Sendung gesprengt hätten: Die Bildungsmisere in Deutschland – „Wie kann es sein, dass ein Land wie Deutschland sich 50.000 Schulabbrecher pro Jahr leistet?“ fragt der Moderator – und die Hoffnung auf neue Energie-Technologien. Immerhin, es geht um Zukunft, aber ob Lanz im Verlauf der Sendung eine Brücke finden wird?

Markus Lanz (ZDF): Friedrich Merz‘ „kleine Paschas“ geistern durch die Sendung

Zunächst schafft er immerhin den Brückenschlag zu einer vorangegangenen Sendung, in der sich der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz über „kleine Paschas“ mokierte, die sich dem Lehrpersonal in der Schule gegenüber nicht zu benehmen wüssten, offenbar auf Kinder mit Migrationshintergrund anspielend. Die „Paschas“ seinen in der Wortwahl „stigmatisierend“, so Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther, bis „tragisch“, so Schulleiterin Cordula Heckmann. Heckmanns Schule, die Gemeinschaftsschule auf dem Campus Rütli im Berliner Stadtteil Neukölln, ist noch immer bekannt als „Rütli-Schule“, an der 2006 Kolleg:innen in einem Brandbrief die schlimmen Zustände dort beklagten.

Markus Lanz (ZDF) in einer Gesprächsrunde mit Schleswig-Holsteins Ministerpräsidenten Daniel Günther (CDU).
Markus Lanz (ZDF) in einer Gesprächsrunde mit Schleswig-Holsteins Ministerpräsidenten Daniel Günther (CDU). © Screenshot/ZDF

Die heutige Schule ist ein Zusammenschluss von drei ehemaligen Schulen, auch haben sich Kiez und Klientel durchaus gewandelt. Viele Probleme sind dennoch geblieben. „Die Integrationsdebatte müssen wir führen“, sagt Cordula Heckmann, weist aber auch darauf hin, dass es nicht nur um Kinder mit Migrationshintergrund gehe, sondern auch um arme Familien.

Vorschulische Sprachförderung statt „Migrationsquote“ an der Schule

„Wir müssen jetzt über Lösungen und Ursachen reden“, fordert der Pädagoge Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes im ZDF. Viel Ärger, oder „Feuer“ von rechts ebenso wie von links, wie Markus Lanz es nennt, hat Meidinger bekommen, weil er eine Quote für Kinder mit Migrationshintergrund an Schulen ins Gespräch brachte. Eine solche Quote ließe sich allein gesetzlich überhaupt nicht einführen, das weiß Meidinger selbst.

Offenbar war diese Idee vor allem ein rhetorischer Schachzug. Denn relevanter ist: „Wenn die Kinder schon mit Sprachdefiziten in die Schule kommen, ist das (sprichwörtliche) Kind schon in den Brunnen gefallen“, so Meidinger. Es müsse also schon vor der Schule etwas passieren. Doch als einziges Bundesland führt bislang Hamburg konsequent Sprachstandardtests bei Vierjährigen durch und lädt zum verpflichtenden Förderunterricht, wenn hier Defizite festgestellt werden.

Lanz bleibt skeptisch angesichts hoher Schulabbrecher-Zahlen

Angenehm konstruktiv zeigt sich die Runde im ZDF mit Ideen, wie es besser gehen könnte. Daniel Günther wird nicht müde zu betonen, wie viel er in seinem Bundesland für mehr Lehrkräfte, mehr Sozialarbeit an den Schulen und für mehr sprachliche Förderung in den Kitas sorgt. Cordula Heckmann zählt diverse Angebote für Eltern auf, die diese stärker in den Bildungsweg ihrer Kinder einbeziehen sollen vom regelmäßigen Elternfrühstück bis zu halbjährlichen persönlichen Lernentwicklungsgesprächen.

Gäste bei Markus Lanz
Daniel GüntherMinisterpräsident Schleswig-Holstein (CDU)
Roman PletterJournalist, Zeit-Wirtschaftsexperte
Heinz-Peter MeidingerPädagoge, Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes
Cordula HeckmannSchulleiterin Gemeinschaftsschule auf dem Campus Rütli in Berlin Neukölln

Markus Lanz bleibt skeptisch und will knallhart wissen: „Wie viele Schulabbrecher haben Sie?“ Es sind zehn Prozent, immer noch recht hoch, aber auch deutschlandweit sieht es nicht deutlich besser aus. „Ja, das ist erschreckend“, gibt Cordula Heckmann offen zu. Geplant sei eine Berufswerkstatt, um andere Karriereoptionen aufzuzeigen. „Nicht alle Kinder, die wir schulisch verlieren, müssen wir auch für den Beruf verlieren,“ sagt Heckmann.

Radikaler Themenschwenk: Von Bildung zu Energie

An dieser Stelle könnte noch über viele Fragen zum deutschen Bildungssystem diskutiert werden, denn Kindern mit Migrationshintergrund und Sprachdefiziten sind nur ein Puzzlestück in einem großen Problemfeld: Was tun angesichts des dramatischen Lehrkräftemangels? Wie zeitgemäß ist das aktuelle Schulsystem? Welche innovativen Ideen zu neuen Lehr- und Prüfmethoden könnten breitflächiger ausprobiert werden?

Stattdessen nimmt Markus Lanz sich für den letzten Teil der ZDF-Sendung noch ein ganz neues Thema vor, bei dem nur noch Daniel Günther und der Journalist und Wirtschaftsexperte Roman Plettner mitreden können. Markus Lanz versucht nicht mal mehr Anknüpfungspunkte für seine übrigen drei Gäste zu finden. Dabei hätte es durchaus die Option gegeben etwa die Frage in die Runde zu werfen, ob man nicht beispielsweise viel stärker Grundlagen in Ökonomie oder Energieerzeugung an der Schule vermitteln müsste.

Markus Lanz (ZDF): Ungerechtigkeit bei Stromkosten: Warum zahlen norddeutsche Bundesländer mehr?

Stattdessen muss nun erst einmal das neue Thema erklärt werden: Das schwedische Startup NorthVolt will eine Batteriefabrik in Schleswig-Holstein aufziehen, doch das Projekt könnte jetzt an attraktiveren Angebote aus den USA, nerviger deutsche Bürokratie und zu teurem deutschen Strom scheitern. Denn obwohl das Bundesland im Norden dank Wind und wenig Industrie mehr Strom produziert als es verbraucht, ist der Strom hier teurer als in den südlichen Bundesländern.

Eine „schreiende Ungerechtigkeit“ nennt das Daniel Günther, die daran liegt, dass der Strompreis sich unter anderem aus Netzentgelten zusammen setzt. Dort, wo erneuerbare Energien ans Netz gehen, sind die Entgelte also am höchsten. „Völlig verrückt“ findet das auch Markus Lanz. 

Markus Lanz (ZDF) ist „baff“ am Ende der Sendung

Zum Schluss der Sendung entlockt er dem Ministerpräsidenten noch zwei klare Aussagen: ein „Ja“ dazu, Atomkraftwerke vorerst weiter laufen zu lassen und auch ein „ja“ zu CCS (Carbon Capture and Storage) also zum Einspeichern von Kohlendioxid im Untergrund in Schleswig-Holstein. Zwar unkt Roman Plettner: „Das wird nicht passieren, weil Sie einen grünen Koalitionspartner haben.“ Doch Markus Lanz zeigt sich beeindruckt: „Jetzt sehen Sie mich baff am Ende der Sendung.“ Und da seine anderen Gäste zu diesem Thema nichts beitragen können, beschließt er bald darauf die Runde. (Teresa Schomburg)

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