ZDF-Moderator Markus Lanz und Barack Obama im Interview.
+
Markus Lanz und Barack Obama im ZDF-Gespräch.

TV-Kritik

Markus Lanz (ZDF) bei Barack Obama: Talk mit Tiefgang

  • Tobias Utz
    vonTobias Utz
    schließen

Markus Lanz und Barack Obama im ZDF - eine interessante Kombination, aber keine „explosive“.

  • Barack Obama war zu Gast bei Markus Lanz im ZDF. Thematisch ging es um die US-Wahl 2020, Donald Trump und Obamas Autobiografie.
  • Im Interview bezog Obama Stellung zum scheidenden US-Präsidenten und dessen Nachfolger Joe Biden.
  • Markus Lanz zeigt sich anfangs unsicher, doch dann seine Routine.

„Explosiv“? Nein, eher ein nettes Gespräch, in einem sterilen Hotelzimmer, irgendwo in Washington. Markus Lanz hat sich mit Barack Obama getroffen. Vor der Ausstrahlung des Interviews im ZDF hatte Lanz den Obama-Talk als ein „explosives Interview“ in einer „ungewöhnlichen Sendung“ angepriesen. Nach rund 38 Minuten Sendezeit musste das Publikum jedoch feststellen: Nein, das war es nicht. Jedoch: Lanz lenkt den 44. Präsidenten der USA in eine Richtung, die wiederholt offenbart, wie viele Lichtjahre Obama von seinem Nachfolger Donald Trump entfernt ist, was Rhetorik, Ausstrahlung und politisches Charisma angeht: Lange ist es her.

Der TV-Talk zu später Stunde beginnt flapsig und giftig zugleich: Lanz verspricht Obama, dass dieser sich im sichersten Raum Amerikas befinde. Der ehemalige Präsident widerspricht, betont jedoch im selben Atemzug, dass das Oval Office derzeit „nicht so sicher“ sei: „Viele werden dort krank.“ Wer weiß, ob Obama lediglich die Corona-infizierten Mitarbeiter des Secret Service meinte, oder doch die geistige Verwesung seines Amtsnachfolgers.

Markus Lanz (ZDF): Barack Obama äußert sich zu Donald Trump

Nach anfänglicher Unsicherheit des Moderators - Lanz streicht seine Hose glatt, Lanz klammert sich an den Sessel - führt er das Gespräch zwar nicht zu versprochener Explosivität, aber es wird ein Talk mit Tiefgang. Im Zentrum: Obamas Gefühlswelt. Wer kann schon hinter Obamas Kulisse blicken, die meist perfekt inszeniert ist. Markus Lanz versucht und schafft es.

Auf die Frage hin, ob der Ein- oder der Auszug aus dem Weißen Haus schwieriger gewesen sei, sagt Obama: „Der Auszug [...] war bittersüß“. Warum, fragt Lanz: Retrospektiv süß aufgrund seiner Leistungen, prospektiv bitter wegen seines Nachfolgers. In Anlehnung an das Theater, was Trump aktuell mit Biden veranstaltet, indem er ihm Zugang zu wichtigen Geheimdienst-Dokumenten verwehrt, erzählt Obama, von George W. Bushs Amtsübergabe, die von großem Entgegenkommen geprägt gewesen sei - trotz unüberwindbarer, politischer Gräben.

Person Barack Hussein Obama
Geburt4. August 1961 in Honolulu, Hawaii, USA
Größe1,85 Meter
Politisches Amt44. US-Präsident, 2009-2017

Barack Obama bei Markus Lanz (ZDF): „Fakten werden ausgeblendet“

Obama verkörpert noch immer eine Aufbruchsstimmung. Er spricht mitreißend. Wie in seiner Autobiografie, will er bei Lanz betonen, wie nötig die USA einen Präsidenten, wie Joe Biden, haben. Er wolle der „versöhnende Präsident“ sein, betonte Biden im Wahlkampf. „Das Land ist gespalten. Keiner weiß, wie es enden wird“, fügt Obama mit angestrengter Miene hinzu. Diese Spaltung zu überwinden sei so schwierig, da die „Rückwärtsgewandten“ noch immer eine starke Stimme in Amerika hätten. Obama sorgt sich insbesondere um die Debattenkultur: „Die Fakten werden ausgeblendet, wenn sie der eigenen Sichtweise widersprechen.“

Doch genug der offensichtlichen Erkenntnisse. Lanz legt erstmals den Finger in Obamas Wunde - Thema: Krieg. Kein Präsident der Welt könne bei null anfangen, betont Obama und verweist auf Bushs Verantwortung für US-Beteiligungen an Kriegen. Mit dem Beginn seiner Amtszeit habe er diese geerbt. Kurz und knapp bewertet Obama: „Afghanistan war gerechtfertigt, Irak nicht.“ Er habe sich nie damit abfinden können, wie viele Menschenleben das gekostet habe. Auch der kommende US-Präsident, Joe Biden, steht vor einem schweren politischen Erbe. In puncto Militär wird er wohl seine Vergangenheit hinter sich lassen müssen, denn: Er galt lange als Hardliner.

Markus Lanz: Davor bewahrt, den Verstand zu verlieren - Obama plädiert für Frauen in der Politik

Mittlerweile ist es spät. Zeit für versöhnliche Worte. „Die Frauen haben mich davor bewahrt, den Verstand zu verlieren“, ist Obamas Schlusssatz des Interviews.

Markus Lanz in der ZDF-Mediathek

Sie haben die Sendung verpasst? Hier können Sie die Folge vom Donnerstag, 19.11.2020 in der ZDF-Mediathek finden.

Frauen hätten die Fähigkeit, kluge Entscheidungen zu treffen - ach wirklich, Herr Ex-Präsident? Ja, betont er und verweist auf die Bundeskanzlerin Deutschlands. Angela Merkel sei eine seiner „Lieblingspartnerinnen auf der Weltbühne.“ Was für ein netter Kerl, dieser Barack Obama - und damit zurück nach Mainz. (Tobias Utz)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare