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Campino und Marteria im ZDF – Markus Lanz darf endlich mal „Scheiße“ sagen

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Von: Moritz Post

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Markus Lanz im Gespräch mit Campino und Rapper Marteria.
Markus Lanz im Gespräch mit Campino und Rapper Marteria. (Screenshot) © ZDF

Im ZDF-Polittalk bei Markus Lanz dreht sich alles um das Ost-West-Gefälle: Zu Gast sind Campino von den „Toten Hosen“ und der Rapper Marteria.

Am Mittwochabend hat Markus Lanz seit langer Zeit einmal wieder eine ausschließlich durch Künstler besetzte Talk-Runde in sein Studio in Hamburg geladen. Der ehemalige Punker Campino von den „Toten Hosen“ und der Rapper Marteria sind am späten Abend zu Gast im ZDF. Grund dafür ist die freundschaftliche Gemeinschaftsarbeit der beiden Musiker Andreas Frege und Martin Laciny, in der die beiden innerdeutsche Ost-West-Klischees auf- und verarbeiten.

Soweit klingt das harmlos. Wird dies jedoch konsequent in das TV-Deutsch lanz’scher Late-Night-Kultur übersetzt, sollten alle Alarmglocken klingeln: Denn dann sitzen bei Markus Lanz der Düsseldorfer Sänger Campino („Die Toten Hosen“) und der Rostocker Rapper Marteria, die aus „zwei Welten kommen, die unterschiedlicher nicht sein könnten“. Trotzdem habe sich eine Freundschaft zwischen beiden entwickeln können. Und dennoch seien da Befindlichkeiten, die diese ost-westdeutsche Männerfreundschaft nun artikuliert und „für ein launiges, selbstironisches Projekt mal richtig auf den Punkt gebracht haben“.

Markus Lanz (ZDF): Campino und Marteira in ost-westdeutscher Männerfreundschaft

Tatsächlich haben beide Musiker zwei antagonistisch funktionierende Songs veröffentlicht, von denen der eine „Scheiss Ossis“ (Marteria), der andere „Scheiss Wessis“ (Campino) heißt. Doch abgesehen davon, dass die beiden provokant gemeinten Titel über dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung wirklich keinerlei Entrüstung mehr auslösen oder und auch nicht leisesten Hauch von Anstößigkeit versprühen, so wenig originell sind auch noch die Klischees und Vorbehalte, die den Texten zugrunde liegen.

Infos zur Sendung

Hier sehen Sie den Polit-Talk von Markus Lanz in der Mediathek.

Im Jahr 2022 nochmal Songs zu veröffentlichen, die sich um die „saufenden und asozialen Ossis“ drehen, deren Leben, wie der andere Song erklärt, mit dem Soli finanziert worden sei, langweilt den westdeutschen Autor dieser Zeilen doch wirklich sehr. Hier werden im Spätabend-Programm des ZDF zwei Songs beworben, die sich in der Mühle der Kulturindustrie das Image des Widerspruchs und Tadels zugelegt haben, jedoch wenig wirklich relevante Kritik an bestehenden Klassenunterschieden in der Gesellschaft artikulieren können, welche sich aber doch insbesondere im Ost-West-Gefälle ausdrücken und als historisch verstetigtes Entwicklungsgefälle bemerkbar machen.

Markus Lanz (ZDF): Banale Kritik am Ost-West-Gefälle

Es wird deutlich, dass Marteria in seinem Song und durch seine Position am Abend bei Markus Lanz wenigstens versucht, ein neu entstandenes, halb ironisch gemeintes Selbstbewusstsein der Ostdeutschen aus ihrer klischeehaften Außenseiterrolle heraus zu definieren. Und gerade durch diese Ironisierung versucht der gebürtige Rostocker, eine Form der Lust an der selbst erfahrenen Benachteiligung und der Position ganz unten in der gesellschaftlichen Hierarchie zu finden, die befreiend wirken kann.

Gäste bei Markus Lanz
CampinoSänger von die toten Hosen
MarteriaRapper

Im Gegenteil dazu die Position Campinos, deren komisch gemeinte, aber bräsig daherkommende Selbstläuterung als Westdeutscher in seinem Song letztlich darin besteht, dass es nicht immer Champagner (kurze Erinnerung an Campino: Der kommt aus Frankreich) sein muss und Rotkäppchen-Sekt ja auch ganz okay schmecke. Es bleibt unklar, was an diesem Projekt jetzt genau so „großartig“ ist, wie Markus Lanz betont. Vermutlich ist es für den Moderator an diesem Abend aber der Ausbruch aus der eigenen kleinbürgerlichen Welt, der ihn so aufgeregt wirken lässt. Immerhin darf Markus Lanz an diesem Abend zweimal das Wort „Scheiße“ im Hauptprogramm des ZDF sagen.

Markus Lanz (ZDF): Männer haben mal wieder „was gemacht“

Dies alles vor Augen, hätte man sich die 45 Minuten „Lanz“ nach Mitternacht am Mittwochabend auch sparen können. Mal wieder sind es zwei Männer, die etwas gemacht haben und dafür nun mediale Aufmerksamkeit im Mainstream erhalten. Weibliche Protagonistinnen bleiben an diesem Abend der Männerfreundschaft und der Vertrautheit unter Kumpels selbstredend außen vor.

Und Markus Lanz (ZDF) fragt gar nicht erst nach, ob vielleicht auch eine Frau gerne mitgemacht hätte. Dabei sollte das Konzept des Männerbündnisses gerade im Jahr 2022 kritisch hinterfragt werden. Denn dass der Versuch der Überwindung des Ost-Konflikts mittels einer Männerfreundschaft eine (heute darf‘s hier ja geschrieben werden) Scheiß-Idee ist, wissen wir nicht erst seit dem Besuch von Campino und Marteria bei Markus Lanz. Das hat auch schon bei Wladimir Putin und Gerhard Schröder nicht geklappt. (Moritz Post)

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