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Markus Lanz ZDF: Über den Impfgipfel und natürlich Corona.
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Markus Lanz ZDF: Über den Impfgipfel und natürlich Corona.

TV-Kritik

Markus Lanz im ZDF: Karl Lauterbach wandelt sich vom Saulus zum Paulus

  • Marc Hairapetian
    vonMarc Hairapetian
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Corona-Talk bei Markus Lanz im ZDF: Ministerpräsidentin Malu Dreyer wirkt dünnhäutig, Karl Lauterbach ist in Plauderlaune.

  • Zu Gast bei Markus Lanz (ZDF): Politikerin Malu Dreyer, Politiker Karl Lauterbach, Politiker Robert Habeck, Journalistin Valerie Höhne sowie Journalist Tilo Wagner.
  • Thema der Sendung im ZDF: Über den Impfgipfel, die Pläne von Bündnis 90/Die Grünen im Superwahljahr 2021 und die Corona-Lage in Portugal.
  • Die Überraschung schlechthin: Karl Lauterbach wandelt sich vom Saulus zum Paulus.

Hamburg - Februar 2021: Während nicht nur die Coronaviren mutieren, sondern auch wir TV-Zuschauer hierzulande, und zwar zu langmähnigen Hippies, sitzen Markus Lanz und seine Gäste gut frisiert in der ZDF-Talk-Runde. Da scheint es Ausnahmeregelungen für die Make-Up-Artists und Hair-Stylisten beim Fernsehen zu geben, von denen wir noch nichts wissen. Genauso wie für Politiker und Fußballspieler, deren Haare im verschärften Lockdown seltsamer Weise immer kürzer werden.

Dies war nicht das Thema am Dienstagabend bei Markus Lanz (ZDF), obwohl es interessant wäre, einmal darüber zu diskutieren, warum für einige Extrawürste gebraten werden, die man der Mehrheit vorenthält. Es wurde auch nicht über den der Nachrichtenagentur AFP am Nachmittag vorliegenden Gesetzesentwurf gesprochen, in dem es heißt, dass die „epidemische Lage von nationaler Tragweite mindestens bis Juni gelten soll“.

Markus Lanz (ZDF): SPD-Politiker Karl Lauterbach polarisiert

Insofern müssen sich der Moderator und sein Redaktionsteam schon hinterfragen, wie aktuell sie eigentlich in ihrer ZDF-Sendung sind. Dennoch kommt das Dauerthema Corona bei ihnen nicht zu kurz, wobei sich der smarte Südtiroler streckenweise in Hochform präsentiert, weil er präzise Fragen stellt und immer wieder nachhakt, wenn ihm die Antworten zu dünn sind.

„Adabei“, wie man in Bayern und vor allem Österreich so schön zu sagen pflegt, im Hamburger Studio: Die mit knapp 30 noch junge „Der Spiegel“-Redakteurin Valerie Höhne. Außerdem: Robert Habeck, seines Zeichens Chef von Bündnis 90/Die Grünen. Und der immer wieder polarisierende SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, für die einen ein auf wissenschaftliche Erkenntnisse pochender Mahner, für die anderen ein über das Ziel schon mal hinausschießender Angstmacher. Zugeschaltet bei Markus Lanz: Der in Lissabon lebende Journalist Thilo Wagner darf über die Lage in Portugal, wo sich die Corona-Krise mit der weltweit höchsten Todes- und Infektionsrate dramatisch zugespitzt hat, nur kurz referieren.

Markus Lanz: Ministerpräsidentin Malu Dreyer ist zu Gast im ZDF

Im Gegensatz zu Malu Dreyer, der Markus Lanz als Ministerpräsidentin aus Rheinland-Pfalz die ersten 20 Minuten Sendezeit einräumt. Und dies nicht ohne Grund: Hat Impfstoff-Lieferant BioNTech doch seinen Hauptsitz in der Landeshauptstadt Mainz, wo das ZDF ebenfalls beheimatet ist.

Während die SPD-Politikerin mehrfach die „großartige Leistung“ des Unternehmens hervorhebt, in Kürze ein wirksames Vakzin entwickelt zu haben, gibt sich Markus Lanz nicht zufrieden, da es hierzulande zu Verzögerungen der Impfstoff-Lieferungen gekommen sei, wobei sich Bundesregierung und EU gegenseitig den Schwarzen Peter zuschieben würden: „Die Frage nach der politischen Verantwortung muss gestellt werden.“ Und: „Es kann nicht sein, dass der Impfstoff überall auf der Welt verbreitet wird, wir aber nicht dran kommen“. Zum Beweis zeigt er eine Grafik, aus der hervorgeht, dass in Israel bereits 50 Prozent der Bevölkerung geimpft wurden, während es hierzulande magere drei Prozent sind.

Markus Lanz (ZDF): Malu Dreyer wirkt hingegen dünnhäutig

Der Rezensent dieser TV-Kritik kann das bestätigen: Seine 92-jährige, in Hannover lebende Mutter, die zwar 25 Jahre jünger aussieht und geistig wie körperlich noch topfit ist, möchte gern geimpft werden, doch, wenn sie die Hotline des Impfportals Niedersachsen anruft, wird seit fast einer Woche entweder angesagt, dass die Telefonnummer nicht gültig sei (!) oder es ist dauerbesetzt.

Nach einer Beschwerde bei der niedersächsischen Landesregierung wurde sie gebeten, online einen Termin zu buchen. Dort wird ihr allerdings angezeigt, dass dies derzeit nicht geht. Sie sollte bitte bei der Hotline einen Platz in der Warteliste reservieren lassen, was wiederum wie oben geschildert momentan gar nicht möglich ist.

Markus Lanz (ZDF): Karl Lauterbach springt den Parteigenossen zur Seite

Die eben im ZDF-Talk noch soviel Optimismus verbreitende Malu Dreyer, die für das zweite, dritte und vierte Quartal mit einem gewaltigen Impfanstieg rechnet, reagiert dünnhäutig: „Herr Lanz, Sie können nicht von der Ministerpräsidentin verlangen, dass sie den Überblick über alle Impfanbieter hat“. Sie sei für die ordnungsgemäße Durchführung der Impfungen zuständig, aber nicht für Impfstoff-Lieferungen. Mit Gesundheitsminister Jens Spahn als auch mit BioNTech-Chef Uğur Şahin habe sie im ständigen Austausch gestanden.

Auch Valerie Höhne lässt es darauf nicht beruhen: „Wie kann es sein, dass man 750 Milliarden Euro in die Wirtschaft stecken möchte, aber keine drei Milliarden Euro in den Impfstoff?“. Eine konkrete Antwort bleibt ihr Malu Dreyer bei Markus Lanz schuldig. Karl Lauterbach springt zwar seiner SPD-Parteigenossin zur Seite, meint aber, dass man im letzten Jahr schon in den Phasen 1 und 2 von allen Anbietern gleich so viel wie möglich hätte kaufen müssen, in der Hoffnung, dass ein Impfstoff durchkommen würde. Dies hätte uns heute einige Tage Lockdown erspart. Robert Habeck hingegen nimmt die EU ein bißchen aus der Schusslinie: „Von fünf Fingern, zeigen vier auf das eigene Land“.

Die Diskussion wird hitziger, erst recht beim Thema Schulen: Während Markus Lanz als dreifacher Vater die unterschiedliche Vorgehensweise der einzelnen Bundesländer im ZDF hinterfragt („Wer soll das noch verstehen?“), verteidigt Malu Dreyer die Notbetreuung, die für Markus Lanz aber beispielsweise in Hamburg viel zu hohe 60 - 70 Prozent ausmachen würde. Humanmediziner und Epidemiologe Karl Lauterbach beruft sich auf Studien, die besagen, dass Kinder unter zwölf Jahren weniger ansteckend wären als ältere Kinder und Erwachsene, weswegen zuerst Grundschulen wieder geöffnet werden sollten.

Karl Lauterbach bei Markus Lanz (ZDF): Der Lockdown wird nicht am 14. Februar enden

Und dann sagt Lauterbach im ZDF etwas, was viele bereits befürchtet haben: „Wir werden am 14. Februar nicht komplett aus dem Lockdown gehen.“ Im Gegenteil: Er spricht sich für eine zwischenzeitliche „Ausgangsbegrenzung am Abend für Erwachsene“ aus, „anstatt kleine Kinder zu begrenzen“. Angsterfüllt fragt Markus Lanz Malu Dreyer: „Sie würden gern etwas lockern?“. Wieder wird sie nicht konkret, meint aber, dass „Kinder und deren Familien“ dabei sein müssten, vorausgesetzt, die Virusmutationen würde man in den Griff bekommen. Sollte dies tatsächlich der Fall, sein, möchte er sie wieder gern in der nächsten „Lockerungsrunde“ ins Studio einladen.

Thema Inzidenzwert: „Wo stehen wir, Herr Lauterbach?“, will Markus Lanz das wissen, was man bereits überall lesen kann. „Bei 90, der R-Wert liegt bei 0,8“, weiß der Politiker, der sich selbst wieder mehr als Wissenschaftler sieht, wie aus der Pistole geschossen. Es ist für ihn Anlass genug, fundierter als seine Vorredner darüber zu referieren, was man tun muss, um aus dem Gröbsten herauszukommen: Der R-Wert liege noch 0,1 bis 0,15 Punkte zu hoch, sonst würde es passieren, das trotz sinkender Inzidenz der R-Wert wieder steigen würde.

Die Schalte von Markus Lanz (ZDF) nach Lissabon gerät zu kurz

Schuld daran wären die Virusmutationen, vor allem die britische und südafrikanische Variante, die um ein Vielfaches höher wären. Entsetzt entfährt es Robert Habeck: „Er kündigt gerade die dritte Welle an!“. Markus Lanz (ZDF) rechnet daraufhin: „Sie streben einen Inzidenzwert von 25 an. Dann brauchen wir noch sechs Wochen“. Karl Lauterbach antwortet etwas demagogisch mit einer Gegenfrage: „Wir können folgendes machen: Was ist der Bevölkerung lieber? Jetzt noch ein bisschen nachschärfen - oder wir machen so wenig, wie wir gerade müssen?“ .

Im letzteren Fall stünde dann praktisch schon bald besagte dritte Welle mit fatalen Folgen vor unserer Tür. „Was wir jetzt diskutieren, kann man in einem Satz zusammenfassen: Wir müssen versuchen, in der Zeit, die wir noch haben, einen katastrophalen Fall wie in Portugal zu verhindern“.

Markus Lanz thematisiert im ZDF auch Boris Johnson

Er liefert für Markus Lanz die Überleitung zur Schalte nach Lissabon. Thilo Wagner erzählt, dass Portugal im April noch gut durch die Pandemie gekommen wäre, aber die offene Politik zu Weihnachten den jetzt enormen Anstieg zu verantworten habe. Zudem wären viele Portugiesen aus England, wo viele von ihnen im Pflegebereich arbeiten würden, zurückgekommen. Der Pfleger von Premier Boris Johnson, als der an COVID-19 erkrankt war, sei auch ein Portugiese.

Nach diesem viel zu kurzem Intermezzo lobt Karl Lauterbach, der sein Spielverderber-Image liebend gern loswerden möchte, den aus westlicher Sicht erst beargwöhnten Impfstoff Sputnik V mit einem Wirkungsgrad von 91 Prozent als hervorragende Alternative: „Man muss den Russen Abbitte tun, wenn man sich die Ergebnisse ansieht. Er ist der Lada unter den Impfstoffen“. Meint er dies als Kompliment, will Markus Lanz (ZDF) verblüfft wissen, was Karl Lauterbach bejaht. Der Moderator nun erleichtert: „Das ist der Moment der Erlösung am späten Abend!“. Ja, tatsächlich: Karl Lauterbach möchte nach eigenem Bekunden auch etwas Schönes sagen! Ein historischer Fernsehmoment, indem man den sonst so spröden SPD-Mann geradezu liebgewinnt, wenn er enthusiastisch verkündet, dass die Todes-Raten nach Verabreichung des Sputnik-V-Impfstoffs „dramatisch sinken“ würden.

ZDF: Die letzten 25 Minuten von Markus Lanz verblassen

Dies hätte das renommierte israelische Weizmann-Institut bestätigt: „Ein erstklassiger Befund, der sehr viel Mut macht!“. Es fehlt jetzt nur noch, dass Karl Lauterbach bei Markus Lanz zur Gitarre greift, um „I Am Not a Bad Guy“, den legendären Rock‘n‘Roll-Song von The Crickets (1962, kongenial gecovert übrigens 1966 als erster Hard-Rock-Titel überhaupt von Heinz & The Wild Boys) zum Besten zu geben. Der Zuschauer würde ihn am liebsten umarmen, wäre dies möglich, aber vielleicht doch besser nicht, denn sonst zieht man sich wohlmöglich noch eine Anzeige wegen Verletzung der Corona-Schutzmassnahmen zu…

Gegen dieses Highlight müssten die letzten 25 Minuten der Sendung eigentlich verblassen. Aber Markus Lanz hat noch etwas in petto. Er betont, dass es nicht falsch gewesen sei, was er Robert Habeck mehrfach unterstellt habe, nämlich eines Tages Kanzler zu werden. Er sei ja jetzt schon der „Bodyguard von Angela Merkel“, stichelt er. Das in Lübeck geborene Nordlicht kontert cool: „Die hat schon welche. Ich hab sie gesehen. Große Kerle mit Sonnenbrillen“. Und etwas ernster schiebt er nach: „Anstatt Verantwortungsträger zu kritisieren, da will ich die Verantwortung lieber selbst haben“. Na, das ist doch mal eine Kampfansage!

Markus Lanz im ZDF: Runde kritisiert das Ergebnis des Impfgipfels

Die zurückhaltende Oppositionspolitik von Bündnis 90/Die Grünen begründet er mit „Wir sind in einer nationalen Notsituation“. Dennoch habe man das Ergebnis des Impfgipfels, bei dem nicht wirklich Neues herausgekommen sei, kritisiert: „Die Terminvergabe hätte besser organisiert werden müssen. Das habe ich in vier Kameras gesagt“, rechtfertigt er sich. Dass er laut Markus Lanz mehr „Bazooka-Oppositionspolitik“ betreiben hätte müssen, weist er als „dämliches Sprachbild zurück“, weil eine Bazooka „keine mächtige Waffe“ sei, sondern nur ein Rohr. Er möchte keine Politik betreiben wie ein Orang-Utan, der sich auf die Brust trommelt, sondern lieber ein Einvernehmen mit den Bürgern herstellen, auch denen, die vielleicht gegen ihn sind. „Raus aus der Polarität!“, heißt seine Devise.

Markus Lanz gefällt sein Begriff vom „Verantwortungseigentum“, den er in seinem neuem Buch „Von hier an anders“ benutzen würde. Der Autor erläutert ihn zugleich: Er meine damit eine Reihe von neuen Unternehmern, die sich quasi „freiwillig selbst enteignen“. Bei ihnen sei es verboten, die Firma zu verkaufen oder jemand zu enterben. Der Geschäftsführer bekomme ein Gehalt und die Mitarbeiter im Vergleich zum alten Modell ein höheres, da alles in die Firma reinvestiert werde. Dadurch nimmt laut Robert Habeck die Innovationskraft zu. Ein Beleg dafür wie Wirtschaft anders funktionieren könne unter kapitalistischen beziehungsweise markwirtschaftlichen Aspekten.

Markus Lanz (ZDF): Der Moderator bohrt nach

Von den sozialen Netzwerken nutze er nur noch Instagram. „Das ist seine Lieblingsplattform!“, entfährt es „Insiderin“ Valerie Höhne. „Ist Ihnen Twitter zu hart? Sind Sie zu schwach?“, bohrt Markus Lanz nach. „Twitter folgt einer spalterischen Logik“, sagt Robert Habeck. Da würde es dann zum Beispiel nach dem heutigen Abend gleich heißen: „Lauterbach malt die dritte Welle an die Wand!“ „Ich fordere nicht die dritte Welle!“, verteidigt sich dieser, der nach eigenem Bekunden bei Twitter alle Kommentare, die guten wie die schlechten, selbst liest.

Für Robert Habeck müsse man dort die jungen Leute nicht kriegen, „die sind schon da - und zwar auf anderen Plattformen“. War es richtig, dass Twitter Donald Trump gesperrt hat? Robert Habeck antwortet bei Markus Lanz: „Als das berichtet wurde, habe ich mich gefreut, aber es war falsch.“ Valerie Höhne eher diplomatisch (und dies als Journalistin!): „Eigentlich finde ich, dass private Unternehmen entscheiden dürfen, wer auf ihren Medien ist, aber es ist zu diskutieren, wie sehr es die Meinungsfreiheit einschränkt“. Aha.

Markus Lanz (ZDF) zum Abschluss: „Sind also die Mainstream-Medien faul und sensationsgeil?“. Für Karl Lauterbach, der sich immer mehr vom Saulus zum Paulus wandelt, hat Twitter sogar einen lange nicht für möglich gehaltenen Nutzen: „Auseinandersetzungen, die niemand will, mögen polarisierend sein, aber ich gewinne da auch wissenschaftliche Erkenntnisse im Austausch mit anderen wie zum Beispiel dem Weizmann-Institut. Ich lerne dort, wie man das Medium besser machen kann.“ Also Ende gut, alles gut, oder besser: alles Twitter! (Marc Hairapetian)

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