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Der Talk von Markus Lanz im ZDF mit Lars Klingbeil (SPD), Janine Wissler (Die Linke), Ulrike Herrmann (Journalistin) und Rainer Hank (Journalist).
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Der Talk von Markus Lanz im ZDF mit Lars Klingbeil (SPD), Janine Wissler (Die Linke), Ulrike Herrmann (Journalistin) und Rainer Hank (Journalist).

TV-Kritik

Markus Lanz im ZDF: Ein Moderator entdeckt die Liebe zu den Linken

  • VonMirko Schmid
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Markus Lanz galt einmal als ein Journalist mit großem Hunger auf gegrillte Linke. Jetzt lässt er sie im ZDF sogar ausreden. Die TV-Kritik.

Die Social Media-Abteilung des ZDF sah sich in dieser Woche genötigt, Markus Lanz zu verteidigen. Nachdem ein Florian S. sich darüber beschwert hatte, dass der Talkmaster seinen Gästen mit Vorliebe ins Wort fällt, hieß es: „Wir alle haben gelernt, im Gespräch das Gegenüber ausreden zu lassen. Im Alltag ist das ein ganz normales Gebot der Höflichkeit. Doch im Interview muss man die gute Schule manchmal ein Stück weit vergessen – im Dienst des Publikums.“

Die Aufgabe eines „kritischen Journalisten“ sei es, kritische Nachfragen zu stellen. Und dazu sei es nun einmal „für den Moderator manchmal notwendig, Interviewpartnern ins Wort zu fallen“, gerade wenn diese „mit ihren Antworten den Fragen ausweichen“. Denn „würden die Moderatoren die Antworten ihres Gegenübers nur abnicken, kämen viele Gegenargumente im Interview gar nicht zur Sprache“. 

Das ZDF nimmt Markus Lanz in Schutz: „Die gute Schule auch mal vergessen“

Um zu verstehen, warum das ZDF seinen Starmoderator mit einer solchen Verve schützend auf den Schoß nimmt, müssen die geneigten Zuschauer:innen nicht in allzu viele Sendungen dieses Markus Lanz reingezappt haben. Denn, darauf kann man sich schon einigen, Lanz nimmt seine „Aufgabe“ als „kritischer Journalist“ durchaus ernst und „vergisst“ die „gute Schule“ oft mehr als „manchmal ein Stück weit“ - natürlich „im Dienst des Publikums“.

In der Vergangenheit war dieses Phänomen vor allem dann zu beobachten, wenn Gäste aus dem eher linken Spektrum der Politik auf einem der heißen Stühlchen des Südtirolers saßen. Ein hochgeschätzter Kollege schrieb an dieser Stelle einmal davon, dass Markus Lanz „nie eine Talkshow leiten dürfte“. Das war im Jahr 2019, und Lanz hatte sich gegenüber Robert Habeck und Annalena Baerbock dermaßen daneben benommen, dass von „panischer Aggressivität“ die Rede war, mit der Lanz „seine Gäste angeht, wenn sie politisch eher fortschrittlich gesinnt sind“.

Markus Lanz (ZDF): Vorliebe für die Linken entdeckt?

Markus Lanz, der Linkenfresser. Irgend etwas ist mit ihm passiert in den letzten Jahren. Inzwischen frisst er sich nicht nur auch durch den rechten Rand der politischen Landschaft und verspeist genüsslich einen Friedrich Merz oder diese Weidel von dieser Partei, die sich nur selbst eine Alternative nennt. Nein, Markus Lanz hat sogar seine Liebe für Politikerinnen und Politker des linken Spektrums entdeckt.

Das zeigt sich an diesem Abend schon früh. Olaf Scholz, seines Zeichens Spitzenkandidat der SPD (Kanzlerkandidat mag man ihn mit einem Blick auf aktuelle Umfragen schon zur Verringerung seiner Fallhöhe lieber nicht nennen), bescheinigt Lanz gleich zum Auftakt, wahrscheinlich einen „exzellenten Kanzler“ abgeben zu können, wie auch 24hamburg.de* berichtet. Gut, Rainer Hank wendet ein, dass man seit Jahren Mitleid mit der SPD haben müsse, weil sie die Schwäche von CDU und CSU nicht zu nutzen wisse.

Aber Hank ist Wirtschaftsjournalist und ehemaliger Leiter der Wirtschafts- und Finanzredaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Der muss so was sagen. Da wiegen die Worte der durch die Henri-Nannen-Schule sozialisierten Journalistin Ulrike Herrmann schon schwerer, die konstatiert, dass schon irgendwie jeder Olaf Scholz kenne - genau das allerdings auch dessen Problem sei. Und da Markus Lanz gerade einen auf Linkenkuschler macht, ist es Herrmann, welche die SPD, heute vertreten vom tapferen Generalsekretär und Ex-Punkrocker Lars Klingbeil, vor sich hertreibt.

Markus Lanz (ZDF) lässt Lars Klingbeil nicht alles durchgehen

Das Wahlprogramm der SPD gebe inhaltlich nichts her, sagt Herrmann. Nur drei Zahlen stünden drin - zwei davon (Tempo 130 und ein Mindestlohn von 12 Euro) seien auch bei den Grünen zu finden und die dritte Zahl beziffere die Seiten des Pamphlets. Das sitzt. Wenn die SPD noch irgendeine Chance auf einen Endspurt zur Bundestagswahl haben wolle, müsse sie langsam mal in die Pötte kommen, mahnt die Journalistin an, schließlich werde schon ab August per Brief gewählt. Klingbeils Rechtfertigungsversuche (wir hatten die Zahlen zuerst! Wir machen doch schon Wahlkampf!) prallen ab.

Markus Lanz grinst, hat heute aber anscheinend nicht so richtig Appetit auf sozialdemokratisch und verzichtet zunächst auf einen Happen vom Klingbeil. Dafür schafft es der Mann, dessen Sendung kürzlich tatsächlich eine Nominierung für den in der Szene hoch angesehenen Nannen-Preis eingeheimst hat, die eine oder andere Pointe zu setzen. Als Klingbeil seine heute ziemlich aus der Defensive geborenen Phrasen dreschen will und das zuvor mit einem „wenn ich darf“ abzusichern versucht, entgegnet ihm Lanz trocken: „Bitte nicht.“

Und als Klingbeil ausgerechnet Armin Laschet, der in der humanitären Krise 2015 entgegen aller Widerstände hinter Angela Merkel und ihrer Politik der Mitmenschlichkeit gestanden hatte, anhängen will, den „rechten Verschwörungsideologen“ (Janine Wissler) Hans-Georg Maaßen ins Team geholt zu haben, da greift Lanz ein: „Lasse ich nicht durchgehen, ist nicht wahr.“ Da ist es dem Moderator auch egal, dass sich Klingbeil persönlich ans Revers heftet, den SPD-eigenen Rechtsabweichler Thilo Sarrazin aus der Partei geworfen zu haben.

Markus Lanz verschont Janine Wissler und lobt Karl Lauterbach

Apropos Wissler. Hatte man sich vor der Sendung aus einer gewissen Sensationsgeilheit irgendwie gewünscht, dass die (für Verhältnisse der großen Politik) junge Linke und der (aus heutiger Sicht ehemalige) Linkenquäler Lanz aneinander geraten würden, wurde man heute bitter enttäuscht. Anstatt den Grill anzuwerfen und die frisch ernannte Spitzenkandidatin der ehemaligen PDS auf den Rost zu legen, lobt Lanz lieber seinen Studio-Mitbewohner Karl Lauterbach („sensationeller Gesundheitspolitiker“). Man reibt sich ungläubig die Augen – wurde Lanz ausgetauscht?

Hat ihm niemand erzählt, dass Lauterbach dem linken Flügel der linken Partei SPD zugerechnet wird? Wo ist dein Beißreflex, Markus? Anstatt den auszupacken, lacht Lanz heute mit, wenn Klingbeil befindet, dass Markus Söder sogar an Armin Laschet gescheitert sei. Doch so ganz will der Talkmaster seinen Antrag auf ein SPD-Parteibuch dann doch nicht abschicken an diesem Abend.

Markus Lanz: „Olaf Scholz an der Grenze zur Anbiederung“

Olaf Scholz‘ möchtegern-juvenilen Fremdschäm-Moment vom „coolen Spruch“ des Bundesverfassungsgerichtes zum Klimawandel bezeichnet Lanz als das, was er ist: Als „an der Grenze zur Anbiederung“ an die Fridays for Future-Bewegung, nachdem er gerade als Vizekanzler „einen auf den Deckel“ bekommen hat: „Jetzt feiern es die, die es verbockt haben.“ Man mag ihm ungern widersprechen. Zumal der ZDF-Mann klarstellt, wer im Rahmen der Koalitionsverhandlungen im Januar 2018 gebremst hat, als es um den Kampf gegen die Erderwärmung ging: Markus Söder und – welch unerwartete Volte – Olaf Scholz.

Zu Gast bei Markus LanzAusgabe vom 11. Mai 2021
Janine WisslerParteivorsitzende Die Linke
Lars KlingbeilGeneralsekretär SPD
Ulrike HerrmannJournalistin
Rainer HankJournalist

Den anschließenden Versuch des schwäbelnden Journalisten Hank, die Atomkraft als heilbringende Maßnahme gegen den Klimawandel zu verkaufen, kassiert Janine Wissler. Zunächst ist Klingbeil dran und freut sich darüber, dass die SPD ihren Kernkraft-freundlichen Ansichten der 60er-Jahre abgeschworen hat. Hank verweist auf die Grünen als Ursache für das Umdenken der Sozialdemokratie. Wissler hingegen erinnert an den eigentlichen Grund: „Wegen zwei Super-GAUs innerhalb von 25 Jahren.“ Hank grummelt, der Punkt aber geht an die Linken-Politikerin.

Janine Wissler fordert bei Markus Lanz Aussetzung von Impfstoff-Patenten

Das andere große Thema dieser Tage in den Blick genommen, fragt Markus Lanz, wie die beiden Politikprofis es denn mit der Freigabe von Impfstoff-Patenten halten. Wissler positioniert sich und würde für mehr Impfstoffe im „globalen Süden“ auch einen Impfstau hierzulande in Kauf nehmen. Lanz findet das mutig. Auch wenn Wissler ihn zuvor daran erinnern musste, sie ausreden zu lassen und sich anhören musste „Sie sind ja eine kluge Frau“. Das triggert Journalistin Herrmann, die Lanz fragt, ob er einen solchen Satz auch zu einem Mann sagen würde. Der Moderator pariert: Ja, das habe er schon oft so gesagt, sogar zu Olaf Scholz.

Klingbeil hingegen eiert rum, redet von einer Produktion, die angekurbelt werden müsse und seinem Bundestagsmandat und davon, dass man Druck machen müsse, dass in Deutschland alle ein Impfangebot bekommen. Trotzdem sei die Diskussion natürlich berechtigt, ob Unternehmen, die mit staatlichen Geldern gefördert forschen, nicht auch eine „Verpflichtung für die Allgemeinheit“ hätten. Markus Lanz fasst zusammen: „Also Deutschland first?“

Markus Lanz sorgt für den Lacher des Abends

Als sich Klingbeil aus seinem Dilemma – mit Impfstoffen unterversorgte Menschen in der südlichen Hemisphäre hier, eine auf schnelle Impfungen drängende Wählerschaft im eigenen Land dort – herauswinden will, sieht Markus Lanz seine Chance gekommen: „Sie sind doch ein sehr kluger Mann, Sie sind wirklich ein schlauer Mann“. Lacher auf allen Stühlen, Frau Herrmann feixt, Lanz: „Der musste sein, tschuldigung.“

Markus Lanz im ZDF

„Der Talk vom 11. Mai“, ZDF, von Dienstag, 11. Mai, ab 23.15 Uhr. Im Netz: ZDF Mediathek.

Seinen besten Gag des Abends hinter sich gebracht, verfällt Markus Lanz zum Schluss dann doch noch einmal ein ganz kleines Bisschen in seine alte Rolle vom Journalisten mit Heißhunger auf Linke. Bei 15 Prozent, schreibt er Klingbeil ins rote Stammbuch, „würde ich mich auch mit keinem mehr anlegen zusätzlich“. Autsch. Und Lanz setzt noch einen drauf und erinnert den SPD-General an „die alte Börsenweisheit“: „Schluss ist immer erst bei null. Bei 15, 14, 13, da,“ – Kunstpause – „ist noch Luft nach unten“.

Augenzwinkernd nimmt er nebenbei noch die Spitzenkandidatin der Linken aufs Korn: „Wenn man bei sieben Prozent ist, wie Frau Wissler, dann hat man nicht mehr so viel zu verlieren.“ So ganz vom Linkenfresser zum Linkenkuschler mag Lanz dann auch nicht werden. Aber irgendwo bleibt doch der Eindruck hängen, dass sich Markus Lanz heute ein wenig mehr Mühe als sonst gegeben hat, seine Gäste auch einmal ausreden zu lassen. (Mirko Schmid) *24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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