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Talkrunde mit Markus Lanz (ZDF) am 16.11.2021.
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Talkrunde mit Markus Lanz (ZDF) am 16.11.2021.

Corona-Talk im Zweiten

Markus Lanz (ZDF): Stiko-Chef lässt beim Corona-Talk die Booster-Bombe platzen

  • Marc Hairapetian
    VonMarc Hairapetian
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Auch bei Markus Lanz im ZDF diskutieren die Gäste über das Versagen der Politik in der Corona-Pandemie.

Hamburg - Corona und kein Ende. Die vierte Welle zerrt an den Nerven. Auch bei Markus Lanz im ZDF ist sie zwei Tage vor der Parlamentsdebatte im Bundestag zur erneuten Verschärfung der Pandemie-Eindämmungsmaßnahmen mal wieder Thema Nummer eins. Zwei Drittel der Sendezeit widmet der diesmal gut vorbereitete Moderator dem Kommunikationsproblem der Politik über den Ernst der Lage, bei dem die geschäftsführende Regierung genauso versagt habe wie auch Großteile der „Ampelkoalition“.

Dagegen kommt die Migrationskrise an der Grenze zwischen Belarus und der Europäischen Union, bei der Menschen aus Vorderasien und Afrika, die seit Juli 2021 versuchen, nach Litauen, Lettland und Polen zu gelangen, um dann in Deutschland Fuß zu fassen, bei Markus Lanz viel zu kurz. Und mit ihr die Spiegel-Journalistin Muriel Kalisch, die jüngst im Grenzgebiet zwischen Polen und Belarus gewesen ist. Sie hat über die grausamen Ereignisse, wo vom Autokraten Alexander Lukaschenko instrumentalisierte Geflüchtete mit kleinen Kindern im kalten November hin und her gestoßen werden, häufig Konkreteres zu sagen, als die anderen drei geladenen Experten zur Corona-Pandemie.

Markus Lanz (ZDF): Virologe empfiehlt Corona-Booster ab 18

Ausnahme: Thomas Mertens, der ehrenamtliche Vorsitzende der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut (STIKO). Auf Nachfrage von Markus Lanz ließ der 71-jährige Arzt, Virologe und Hochschullehrer im ZDF die Bombe platzen: Eine Booster-Empfehlung ab 18 Jahren kommt! Zurzeit gibt es noch den offiziellen Rat der STIKO, die Booster zunächst Älteren ab 70 und sechs Monate nach der Zweitimpfung zu verabreichen. Die Impfquote sei allerdings viel schlechter, als sie eigentlich sein müsste. Anstatt der bisher erzielten 70 Prozent müssten 90 und mehr Prozent erreicht werden, um eine Überlastung des Gesundheitssystems samt Intensivstationen zu vermeiden. Da wären uns Länder wie Israel, Spanien, Portugal und auch Italien voraus.

In diesem Zusammenhang kritisiert die SZ-Wissenschaftsjournalistin Christina Berndt den einzigen Politiker in der Runde: Sie könne nicht verstehen, wie die Partei von Alexander Graf Lambsdorff (FDP), der von Markus Lanz im ZDF als „vielleicht neuer Außenminister“ angekündigt wird, „so blind in eine neue Welle läuft“. Alle Warnungen seien in den Wind geschlagen worden. Im Wahlkampf habe man auf andere Themen gesetzt: „In den letzten Wochen und Monaten war klar, was passiert, wenn wir die Impfquote nicht erhöhen. Aber es ist nicht durchgedrungen in die Köpfe der Politiker, gerade in die der FDP.“

Markus Lanz (ZDF): Schulschließungen und Corona-Lockdowns schließt die FDP aus

Deswegen sei es im Rückblick bei Markus Lanz geradezu gut, dass die Liberalen in dieser Zeit noch nicht an der Regierungsbildung beteiligt gewesen wären, ätzt sie in Richtung des sich moderat, aber recht unverbindlich gebenden Diplomaten. Markus Lanz legt im ZDF nach: Schulschließungen und Lockdowns habe die FDP als auf Bürgerrechte pochende freiheitsliebende Partei ja zuvor komplett ausgeschlossen. Und nun droht letzteres wieder zu Weihnachten.

Der ehemalige Vizepräsident des Europäischen Parlaments gesteht ein, erst kurz vor der Bundestagswahl, von den düsteren Prognosen erfahren zu haben. Trotz der sprunghaft gestiegenen Corona-Inzidenzen ist er gegen Ausgangssperren für Geimpfte und flächendeckende Schulschließungen. Er hält sich aber auch ganz diplomatisch ein Hintertürchen offen: „Ausschließen kann man heute aber nichts…“ Zur Diskussion um eine Impfpflicht, die seine Partei um den Bundesvorsitzenden Christian Lindner noch vor kurzem kategorisch abgelehnt hat, sagt er: „Ich finde, man kann eine einrichtungsbezogene Impfpflicht durchaus diskutieren. Ich bin dafür offen.“

Ebenfalls nicht mit Ruhm bekleckert sich Thomas Mertens. Er sei zwar nicht überrascht von der aktuellen Situation, weil schon im Juli absehbar gewesen sei, was im Herbst passieren werde, müsse aber bei den nun exakt eingetroffenen Voraussagen der Virologen zugeben: „Aus der heutigen Sicht hätte man das lauter sagen müssen.“ Und dann nimmt er noch den geschäftsführenden Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) mit ins sinkende Boot: Dieser habe die Hinweise aus dem Robert Kocht-Institut auch gekannt: „Das war keine geheime Wissenschaft.“

Markus Lanz (ZDF): In Zeiten von Corona herrscht das Prinzip Hoffnung

Die Daten seien alle publiziert worden. Markus Lanz wundert sich, dass Spahn und Mertens in der gesamten bisherigen Corona-Zeit laut dem STIKO-Vorsitzenden nur „fünf bis zehn Mal“ miteinander telefoniert hätten und sich vom „Prinzip Hoffnung“ leiten ließen. Der Austausch via Instant-Messaging-Diensten wie WhatsApp sei weitaus häufiger gewesen, verteidigt sich der Experte für Herpes-Viren. Moderne Zeiten. Eine Corona-Grafik, die in der Talkshow Markus Lanz im ZDF zu sehen war, sorgt im Nachgang für Ärger: Nun hat sich der Sender zu Wort gemeldet. 

Markus Lanz (ZDF) Die Gäste der Sendung vom 16. November 2021
Alexander Graf LambsdorffPolitiker (FDP)
Christina BerndtJournalistin
Thomas MertensVirologe
Muriel KalischJournalistin

Apropos Experten: Bei allen Eingeständnissen kleiner Versäumnisse gibt keiner der hier eingeladen Experten zu, letztendlich immer noch zu wenig über die scheinbar unberechenbare Delta-Variante zu wissen, was andere Koryphäen auf diesem Gebiet bereits eingestanden haben. Über die mitunter drastischen Nebenwirkungen der Impfungen wird kein Wort verloren. Und auch 2G plus mit den auch für Vakzinierte ab Donnerstag mit Sicherheit beschlossenen Tagestestungen bei Besuch von kulturellen Veranstaltungen und Restaurants wird bei Markus Lanz und Co. kaum gestreift. Dabei wurde einem von der Politik hierzulande noch bis dato suggeriert: Lasst euch impfen und dann habt ihr alle Freiheiten zurück! Es ist anders gekommen.

Die letzten 25 Minuten der Talkshow gehören dann den Geflüchteten aus Syrien, Somalia und anderen Ländern, die von türkischen Schlepper-Banden aus dem Internet mit immer kürzer befristeten Visa zu horrenden Preisen zuerst nach Minsk gelockt werden, um dann in den Wäldern an der Grenze von Belarus zu Polen herumirrend, ein menschenunwürdiges Dasein zu fristen. Eingespielte Bilder zeigen, wie sie Steine und Baumstämme werfen, aber auch brutal - vor allem von belarussischen Soldaten- zurückgetrieben werden, egal, wo sie nun hin wollen. Muriel Kalisch kommt gerade von dieser Grenze zurück.

Markus Lanz im ZDF: Erschütternd selbst für hartgesottene Fernsehzuschauer

Es ist auch für hartgesottene Fernsehzuschauer erschütternd, wenn sie davon erzählt, wie die Migrant:innen ausgeraubt und misshandelt werden: „Diese Menschen sind Steine. Und wir werfen sie wieder zurück!“, habe ihr ein Grenzpolizist aus Belarus gesagt. Im Gegensatz zu Litauen und Lettland dürfe man aber der Grenze von Polen zu Belarus als Journalist oder Mitglied einer Hilfsorganisation meist nicht direkt an die Migrant:innen herantreten. Ein weiterer Skandal.

Zur Sendung

Markus Lanz vom 16. November 2021. Die Sendung in der ZDF-Mediathek.

Hier sind sich alle Gesprächsteilnehmenden einig, dass ein zivilisiertes und humanitäres Europa nicht weiter die Augen verschließen dürfe. Alexander Graf Lambsdorff, der nun sichtlich engagierter auftritt als in der Corona-Debatte, bittet darum, hierzulande nicht mit dem Finger auf unser Nachbarland zu zeigen: „Polen ist das Opfer einer Aggression!“ Alexander Lukaschenko, der sich für die gegen Belarus verhängten Sanktionen an der Europaschen Union rächen wolle, und vermutlich auch Wladimir Wladimirowitsch Putin, der militärische Übungen in diesem Gebiet durchführen lasse und Polen damit provoziere, seien die Drahtzieher der Tragödie.

Markus Lanz im ZDF: Warum nehmen wir die Menschen an der polnisch-belarussischen Grenze nicht auf?

Richtigerweise sagt er: „Es gibt zwei Opfer: Das sind die Staaten Lettland, Litauen und Polen. Das andere sind die Menschen, die ausgenutzt wurden.“ Markus Lanz (ZDF) ist empört. Jede Fluglinie aus Syrien oder dem Libanon, die das mitmache, dürfe nie wieder in Europa landen. Alexander Graf Lambsdorff meint, das Androhen von Strafen habe schon bewirkt, dass beispielsweise Turkish Airlines keine Syrer mehr nach Minsk befördern würde. Man müsse mit Sanktionen weiter politischen Druck ausüben, aber auch „diplomatisch“ vorgehen. Einmal Diplomat, immer Diplomat.

Die Zahlen der Flüchtenden seien mit 15.000 - 20.000 viel geringer als noch 2015, wo es bis zu einer Million gewesen seien. „Warum nehmen wir die nicht auf?“, will Markus Lanz, der Moderator mit der eigenen Meinung, wissen. Die Beantwortung dieser Frage wird auf die nächste Sendung verlegt. Leider. (Marc Hairapetian)

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