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Markus Lanz (ZDF) im Gespräch mit der Autorin Julia Friedrichs.
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Markus Lanz (ZDF) im Gespräch mit der Autorin Julia Friedrichs.

TV-Kritik zu Markus Lanz

Markus Lanz (ZDF) beweist in seiner Sendung Mut zur Selbstüberforderung

  • Dennis Vetter
    VonDennis Vetter
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Im Polittalk bei Markus Lanz im ZDF kommen Menschen verschiedener Disziplinen zusammen, um Bilanz zur Corona-Pandemie zu ziehen. Wie sieht die Welt „nach“ Corona aus?

Der Polittalk bei Markus Lanz ist so interessant und im deutschen Fernsehen einzigartig, weil in den Gesprächen eine gründliche redaktionelle Arbeit spürbar wird, die gleichermaßen entspannt mit der Vorstellung aufräumt, die gesellschaftliche Momentaufnahme einer Woche ließe sich nur auf einen zentralen Diskurs herunterbrechen. Um zwischen vier Gästen und vier Diskursen im ZDF rote Fäden entstehen zu lassen, muss Lanz permanent eingreifen und bringt sich als Moderator mit seinem Showformat in eine Situation, die schwer zu handhaben ist.

Markus Lanz im ZDF: Im Format begegnen sich Gäste auf Augenhöhe

Markus Lanz beweist dadurch im ZDF von Sendung zu Sendung Mut Selbstüberforderung, die die Gespräche im besten Sinne menschlich und zugänglich werden lässt. Wie seine Gäste muss auch er sich in seiner Rolle als Live-Redakteur positionieren, damit Dialoge zwischen den verschiedenen Wissensfeldern entstehen können. Das Format profitiert immens vom kontroversen Image des Moderators, den etwa die taz zuletzt vehement verteidigte – weil seinem Gesprächsformat eine sympathische Unberechenbarkeit eben sowenig abzusprechen ist, wie eine besondere Mobilität zwischen biografischen und politischen Diskussionsebenen.

Am stärksten werden das Format und Lanz dann, wenn alle Gäste mit ihren verschiedenen Positionen sich auf Augenhöhe begegnen können und nicht eine Debatte – wie zuletzt etwa der Wahlkampf – oder ein Gast alle anderen überschattet und Lanz im ZDF dazu zwingt, das Gespräch vehement an sich zu reißen, oder Einzelne in die Zange zu nehmen. In der Sendung vom 29. Juni war eine solche Begegnung auf Augenhöhe gegeben, denn im Zentrum standen Systembetrachtungen aus unterschiedlichen Disziplinen. Der Soziologe Prof. Harald Welzer (Herausgeber des Magazins taz.Futurzwei) war geladen, um über die Veränderung von Gesellschaft, Lebensräume und Gewohnheiten in der Corona-Pandemie zu philosophieren.

GästeBeruf
Prof. Harald WelzerSoziologe
Verena PausderUnternehmerin
Prof. Susanne SchreiberBiophysikerin
Julia FriedrichsAutorin

Markus Lanz (ZDF) wollte Bilanz ziehen und Zukunftsfragen stellen

Die Unternehmerin Verena Pausder (Vorsitzende des Vereins „Digitale Bildung für Alle“) sollte ihre Positionen zu einem Bildungssystem der Chancengleichheit vorstellen. Die Biophysikerin Susanne Schreiber (Professorin an der Humboldt-Universität Berlin, Mitglied des Deutschen Ethikrats) wurde zur Perspektive der Ethik in der Corona-Krise geladen. Die Autorin Julia Friedrichs schließlich sollte über ihr neues Buch „Working Class – Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können“ berichten.

Markus Lanz (ZDF) formulierte als Selbstanspruch für die Sendung: Bilanz ziehen und Zukunftsfragen stellen. Im Gespräch ergeben sich glücklicherweise vor allem Forderungen, während sich der Moderator in einer Runde findet, die angeregt diskutieren will. Entsprechend schnell weicht er davon ab, Diskussionsfelder wie üblich nacheinander abzurufen und erst im Nachgang zu verzahnen. Nach Kurzinterviews mit Harald Welzer und Verena Pausder zu den Einsichten aus der Pandemie für die Gesellschaft und das Bildungswesen beleuchtet Lanz schnippisch die Trägheit des Systemwandels in Deutschland.

Markus Lanz (ZDF): Handlungsperspektive nach Corona gefordert

Es bestehe kein Veränderungsdruck, weder im Bildungswesen, noch in der Industrie, meint er und ergänzt: „deswegen kommen wir auch an vielen Punkten nicht weiter“. Für eine „Normalität nach der Pandemie“ spricht sich im Gesprächsverlauf nur Susanne Schreiber aus und ignoriert dabei die kritischen Gesellschaftsperspektiven der Anwesenden ebenso wie jüngere Infragestellungen der Idee einer gesellschaftlichen Normalität, wie sie im Zuge der Pandemie etwa die Philosophin Silvia Federici äußerte.

Über die Sendungsdauer scheuen sich die Gäste erfreulich wenig vor Positionierungen, insbesondere Welzer findet großes Vergnügen daran, auch den Moderator zu kommentieren – etwa wenn er nicht gendert, als es um die wichtige Rolle von Bürgermeister*innen für politisches Lernen geht. Gast und Moderator sind sich dabei im Grunde einig: Die Lokalpolitik habe sich Veränderungen und wagemutigen Antworten auf die Pandemie gegenüber deutlich offener gezeigt, als die Länder und der Bund. Im kleinen zeigen sich politische Akteur*innen mutiger und fähiger, Risiken und Verantwortung zu tragen.

Markus Lanz (ZDF): Wie sieht die Lebensrealität der Arbeiter:innen aus?

Das Resultat von lokalen Visionen seien Konzepte wie im Ort Andernach, die als „essbare Stadt“ heute bundesweit bekannt sei, meint Welzer. Nur wenn die Politik Menschen involvieren und positive Identifikationspunkte sowie Handlungsperspektiven schaffen könne, gäbe es einen Weg aus der aktuellen Polarisierung der Gesellschaft, stimmt ihm Julia Friedrichs zu. Es brauche ein gemeinsames Projekt für die Bevölkerung, um nach der Pandemie wieder gemeinsam handlungsfähig zu werden, die Zukunft zu gestalten und letztlich mehr Chancengleichheit herbeizuführen.

Der Vorschlag der Runde: Die Arbeit an Perspektiven für Kinder und Jugendliche, die in der Pandemie flächendeckend massiv abgehängt und ausgeschlossen wurden – insbesondere jedoch in Haushalten mit eingeschränktem Zugang zu digitalen Lerninhalten. Eine politische Wertschätzung der Eltern für ihre komplizierte Lage im Homeschooling blieb aus, Softwarelösungen aus den USA und China wurden blauäugig und wenig nachhaltig zum Standard erklärt. Währenddessen predigte die deutsche Politik die weltweite Vormachtstellung Deutschlands in Sachen Technologie.

Markus Lanz thematisiert im ZDF prägnant

Zum Ende der Sendung, nachdem die Perspektiven der digitalen Bildungsarbeit diskutiert sind, unterstreicht Friedrichs nachdrücklich die Probleme, die eine ungleiche Gesellschaft weit darüber hinaus prägen. Eine kluge Digitalisierung und der verantwortungsvolle Umgang mit Technik in der Schule seien als Lösung nicht gut genug, wenn Schüler*innen nicht selbstverständlich auf gutem Niveau lesen, schreiben und rechnen können und nach der Schule mit einem System konfrontiert sind, das die Bedürfnisse arbeitender Menschen missachtet.

Markus Lanz (ZDF) holt sie bereits früh ins Gespräch, mit einer hervorragenden Frage: Wie lässt sich der Begriff und Titel ihres Buchs „Working Class“ eigentlich ins Deutsche übersetzen? Lanz thematisiert damit sehr prägnant, was er tatsächlich wissen will: Wie verhält sich die Lebensrealität von Arbeiter*innen in Deutschland zu der in anderen Gesellschaften – allen voran den USA, wo das Credo des Erfolgs durch die eigene Arbeit immer noch als gesellschaftliche Leitformel gilt?

Markus Lanz im ZDF: Wer in Deutschland das Leben auf Lohnarbeit aufbaut, hat ein Problem

Der Moderator kriegt am Ende die Kurve zu seiner Eingangsfrage an sie, indem er selbst die Antwort andeutet: „Working Poor“ sei eigentlich der Begriff, mit dem die US-Gesellschaft die Gruppe von Menschen beschreibe, die Friedrichs in ihrer Arbeit begleitet und über die sie in ihrem Buch so eindrücklich schreibt, dass ihm zahlreiche Textpassagen und Beispiele nicht mehr aus dem Kopf gehen. Lanz geht auf ihren Text aus ganz subjektive Weise ein und greift ohne Anspruch auf Vollständigkeit heraus, was ihm „wirklich in Erinnerung“ geblieben ist.

Ihr Statement wird schnell klar: Wer heute in Deutschland sein Leben auf Lohnarbeit aufbaut, hat ein Problem und ist weit mehr als frühere Generationen an die wirtschaftliche Situation der Eltern gebunden. Dass derzeit und perspektivisch auch nach der Pandemie Arbeiter*innen in unverzichtbaren Berufen noch immer nicht ausreichend wertgeschätzt werden und keinerlei Rücklagen aufbauen können, findet sie „schwer erträglich“. (Dennis Vetter)

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