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Literaturkritikerin Elke Heidenreich spricht über die Grüne-Jugend-Sprecherin Sarah-Lee Heinrich.
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Literaturkritikerin Elke Heidenreich sprach bei Markus Lanz unter anderem über die Grüne-Jugend-Sprecherin Sarah-Lee Heinrich. (Screenshot)

TV-Kritik

Elke Heidenreich bei Markus Lanz - Eine alte, weiße Frau liefert ein Feuerwerk an Stereotypen

  • VonMirko Schmid
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Was ist ein Abend mit Markus Lanz im ZDF, wenn sich niemand richtig aufregen möchte und sich alle ganz sympathisch sind? Eine verpasste Chance. Die TV-Kritik.

Es gibt Abende, die sind dankbar für einen TV-Kritiker. Da fallen fetzige Sprüche, da wird sich empört, da gibt es im besten Fall sogar hier und da mal einen Erkenntnisgewinn. Solche Abende sind dankbar, weil die anschließende Kritik sich fast von selbst schreibt. Und dann gibt es Abende wie diesen mit Markus Lanz und seinen Gästen im ZDF. Denn im Vergleich zu den dankbaren Abenden verhält sich diese Runde um Jürgen Trittin, Kai Wegner, Elke Heidenreich und Florian Klenk wie ein Stück nasse Seife.

Denn so sehr man es auch versucht, diese Ausgabe Markus Lanz lässt sich einfach nicht greifen und flutscht, bildlich gesprochen, munter durch die Hände. Das heißt nicht, dass die heitere Runde um den Elder Statesman der linkeren Grünen, den Chef der Berliner CDU, die Else Stratmann-Darstellerin und den charmanten Enthüllungsjournalisten langweilig oder unansehnlich daherkommt. Vielmehr fehlen einfach Ecken und Kanten. Alle vier Gäste sind auf ihre Art und Weise sympathisch. Das Problem (aus Sicht des Kritikers) ist nur, dass sie sich offensichtlich auch untereinander sympathisch sind und somit so gar keine Reibung aufkommen möchte. Daran könnte es auch liegen, dass die durchaus interessanten Themen schwammig bleiben. Wo kein Streit, wo keine Auseinandersetzung, da wird es gerne mal heimelig-beliebig.

Markus Lanz (ZDF): In Österreich verkauft die Presse ihre Integrität – zum Beispiel an Sebastian Kurz

Das beste Beispiel: Österreich. Da reißt Ex-Kanzler Sebastian Kurz mal eben den Rest der Glaubwürdigkeit seiner Partei, der Boulevardpresse und zuvorderst der eigenen Person vom Sockel, produziert eine veritable Korruptionsaffäre und was passiert bei Markus Lanz? Das Ganze wird von Florian Klenk zwar griffig erklärt, aber mit so viel Charme verpackt, dass der monströs empörende Kern der Sache zwischen seiner liebenswerten Mundart und seiner Sendung mit der Maus-artigen Erklärbärerei fast gänzlich unangerührt bleibt.

Markus Lanz mit Jürgen Trittin, Kai Wegner, Elke Heidenreich und Florian Klenk: Da wäre mehr drin gewesen. (Screenshot)

Wir lernen, dass es in Österreich im Grunde gar kein Ding ist, wenn Parteien Presseorgane mit lächerlich hohen Preisen für belanglose Inserate („kauft österreichisches Fleisch, es ist das beste Fleisch!“) Hofberichterstattung kaufen. Klenk sagt sogar sinngemäß: „Das können sie machen, das ist ihr Ding.“ Zum Problem wird das Ganze südlich der Alpen wohl erst, wenn die putzigen Luxus-Werbeanzeigen mit Steuergeldern bezahlt werden.

Gekaufte Berichterstattung mit Steuergeldern in Österreich: Kein Grund zur Aufregung bei Markus Lanz (ZDF)

Moment: was? Warum wird dieser mafiöse Umstand einfach hingenommen? Wo ist das von Markus Lanz (ZDF) gewohnte Nachhaken? Vor allem: Wie kann es sein, dass der ganze Komplex nahezu ausschließlich als Verfehlung der verfilzten politischen Kaste behandelt wird und sich im Grunde keine Sau darum zu scheren scheint, dass die (Boulevard-)Presse in Österreich de facto absolut keinerlei journalistische Rest-Integrität aufweist?

GastBeruf
Jürgen TrittinPolitiker (Grüne)
Kai WegnerPolitiker (CDU)
Elke HeidenreichAutorin
Florian KlenkJournalist

Und das, so kommt es zumindest rüber, so ziemlich jedem Menschen in Österreich nicht nur bekannt, sondern auch schnurzpiepegal ist? Wo ist der Aufschrei, auch und gerade (schließlich besprechen wir das ja gerade) an diesem Abend bei Markus Lanz, darüber, dass ein Ex-Kanzler mit Steuergeldern Hofberichterstattung bestellt und den eigenen Parteichef gestürzt hat? Und dann in Umfragen (Meta-Ebene beachten) auch nach der Enthüllung bei stabil über 35 Prozent bleiben kann?

Weil‘s halt so ist in Österreich? Haha, Operettenstaat (Heidenreich), so sind sie halt, die Ösis? Es passt zu geselligen, aber belanglosen Runde, dass niemand – weder der einst knallharte Markus Lanz noch seine in sich ruhende Runde – das mal anspricht. Puh. Da wäre mehr drin gewesen. Viel mehr. So bleibt es bei Klenks Hinweis, dass es im Alpenland Usus ist, „Fake News zu erzeugen, Fake News zu verbreiten und das Volk für seine eigene Desinformation zahlen zu lassen.“

ZDF-Sendung Markus Lanz: Jürgen Trittin gibt den Staatsmann

Nicht anders, als es dann um Armin Laschet geht. Heidenreich stellt klar, dass der glücklose Noch-CDU-Vorsitzende politisch erledigt ist, ein Verlierer, im Grunde ein politisch Untoter. Nur: So richtig widersprechen will ihr niemand. Nicht mal der komplett handzahme, irgendwie super nette Berliner CDU-Chef Wegner. Der wacht nicht mal aus seinem verbalen Wachkoma auf, als Heidenreich Markus Söder einen „ruchlosen Mensch“ nennt, „der so intrigant gehandelt hat“. Wie soll Stimmung aufkommen, wenn die wunderbar kauzige Schriftstellerin ihre Pfeile in einen Wackelpudding schießt?

Auch Jürgen Trittin will einfach nicht liefern. Der, früher einmal als links-linker Wadenbeißer verschrien, ist inzwischen dermaßen staatsmännisch und geerdet, dass er sich einfach nicht richtig aufregen will. Nicht darüber, dass seinen Grünen (völlig zu Recht) bescheinigt wird, eine nicht allzu diverse Partei zu sein (Lanz: „Annalena und Robert, deutscher geht es nicht“). Nicht darüber, dass Heidenreich einfach nicht einsehen will, dass sie als weiße alte Frau nicht die richtige Ansprechpartnerin ist, wenn es darum geht, die alltäglichen Verletzungen von People of Color (von denen natürlich wieder niemand da war) einzuordnen.

Markus Lanz (ZDF) mit Trittin, Wegner, Heidenreich und Klenk: Ein Abend der vergebenen Chancen

Und von kölsch parlierenden, aus Marokko stammenden Taxifahrern und „Radiogerätinnen“ faselt. Übrigens auch dann nicht, wenn Heidenreich (die übrigens zum Ende hin ein äußerst unangenehmes Feuerwerk von Stereotypen abfeuert) sich tatsächlich das erschreckend unwidersprochene Zerrbild einer „einbeinigen chinesischen Taubstummen“ zurechtpalavert.

Markus Lanz im ZDF

„Der Talk vom 13. Oktober“, ZDF, von Donnerstag, 13. Oktober 2021, ab 22.45 Uhr. Im Netz: ZDF Mediathek.

So bleibt ein fader Eindruck. So viele spannende Ansätze, alle bleiben sie liegen, verwässern, bleichen im seichten Blabla und übergangs- aber eben nicht nahtlosen Hüpfen von Themenkomplex zu Themenkomplex aus. Anders gesagt: Hier wird über Korruption gesprochen. Über einen waidwunden CDU-Wahlverlierer. Über eine Sprecherin der Grünen Jugend, die über eine angebliche „Tunte“ twitterte. Hier packt eine hoch angesehene Autorin Stammtischsprüche über das „völlig unsinnige“ Gendern und Minderheiten aus, die kein CSU-Bierzelt besser hinbekommen hätte. Hier wird den Grünen bescheinigt, eigentlich „die Weißen“ zu sein.

Und was passiert? Nichts. Eine Sendung wie ein einziges Achselzucken. Im Grunde ist das in Zeiten der ständigen Empörung erst einmal nicht schlimm. Dreht man die Medaille, ist es fast wohltuend, dass sich hier ein paar Leute weigern, sich so recht aufzuregen. Aber ist das noch Markus Lanz? Für den Kritiker bleibt das Stück Seife in der Hand. Glitschig. Irgendwie unbefriedigend. Aber hey, die Hände sind sauber. (Mirko Schmid)

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