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Diskutierten im ZDF über eine Vielzahl von Themen: Markus Lanz, Stefan Weil, Anna Sauerbrey, Dr. Christian Kröner, Elmar Theveßen (Von links).
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Diskutierten im ZDF über eine Vielzahl von Themen: Markus Lanz, Stefan Weil, Anna Sauerbrey, Dr. Christian Kröner, Elmar Theveßen (Von links).

Fernsehen

Impf-Streit bei Markus Lanz (ZDF): „Damit hätte man eine ganze Stadt impfen können!“

  • Marc Hairapetian
    VonMarc Hairapetian
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Impfen, Olaf Scholz, Joe Biden, Joints und Donuts: Bei Markus Lanz ging es diesmal wieder um eine Vielzahl von Themen.

Hamburg – Nicht alles neu macht der Mai, aber manchmal können auch nur kleine Änderungen bei einem wenig innovativen Talk-Format wie „Markus Lanz“ im ZDF zu einem weitgehend gelungenen Abend beitragen: Anstatt von fünf Gästen (wobei einer meist zugeschaltet ist), beschränkt sich der Moderator diesmal auf vier.

Und siehe da: Die seit mehr als einem Jahr ewig gleichen Themen „USA“ und „Corona“ werden nicht nach dem Schema „der ZDF-Moderator gibt das Stichwort, ein Experte hält Monologe“ abgehandelt, sondern es kommt phasenweise zu einer echten Diskussion in der offenen Runde. Während in der politischen Debatte um mehr Freiheiten für Geimpfte und Genesene Allgemeinmediziner Dr. Christian Kröner und die zwei Journalisten Anna Sauerbrey (leitet bezeichnenderweise das Ressort „Meinung/Causa“ des Tagesspiegel) und Elmar Theveßen (ZDF-Korrespondent) durchaus den Mut zu einer eigenen Meinung haben, hält sich Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) recht bedeckt.

Markus Lanz (ZDF): Hausarzt klagt über zu wenig Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen

An sich soll der am 13. April aus tagesaktuellem Anlass wieder aus der ZDF-Sendung ausgeladene SPD-Politiker laut Programm-Ankündigung nun über den Corona-Kurs in seinem Bundesland sprechen, wo ab nächsten Montag weitreichende Lockerungen geplant sind. Doch dazu kommt es gar nicht, auch weil ihn Markus Lanz erst einmal zu seiner Corona-Vakzination im Impfzentrum Hannover befragt. Stephan Weil bezeichnet diesen Ort des Geschehens auf dem Messegelände blumig als „Oase der guten Laune“. Der Talkmaster entlockt ihm dann, dass die Corona-Notbremse der Bundeskanzlerin Angela Merkel „nicht wirklich ein Meilenstein“ gewesen sei. Wie aber die angeblichen Lockerungen in Niedersachsen nun nächste Woche genau aussehen und was die Unterschiede zu anderen Bundesländern sind, erfährt der Zuschauer nicht.

Dafür wird die Diskussion, wenn es um die streitbare Gesundheitspolitik der Bundesregierung geht, lebendig: „Deutschland ist ein Einwanderungsland. Dem müssen wir endlich Rechnung tragen“, meint Anna Sauerbrey. Hausarzt Dr. Christian Kröner, der in seiner Praxis in Neu-Ulm gegen Corona impft, beklagt sich nicht zu Unrecht darüber, dass sich die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen noch in der Steinzeit befinden würde. Impfnachweise seiner Patienten müsse er noch an Labore und Gesundheitsämter faxen.

Den gelben Impfausweis mit seinen Aufklebern könne jeder 14-Jährige fälschen. Dies sei natürlich „strafbewehrt“, ergänzt Anna Sauerbrey. Deshalb, müsse der „digitale Impfausweis nicht erst in vier Monaten, sondern am besten schon morgen“ her, führt Dr. Christian Kröner aus. Dass viele ältere Bürger gar kein Smartphone haben, auf das sie sich eine derartige App herunterladen können, bedenkt er allerdings nicht.

Einigkeit bei Markus Lanz im ZDF: Die Herdenimmunität ist noch weit entfernt

Stephan Weil gibt zu, dass bei seinen 47 Gesundheitsämtern in Niedersachsen, die Zahl kennt er genau, diesbezüglich „nachgerüstet“ werden müsse. Die Devise „Sonderrechte für Geimpfte plus Tests“, findet Elmar Theveßen richtig. Obwohl die USA schneller impfen als hierzulande, 32 Prozent der dortigen Bevölkerung haben bereits den kompletten Impfschutz, 44 Prozent zumindest eine erste Spritze erhalten, sei die viel zitierte „Herden-Immunität“ im einstigen Land der unbegrenzten Möglichkeiten auch längst noch nicht erreicht. „Die Pandemie wird durch Impfen beendet“, sind sich aber alle einig.

Anna Sauerbrey sieht - vielleicht doch etwas verfrüht - bei Markus Lanz das Abflauen von Corona. Elmar Theveßen möchte „möglichst schnell die maximale Normalität in den Schulen“ wiederherstellen. In einem Gespräch, dass der Verfasser dieser Zeilen, kürzlich mit dem Astrophysiker und „Terra X“-Moderator Prof. Dr. Harald Lesch geführt hat, gibt dieser jedoch zu bedenken, dass wir aufgrund von neuen Mutationen lernen müssten, mit dem Virus zu leben und die so herbeigesehnte „Rückkehr zur alten Normalität“ kaum möglich sei: „Und dann werden wir eines Tages morgens aufwachen und sagen: ‚Das ist die neue Welt! Das ist jetzt die Zeit nach Corona!` Es ist ein Phasenübergang, den wir erleben, der ist irreversibel in seinen Schäden.“

Stefan Weil bei Markus Lanz (ZDF): Geld, Donuts oder Joints als Impfanreiz in Deutschland nicht vorstellbar

Dann wird es doch noch lustig: Elmar Theveßen erzählt, dass Impfunwillige in den USA mit Geld (80 Dollar), Donuts oder gar - wie in einigen Bundesstaaten tatsächlich geschehen - Joints geködert würden. Markus Lanz süffisant: „Ich versuche gerade, das Gesicht von Herrn Weil zu interpretieren.“ Dieser trocken: „Es gibt anscheinend Kulturunterschiede zwischen den Amerikanern und uns.“ Er glaube weiterhin an die Vernunft unserer Bundesbürger.

Markus Lanz bringt geöffnete Schulen als Treiber der Pandemie in die Diskussion. Stephan Weil verteidigt den Wechselunterricht samt Maske tragen und Abstand halten. Dadurch sei die Ansteckungsgefahr um das Vierfache reduziert worden. Ob in Niedersachsen auch sequenziert würde, möchte Dr. Christian Kröner wissen. Stephan Weil bejaht dies etwas zögerlich und eingeschüchtert. Dr. Christian Kröner entschuldigt sich gleich darauf bei ihm für seine forsche Gangart. „Ich bin nicht unter Naturschutz“, nimmt es Stephan Weil humorvoll. Er sorge sich vielmehr darum, dass Kinder ohne soziale Kontakte verkümmern würden: „Knirpse brauchen Knirpse.“ Dr. Christian Kröner ärgert sich darüber, dass den Politikern auf einmal in der Corona-Zeit das Wohl der Kinder am Herzen liege und vorher jahrelang nicht.

Mediziner bei Markus Lanz im ZDF: Mit Bayerns überhängigem Impfstoff könnte man Hannover impfen!

Er plädiert dafür, dass auch die Jüngsten geimpft werden sollen, was dank Zulassung ab Juli mit Biontech realistisch sei. Eltern hätten in Bayern schon angeboten, HEPA-Schwebstofffilter (HEPA = High-Efficiency Particulate Air/Arrestance) in den Schulen auf eigene Kosten einzubauen, doch es sei dann an der Frage der Politiker gescheitert, wer den Strom bezahle. „Wir scheitern an uns selbst“, bringt es Dr. Christian Kröner auf den Punkt. Er sei unpolitisch, dafür aber pragmatisch.

Das bei den alten Injektionsspritzen immer etwas Impfstoff übrig bleiben würde, der dann entsorgt werden müsse, anstatt ihn auch zu nutzen, hätte zahlreiche Menschenleben gekostet. Von 3,2 Millionen Verimpfungen in Bayern seien 15 Prozent des Impfstoffes überhängig gewesen: „Damit hätte man eine ganze Stadt wie Hannover impfen können!“ In Niedersachsen würden die Impfreste, also auch die siebte Biontech-Dose, anstatt sechs verimpft, in Bayern auf behördliche Anordnung nicht. Das empfindet nicht nur Dr. Christian Kröner als skandalös. Andere Bundesländer, andere (Impf-)Sitten…

Markus Lanz fragt: Wie viel Olaf Scholz steckt in Olaf Scholz?

Nach diesem Klimax der Talkshow widmet sich Markus Lanz für zehn Minuten dem Kanzler-Kandidaten der strauchelnden SPD, die es in Umfragen nur noch auf 13 bis 15 Prozent bringt. „Wie viel Olaf Scholz steckt in Olaf Scholz?“, möchte er von dessen Parteigenossen Stephan Weil wissen; „100 Prozent!“ Die Antwort war natürlich logisch. Anna Sauerbrey schmunzelt über den bisher reichlich unspektakulären Wahlkampf des Bundesministers der Finanzen und Stellvertreters der Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) - frei nach dem Motto: „Die Leute werden schon merken, dass ich der Richtige bin.“ Oder werden sie es gar merkeln? Für Stephan Weil befindet sich seine Partei nach dem Katastrophenjahr 2019, wo „viele Fehler“ begangen wurden, wieder im Aufwind. Erfolg könne man allerdings nur erzielen, wenn man sich zusammenraufe.

In der letzten Viertelstunde der Sendung ist die Diskussion bereits beendet, denn nun darf Elmar Theveßen quasi allein über die ersten 100 Tage Amtszeit von US-Präsident Joe Biden referieren. Diesmal nicht aus Washington, sondern Hamburg-Altona. „Es braucht mehr Gerechtigkeit im Land“, hätte sich der vom abgewählten Donald Trump als „Sleepy Joe“ verspottete Demokrat auf die Fahne geschrieben. „Think Big“ und „America First“ seien auch für ihn geltende Slogans. Die Geschwindigkeit mit der er allerdings die Ärmel aufkrempeln und Wahlkampfinhalte wie Klimawandel, Arbeitsplatzbeschaffung für den Mittelstand und Steuersenkungen angehen würde, sei auch für die Republikaner verblüffend.

ZDF-Journalist bei Markus Lanz: Joe Biden macht das sehr geschickt

Dies „begeistert“ auch Markus Lanz. Joe Bidens Anerkennung des Völkermords an den Armeniern unter Verantwortung der jungtürkischen, vom Komitee für Einheit und Fortschritt gebildeten Regierung des Osmanischen Reichs während des Ersten Weltkriegs sei ein weiterer Hinweis, dass Ankündigungen auch Taten folgen. „Biden macht das sehr geschickt“, weiß Elmar Theveßen, „Er rief Erdoğan einen Tag vorher an und teilte ihm mit, dass er es verkünden würde.“ Der große Unterschied zu Donald Trump: „Biden tritt nur dann auf, wenn er etwas zu sagen hat.“

Donald Trump mit seinen unzähligen Tweets sei als Präsident nur ein Ich-Darsteller gewesen. Joe Biden betreibe keine transaktionale Außenpolitik. Menschenrechte lägen ihm am Herzen. Das müssten auch China und Russland zur Kenntnis nehmen. Wie Franklin D. Roosevelt in den 1930er Jahren und Lyndon B. Johnson in den 1960er Jahren würde er mit dem „bestmöglichen Team um sich herum“ versuchen, „auf geradezu revolutionäre Weise zu reformieren“.

Doch der ZDF-Journalist möchte ihn „nicht zu voreilig, über den grünen Klee loben“. Auch wegen der Zwischenwahlen in den USA in zwei Jahren sei für den betagten Joe Biden Eile geboten: „Er springt wie ein Tiger, doch es bleibt abzuwarten, ob er als Bettvorleger landet“. Manchmal können nicht nur Diskussionen fruchtbar und amüsant sein, sondern auch Monologe! (Marc Hairapetian)

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