Markus Lanz in seiner Talkshow ist am Reden.
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Markus Lanz spricht in seiner Talkshow im ZDF auch über Moria.

TV-Kritik

Markus Lanz im ZDF: Die überladene Talkshow will einfach zu viel

  • Dennis Vetter
    vonDennis Vetter
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Bei Markus Lanz im ZDF wird über Moria und Auschwitz gesprochen. Das Problem der Sendung: Sie will zu viel leisten.

  • Markus Lanz lässt in seiner Talkshow im ZDF eine KZ-Überlebende zu Wort kommen.
  • Thematisiert wird auch das Feuer im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos.
  • Die Kunst soll die beiden Themen zusammenführen.

Anita Lasker-Wallfisch blickt bei ihrem Besuch in der Sendung von Markus Lanz im ZDF immer wieder direkt in die Kamera, während andere sprechen. Die KZ-Überlebende lässt sich nicht einfach abfilmen, sondern erwidert den Blick, erscheint in der Sendung stets bestimmt und souverän. Deutungen, weder über sich noch ihre Geschichte, gibt sie nicht aus der Hand. Und sie vertraut im Gespräch einem Markus Lanz, dessen Sendung sie bereits vor fünf Jahren besuchte. Der hat ihren Besuch aufmerksam wahrgenommen und diesmal ihre Tochter, die Autorin Maya Lasker-Wallfisch eingeladen, um sich zur Vergangenheit mit ihrer Mutter und die gemeinsame Arbeit gegen das Vergessen zu äußern.

Markus Lanz im ZDF: Das Leben in Deutschland und Europa - auch Moria ist Thema

Im Gespräch mit beiden geht es um den Bruch Anita Lasker-Wallfischs mit ihrem Schweigen, das lange Jahre nach der Befreiung aus Auschwitz anhielt und um die Frage, warum sich ihre Tochter heute in Deutschland zu Hause fühlt – ausgerechnet in dem Land, in dem ihrer Mutter einst Schreckliches widerfuhr. Beide lehnen sich in ihrem Sprechen gegen Rassismen auf, widersprechen eindeutigen Ideen von „deutsch“ sein oder „jüdisch“ sein. Trotz permanenter Bezüge des Moderators zur Vergangenheit und ausführlicher Einspieler zum Niedergang des Nationalsozialismus will Anita Lasker-Wallfisch mit ihrem Besuch im Grunde auf die Gegenwart hinaus. Auf das Leben in Deutschland und Europa jetzt. Und auch auf die Bilder, die die Sendung des Abends eröffnet haben.

Zu Beginn stehen die Feuer in Moria. Lanz zeigt Bilder von Menschen, die die Ruinen des Flüchtlingscamps nach dem Brand verlassen mussten, nun obdachlos sind und auf Unterstützung warten. Christine Schmitz berichtet per Übertragung vor Ort als Krankenschwester von den Bedingungen, unter denen die Menschen bereits leben mussten, bevor jüngst erste Corona-Fälle im Camp bekannt wurden und die Bewohner*innen in Panik versetzten. Das Camp war um das Sechsfache überfüllt und Zahlen seien politisch, meint Schmitz, als Markus Lanz sie nach exakten Angaben fragt.

Im Lager gab es unzählige Personen mit Gewalterfahrungen. Panikattacken, Selbstverletzungen und sexuelle Übergriffe seien an der Tagesordnung gewesen. Markus Lanz lässt trotz Schmitz’ drastischen Faktenschilderungen keine Schwere oder Betroffenheit entstehen und geht einen Fragenkatalog durch, um Fakten abzuprüfen. Dennoch spricht er nicht distanziert über die Menschen im Lager und ihre jetzige Situation. Zur den Bedingungen in Moria unter Corona meint er: „Du bist da eigentlich schutzlos diesem Virus ausgeliefert.“ Kurz darauf fragt er, inwiefern Empathie bei Begegnungen mit Menschen im Umland für die nächsten Schritte eine Rolle spielt.

Name der TalkshowMarkus Lanz
Erscheinungsjahr2008
Anzahl der Staffeln7
ProduktionsunternehmenMhoch2 TV (seit 2011)
Ausstrahlungdienstags bis donnerstags
SenderZDF

Markus Lanz im ZDF: Die EU und die fehlende Moral in der Flüchtlingspolitik

Gleich geht es weiter zu strukturellen Fragen und einer Diskussion von Moral. Gerald Knaus ist als Experte zur europäischen Flüchtlingspolitik und Vorreiter des EU-Türkei-Abkommens zu Gast und formuliert zur aktuellen Situation auf Lesbos einen unmittelbaren Appell an das Handeln der deutschen Politik. Innerhalb von Tagen seien Maßnahmen notwendig, ein „moralischer Realismus“ sei als Grundlage politischer Entscheidungen derzeit dringend nötig – nicht das Beharren auf einer europaweiten Gesamtlösung für die bestehenden Probleme, die seiner Ansicht nach noch lange nicht oder nie eintreffen werde. Menschen stecken in Griechenland fest, die deutschen Bundesländer seien indes ohne Weiteres in der Lage, zahlreiche Personen aufzunehmen.

Notwendige Schritte wären bereits durch die Aufnahme einer überschaubaren Zahl von Personen absolut denkbar. Was er statt der Bereitschaft zu Hilfsmaßnahmen sieht: Ein Gefühl von Chaos ziehe sich im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise durch die Medien und nähre diejenigen Stimmen in der Bevölkerung, die sich Angst und Verunsicherung über angeblich riesige Migrationsströme für ihre politischen Ziele zunutze machten. Gegenbeispiele für gelungene Maßnahmen gebe es ausreichend, zu häufig gerieten diese jedoch in Vergessenheit – etwa die völlig problemfreie und geordnete Aufnahme von 20.000 Menschen aus Griechenland durch die EU vor drei Jahren.

Markus Lanz im ZDF: Wissen schützt nicht vor Massenmord

Als Anita Lasker-Wallfisch auf die Bilder von Moria eingehen will, lenkt Markus Lanz ab. Er will hin zu ihrer Erzählung, zu der ihrer Familie und ihrer Tochter, leitet einen ausführlichen Exkurs in die Vergangenheit ein, wendet die Sendung weg vom Gesprächseinstieg und dem klaren politischen Appell, den Knaus noch Momente zuvor formulierte. Die Idee ist, auszuholen und erst in zweiter Instanz zu verbinden, was laut Lanz ohnehin miteinander zu tun hat: Diskriminierung, Entfremdung, Krieg, Heimatlosigkeit. Gleich nach dem ersten Teil der Sendung spricht Markus Lanz die Bilder aus Moria und dem Lager an, um von Lasker-Wallfisch eine Reaktion zu provozieren. Als sie darauf eingehen will, wendet er das Gespräch ab. Später kommt Mengele zur Sprache, für den Lasker-Wallfisch einst Schuman spielen sollte. Der Punkt, den Lanz im Nachfragen nach der Begegnung betonen will: Wissen und Kultur schützen nicht vor Massenmord. Der Täter war gebildet. „Kuck dir die Leute nie an“, beschreibt Anita Lasker-Wallfisch als damaliges Credo im Lager. Den Blickkontakt wollten die Insass*innen den Mördern verwehren.

Markus Lanz im ZDF: Überladene Sendung soll alles leisten

Die Sendung ist überladen, denn sie soll alles leisten: Bei den Themen bleiben, Auschwitz emotionalisieren, Erinnerung politisieren, dennoch Schnittpunkte zwischen den Gästen suchen und einen packenden gedanklichen Bogen spannen. Am Ende sollte die Kunst alle Fäden zusammenführen: Der Schauspieler Joachim Meyerhoff verarbeitet mit „Hamster im hinteren Stromgebiet“ seine Schlaganfall-Erfahrung und versucht, durch seine Sprache etwas zu ergründen, das sich Beschreibungen entzieht. „Wenn die Selbstverständlichkeit der Existenz abhanden kommt“, zitiert Markus Lanz die Prämisse des Textes und des Autors, der bisher mit einer kultig-humorvollen Schreibe assoziiert ist und im neuen Buch erzählerisch ausbricht. So umschreibt Meyerhoff im Text mitunter drastisch, was beim Schlaganfall vor sich ging: „Für Momente war mir gewesen, als ob zwei verschiedene Arten von Anziehung auf mich eingewirkt hätten. Die eine Kraft hatte alles Physische nach unten wegsacken lassen, die Organe wie aus einem großen Eimer einfach auf die Fliesen geleert, die andere Kraft aber hatte alle Bilder und Gedanken nach oben weggesogen.“

Meyerhoff erzählt im Detail von seinen Gefühlen zum Text und bringt Anekdoten zu seinen Erinnerungen an den Vorfall. Dann bezieht er Position: die Gesellschaft sei derzeit überversorgt mit Drama. Die Sprache hätte die Aufgabe, die Realität wieder bloßzulegen. Humor wiederum sei notwendig, um im Erzählen autonom zu bleiben, Ereignisse erzählbar zu machen statt ihnen die Macht über das eigene Denken zu überlassen. Mit dem Text wollte er gegen Betroffenheit angehen und bei sich wie beim Publikum etwas lösen, meinte er – so las er seine geschriebenen Seiten erst auf der Bühne vor, bevor er sich dann im zweiten Schritt für die Buchveröffentlichung entschied.

Markus Lanz bedankt sich und spiegelt ihm, es sei schwer, über eine so „doch sehr persönliche“ Erfahrung im Fernsehen zu sprechen. Ein Schlusswort, dass alles zuvor berührte sonderbar relativiert, dabei Meyerhoff abspricht, er hätte sich von seiner Erfahrung erholt und die eigene Betroffenheit überwunden. Und doch erkennt hier der Moderator an, dass der Autor bei seinem Besuch in der Sendung sichtlich aufgewühlt wirkt. Das ist kaum verwunderlich. (Von Dennis Vetter)

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