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Markus Lanz im ZDF: Lambrecht hat es „gut gemeint, aber grottenschlecht gemacht“

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Von: Marc Hairapetian

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Talkrunde bei Markus Lanz am 17. Januar 2023.
Talkrunde bei Markus Lanz am 17. Januar 2023. © Screenshot ZDF

Pleiten, Pech und Panzer: Die Causa Lambrecht/Pistorius hält in der ZDF-Talkshow bei Markus Lanz die „Schlacht um Lützerath“ klein.

Hamburg - „Ich würde wetten, Herr Lanz, dass dieser Krieg 2023 nicht zu Ende geht - leider!“, gibt Militärexperte Sönke Neitzel am späten Dienstagabend eine nicht allzu visionäre Prognose im ZDF ab. Vielleicht hat er sich daran erinnert, dass Markus Lanz von Oktober 2012 bis Dezember 2014 einmal Moderator der Samstagabend-Show „Wetten, dass..?“ gewesen ist. Als Talkmaster ist der smarte Südtiroler jedenfalls um Klassen besser. Dennoch heißt es auch anno 2023 wieder in seinem Diskussionsclub: neues Jahr, altes Spiel. Ein Spiel um ernste Inhalte mit den seit einer gefühlten Ewigkeit selben Themen: Der Ukraine-Krieg und Klimawandel haben Corona nach dem Übergang von der Pandemie zur Epidemie abgelöst.

Und auch die Gäste sind dem Zuschauer bei Markus Lanz im ZDF mittlerweile so vertraut wie die Gesichter der Seifenoper „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ von der RTL-Konkurrenz, bei der er 1998 den Durchbruch mit der Boulevard- und Verbraucher-Sendung „Explosiv - Das Magazin“ im deutschen Fernsehen schaffte. So ist Neitzel an jenem 17. Januar 2023 omnipräsent bei den „Mainzelmännchen“: Bereits einige Stunden zuvor analysierte er im „ZDF spezial: Schwierige Mission - Pistorius wird Verteidigungsminister“ die (Bundeskanzler-)Auswahl des Nachfolgers der gelinde gesagt unglücklich agierenden Vorgängerin und SPD-Parteigenossin Christine Lambrecht

Markus Lanz (ZDF): FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann ist Talkshow-Dauergast

Und FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestages, ist ohnehin Dauergast aller öffentlich-rechtlichen, politischen TV-Talkshows hierzulande. Lanz lädt die nur optisch graue Eminenz, die diesmal von der 21-jährigen „Fridays for Future“-Sprecherin Pauline Brünger und dem sich in jeder Hinsicht konservativ gebenden RTL-Politikchef Nikolaus Blome flankiert wird, vermutlich deshalb immer wieder ein, weil sie stets für eine Schlagzeile gut ist. Die liefert dann aber Neitzel. Doch der Reihe nach.

Gäste bei Markus Lanz
Marie-Agnes Strack-ZimmermannFDP-Politikerin
Nikolaus BlomeRTL-Politikchef
Sönke NeitzelMilitärexperte
Pauline BrüngerKlimaaktivistin

Lanz will von Strack-Zimmermann wissen, ob sie die Neubesetzung des obersten Postens im Verteidigungsministerium mit dem in dieser Hinsicht noch unbeleckten niedersächsischen Innenminister Boris Pistorius erstaune. Nein, das habe sie nicht verblüfft, würden solche Ämter doch in der Regel aus den eigenen Parteireihen besetzt. Sie sei doch aber mit ihrer Expertise in jeder Hinsicht die bessere Wahl gewesen, schmeichelt ihr der nicht immer so galante Moderator. „Die Frage hat sich nie gestellt“, versucht sie abzuwiegeln. Das neben der Kanzlerschaft wohl derzeit wichtigste politische Amt in diesem Land sei nervenaufreibend und sie habe schon graue Haare. Sie witzelt weiter: Hätte Olaf Scholz (SPD) anstatt auf einen neuen Verteidigungsminister aus dem „Sparressort“ zu setzen, mit ihr darüber diskutiert, hätte sie nach der Legalisierung von Cannabis diesbezüglich mit ihm zusammen den ersten Zug gemacht. 

Markus Lanz hofiert im ZDF Strack-Zimmermann

„Aber Sie wären doch die Richtige gewesen!“, schmiert ihr Lanz weiter tüchtig Honig um den Mund, „Sie können das doch!“ Warum anstatt von Proporz mal nicht zur Abwechslung die Besten nehmen? „Hätten Sie’s gemacht?“, fragt der laut der gar nicht mehr so meinungsstarken Fernsehzeitschrift „Hörzu“ „härteste Moderator Deutschlands“ Strack-Zimmermann nun direkt. „Ich hätt‘s gemacht, aber es stand nie zur Debatte“, lautet ihre Antwort, bei der sie wieder - der Thematik angemessen - ernst wird, „Das ist eine Aufgabe, die ist gigantisch, auch weil es am Ende um Leben und Tod gehen könnte.“ Als Koalitionspartnerin stärkt sie nun nach dem Lambrecht-Desaster dem in Militärfragen noch komplett unerfahrenen Pistorius den Rücken: „Ich könnte mir vorstellen: Er kann es.“ Allerdings, den Seitenhieb will sie sich dann auf Scholz doch nicht verkneifen, habe er nun am Kabinettstisch die Interessen der Bundeswehr zu vertreten und dürfe nicht „der lange Arm des Bundeskanzlers“ sein. 

So gnädig wie Strack-Zimmermann geht Neitzel mit Pistorius, der erst am Donnerstag sein Amt antritt, nicht um: „Wir haben zu wenig Fachexpertise“, findet der Militärhistoriker. Überhaupt sei der Posten des Verteidigungsministers beziehungsweise der Verteidigungsministerin in den letzten Jahrzehnten - mit Ausnahme des 1994 verstorbenen Manfred Wörner (CDU), welcher als deutscher Reserveoffizier der Luftwaffe (Oberstleutnant d. R.) reichlich Erfahrung für diesen Job mitgebracht hätte -, stets an reichlich Unerfahrene vergeben worden. Christine Lambrecht sei in dieser Hinsicht der Gipfel der Inkompetenz gewesen. Weniger durch ihre unfreiwillig komisch-groteske Neujahrsansprache, die sie mit dem Handy aufnahm und in der sie zum Besten gab, in der Zeit des Ukraine-Kriegs „interessante Menschen“ kennengelernt zu haben, während im Hintergrund Silvesterraketen knallten. Für ihn schlägt nämlich dem Fass der Boden aus, dass „sie nur mit Mühe ein Flugzeug von einem Panzer unterscheiden kann“.

Markus Lanz (ZDF): FDP-Politikerin hat Mitleid mit Lambrecht

Etwas moderater urteilt Journalist Blome über Lambrecht und die Qualifikation für das höchste Amt im Verteidigungsministerium: Er oder sie müsse nicht „die letzte Schraube am Flugzeugträger“ kennen, aber es sei gut, wenn man wie Strack-Zimmermann Erfahrung auf diesem Gebiet habe. Die wichtigste Eigenschaft, die Mann (oder Frau) bei diesem Posten zu verinnerlichen hätte, „wäre jetzt diese Verwaltung ans Laufen zu kriegen“, damit das vorhandene Geld „richtig gut“ ausgegeben werden könne - zum Beispiel mit Panzerlieferungen an die Ukraine statt 5000 Helmen, die Lambrecht als „militärhistorische Leistung“ der Öffentlichkeit verkauft habe. Ihre Stöckelschuhe hätten sie jedenfalls nicht zu Fall gebracht. Es sei nicht fair, dass man von ihr erwartet habe, sich für dieses Amt wie ein Mann zu kleiden, interveniert Blome.

Strack-Zimmermann hat sogar Mitleid mit Lambrecht und übt damit auch Kritik an der Medienberichterstattung: „Diese Person ist gejagt worden!“ Das kann Blome als erfahrener Journalist natürlich nicht auf sich und seine Kollegen sitzen lassen. Sie sei durch eigene Umstände derart ins Rampenlicht geraten. Am Ende habe sie nicht mehr die Kraft besessen, nach dem Totalausfall von 18 (!) angeblich so modernen Schützenpanzern vom Typ „Puma“ bei einem Manöver, den Hersteller zur Rechenschaft zu ziehen. Neitzel gießt völlig zu Recht weiter Öl ins Feuer: „Die Bundeswehr hat sich insgesamt selbst ins Knie geschossen!“ Fachkompetenz beweist einmal mehr Strack-Zimmermann, wenn sie den „Puma“ einen „rollenden Computer“ nennt: „Sie sehen nur Bildschirme, wenn sie in ihm sitzen.“ Sie tat es offensichtlich im Gegensatz zu Lambrecht. Und Computer haben häufig ihre Macken. Das wissen nicht nur Cineasten seit dem eifersüchtigen, in Eigenregie handelnden Bordcomputer HAL 9000 aus Stanley Kubricks Science-Fiction-Geniestreich „2001: Odyssee im Weltraum“ (1968)…

Markus Lanz unterstellt Lambrecht im ZDF keine böse Absicht

Lanz, der Moderator mit der eigenen Meinung, unterstellt Lambrecht bei ihren aus dem Ruder gelaufenen Aktionen keine böse Absicht. Sie habe es „gut gemeint, aber grottenschlecht gemacht“, befindet er im Hinblick auf das Foto mit ihrem Sohn in einem Hubschrauber oder „das seltsame Silvester-Video“. Strack-Zimmermann bringt es auf den Punkt: „Man muss seine Rolle finden.“ Ob als Verteidigungsministerin oder Talkshow-Gast, möchte der Rezensent an dieser Stelle ergänzen. Wie staatstragend ihre Rolle gewesen sei, habe sie beispielsweise in dem Moment der Neujahrsansprache nicht erfasst, legt die FDP-Frau nach. „Interessante Leute“ während des Ukraine-Kriegs getroffen zu haben, sei einfach nur ein banales Statement. Doch: „Frau Lambrecht ist kein böser Mensch“, ergänzt Markus Lanz nicht minder banal. Lambrecht sei in ihr Ressort „nicht eingearbeitet worden“, attackiert Neitzel auch die Bundeswehr und ihre vermeintlichen Militärexperten im Hintergrund. So seien die von ihr benannten „Schutzhelme“ in Wirklichkeit „Gefechtshelme“. Das habe man ihr nicht gesagt; vielleicht auch, weil es „zu martialisch“ klinge.

Und dann wird Strack-Zimmermann am späten Abend noch poetisch: „Es liegt immer ein Zauber im Anfang. Auf der anderen Seite muss man unangenehme Dinge sofort tun.“ Ein unmissverständlicher Appel an Pistorius, der mit 62 Jahren seinen (Militär-)Dienst am Donnerstag antritt. Sie erinnert voller Ironie an den heutigen Lobbyisten und Fernsehmoderator (!) Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), der von 2009 bis 2011 Bundesminister der Verteidigung war, bis er im Zuge der Plagiatsaffäre um seine Dissertation sämtliche politischen Ämter niederlegte: „Sein cooles Auftreten mit cooler Rebellenbrille und Lederjacke kam gut an.“ Mit seiner Frau sowie „B. Kerner und Dingenskirchen“ habe er die Bundeswehr bei Auslandseinsätzen besucht. „Sie machen heute keine Gefangenen!“, sagt „TV-Stratege“ Lanz anerkennend und spielt dabei - bewusst oder unbewusst - auf Peter O`Toole als britischen Offizier T. E. Lawrence an, der in David Leans meisterlichem Historienepos „Lawrence von Arabien“ (1962) den Aufstand der Araber gegen das Osmanische Reich während des Ersten Weltkriegs forcierte.

Markus Lanz (ZDF): Ukraine-Krieg im Vergleich mit der Schlacht von Verdun

Nachdem die Finnen voran gegangen seien, gefolgt von den Polen und den Briten, die mit dem „Challenger 2“ ihren modernsten Panzer an die Ukraine geliefert hätten, was nicht ganz korrekt ist, wurde dieser Typ bereits 1986 entwickelt und 1994 erstmals eingesetzt, müsse Deutschland nach Ansicht von Neitzel jetzt nachziehen. Der „Leopard 2“ sei zwar kein „Game-Changer“, könne aber die Verteidigung der Ukraine stärken. Die Russen hätten nach der Weihnachtsansprache von Wladimir Putin ihre Streitmacht von einer Million auf eineinhalb Millionen Soldaten im Ukraine-Krieg erhöht. Vergleiche beim Kampf um Bachmut mit Verdun aus dem Ersten Weltkrieg, die Lanz zieht, weist er allerdings zurück. Es sei zwar schon ein Stellungskrieg mit zehn Metern vor und zehn Metern zurück, in Verdun seien aber über 100.000 Soldaten auf beiden Seiten gefallen, hier „nur Hunderte und Tausende“, was ungewollt zynisch daherkommt. Die paramilitärische Organisation „Gruppe Wagner“ sei nun in der Ukraine sehr präsent. Die wegen ihrer zahlreichen Kriegsverbrechen berüchtigte Söldnertruppe würde derzeit extreme Verluste erleiden, das „gigantische Potential“ der russischen Streitkräfte lasse allerdings keine Schlüsse zu, dass dieser Angriffskrieg bald enden werde, geschweige denn, dass die Ukraine ihn trotz geballter Waffenlieferungen des Westens gewinnen könne.

Strack-Zimmermann hält dennoch am Ziel fest, dass der Zustand, wie er bis zum 24. Februar letzten Jahres in der Ukraine geherrscht habe, wieder hergestellt werden müsse. „Die Ukraine kämpft auch einen Kampf für unser Land und die westlichen Verbündeten“, wirft Blome ein. Völkerrechtlich betrachtet sei Deutschland aber keine Kriegspartei, findet Strack-Zimmermann: „Die Ukraine wird entscheiden, wie es weitergeht, nicht London, nicht Paris!“ Man dürfe sich keinesfalls an das Grauen, das sich dort abspiele, gewöhnen.

Markus Lanz (ZDF): Vom Ukraine-Krieg zum Thema „Schlacht um Lützerath“

45 Minuten ist Klimaaktivistin Pauline Brünger in dieser Sendung bisher außen vor gelassen worden. Wie sie als junger Mensch den Krieg in der Ukraine empfinden würde, schafft Lanz doch noch einen gelungen Übergang zu ihr. Vielen ihrer Generation mache das Angst, antwortet sie. Davon nähme sie sich nicht aus. Für Lanz haben der Ukraine-Krieg und die „Schlacht um Lützerath“ zwischen militanten Klimaaktivisten und ebenfalls prügelnden Polizisten am Wochenende doch einen gewissen „Zusammenhang“. Die Kohle-Gegner, die das schwarz-bräunliche Sedimentgestein im Boden des Weilers halten möchten, werden nach Brünger dennoch ihre Proteste unbeirrt fortsetzen. 

„Gab es vonseiten der Polizei einen unverhältnismäßigen Einsatz?“, möchte Lanz von ihr wissen, was sie bejaht. Sogar der zuständige Polizeipräsident habe von einer „Gewalteskalation der Polizei“ gesprochen. „Eskalationen“ und „Eskalationen vonseiten der Polizei“ seien ein großer Unterschied, stellt dies Lanz infrage. Auch Blome meint, er habe nur von einer „Deeskalation“ seitens der Polizei gehört, was sich leicht widerlegen lässt, wenn man eingespielte Filmaufnahmen sieht, wo sich beide Seiten in puncto gegenseitiger Niederknüppelei nichts schenken. 35.000 Menschen seien bei einer legalen Kundgebung friedlich zusammengekommen, beharrt Brünger auf das Anliegen von „Fridays for Future“, das vom „demokratischen Recht Gebrauch“ mache, „wenn man merkt“, dass vonseiten unserer Regierung „etwas zerstört werden würde“. Durch die erneute Ausbeutung von Braunkohle und anderer fossiler Energien sei das Ziel des Pariser Klimaabkommens der Vereinten Nationen von 2015, die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, nur schwerlich zu erreichen.

Markus Lanz (ZDF): „Bei jeder Demonstration gibt es immer ein paar Irre“

Braunkohleveredelung sei ohnehin kein gutes Geschäft mehr, gibt auch Lanz zu bedenken. Doch warum beim Streit um eine relativ kleine Menge Kohle in Lützerath eine sachliche Auseinandersetzung der unterschiedlichen Parteien nicht mehr möglich sei, will ihm nicht in den Sinn. „Zwischen Helm und Beamtenbein passt noch ein Pflasterstein“, hätten viele der Demonstrierenden skandiert, empört sich Strack-Zimmermann. Ob sich Brünger von diesen gewaltbereiten Protestlern, die „Fridays for Future“ in Verruf bringen würden, nicht distanzieren wolle? Um es kurz zu machen: Sie tut es nicht explizit, betont aber, dass sie selbst mit den unschönen Szenen nichts zu tun haben würde, ihre Bewegung für friedlichen Protest stehe und sie es auch nicht nötig habe, „Schlamm auf Autos zu werfen“. 

Blome springt ihr unverhofft zur Seite: Von Rechtswegen müsse sie sich zwar eigentlich schon von diesen gewaltbereiten Protestlern distanzieren, aber „bei jeder Demonstration gibt es immer ein paar Irre“. Strack-Zimmermann geht es wiederum nicht um „ein paar Irre“, sondern um über „1000 Menschen“, die die von Greta Thunberg und Luise Neubauer angeführte „Klimaprominenz“ nicht im Griff habe. Dass sie und ihre Mitstreiter und Mitstreiterinnen aber die gezeigten Bilder der Gewalt provoziert hätten, weist Brünger als „Unterstellung“ entschieden von sich und ihrer Bewegung. Diese sei „eindeutig friedlich“. In dem Moment, wo eine wirklich spannende, kontroverse Diskussion hätte geführt werden können, ist die Sendezeit vorbei und Lanz kann bei einer vorher aufgezeichneten Talkshow ohne Publikum im Studio natürlich nicht überziehen … „Wetten, dass..?“, Herr Lanz, Ihre Talkshow besser beraten wäre, sich nur auf ein Thema zu fokussieren, statt auf zwei, die nur halbherzig aufgegriffen werden? (Marc Hairapetian)

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