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Die Gäste bei Markus Lanz im ZDF.
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Die Gäste bei Markus Lanz im ZDF.

TV-Kritik

Markus Lanz (ZDF) witzelt über Sahra Wagenknecht: „Ist das Trikottausch mit den Grünen?“  

  • Marc Hairapetian
    VonMarc Hairapetian
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Im ZDF bei Markus Lanz wird über die aktuellen Sondierungen diskutiert. Zu Gast: neben Peer Steinbrück auch Sahra Wagenknecht.

Hamburg - Was waren das noch für Talkshow-Zeiten! Zum Beispiel bei „3nach9“ (Eigenschreibweise), der mittlerweile ältesten laufenden TV-Gesprächsreihe, die im Auftrag von Radio Bremen TV produziert und auch vom NDR, dem HR sowie dem rbb Fernsehen ausgestrahlt wird. Da durfte geraucht werden, bis die Diskussionsteilnehmer in dicken Nebelschwaden eingehüllt waren. Es wurde Alkohol getrunken, gelacht und gestritten. Und es gab noch handfeste „Medien-Skandale“, die sich diesen Begriff redlich verdient hatten.

Während der Sendung vom 19. Februar 1982 zog Fritz Teufel, das ehemalige Führungsmitglied der linksextremen terroristischen Vereinigung „Bewegung 2. Juni“, mitten während der Diskussion über gutes Benehmen eine Wasserpistole und spritzte Hans Matthöfer (SPD), den damaligen Bundesminister für Finanzen, mit Zaubertinte nass. Dieser war erst wie alle anderen Studiogäste der Live-Sendung total perplex. Doch dann „revanchierte“ er sich, indem er den „bösen“ Teufel (der Nachname war hier Programm!) mit einem Glas Wein übergoss.

Markus Lanz (ZDF): Sahra Wagenknecht (Linke) im Polittalk

Acht Jahre zuvor demonstrierte die unvergessene „Sissi“-Schauspielerin Romy Schneider, die es in Frankreich längst zur Charakter-Darstellerin („Die Dinge des Lebens“, 1970) gebracht hatte, bei „Je später der Abend“ (zuerst WDR, dann ARD), dass eine Talkshow auch sinnlich Skandale hervorbringen kann, indem sie den verurteilten Bankräuber und Jung-Akteur Burkhard Driest („Die Verrohung des Franz Blum“, 1974) vor den Augen des verdatterten Moderators Dietmar Schönherr und eines Millionenpublikums am Bildschirm ans Knie fasste und ihm entgegen hauchte: „Ich mag Sie. Ich mag Sie sogar sehr.“ Vor derlei Provokationen und Berührungen ist das mitternächtliche Plausch-Format von Markus Lanz im ZDF anno 2021 äonenweit entfernt.

Im (noch immer nicht beendeten) Corona-Zeitalter sitzen der Talkmaster und seine vier Gäste - Politikerin Sahra Wagenknecht (Die Linke), Schriftstellerin Juli Zeh („Über Menschen“), Journalistin Cerstin Gammelin (SZ) und der ehemalige SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück - ohne Zuschauer:innen - im Altonaer Studio gesittet und mit gebührendem Abstand voneinander entfernt. Auch der Auftakt von Markus Lanz (ZDF) wirkt bei aller körperlichen Distanz über das Knie gebrochen.

Markus Lanz fragt SPD-Politiker im ZDF: „Wie groß ist Ihr Mitleid mit Armin Laschet?

Von der früher so streitbaren (und streitlustigen), diesmal aber merklich zurückgenommenen Sahra Wagenknecht will er aufgrund ihres schicken Kleids wissen: „Ist das der Trikottausch mit den Grünen?“ Die wie immer stilsichere Tochter eines iranischen Vaters und einer deutschen Mutter bleibt gelassen: „Das ist persönliche Präferenz. Ich trage auch blaue Kostüme.“ Ein Hauch von Provokation liegt dann doch in der Luft, als der smarte Südtiroler Markus Lanz von Peer Steinbrück, der 2013 mit der identischen Prozentzahl von 25,7, die die SPD auch 2021 erreichte, eine krachende Niederlage, bei seinem Bemühen, Kanzler zu werden, hinnehmen musste, während Partei-Genosse Olaf Scholz nun der Gewinner zu sein scheint, wissen will: „Wie groß ist ihr Mitleid mit Armin Laschet?“

Der für seine Sachlichkeit bekannte ehemalige Bundesfinanzminister (2005 - 2009), der seit 2016 als Banken-Berater tätig ist, aber 2017 auch auf eine kabarettistische Tournee durch Deutschland mit Florian Schroeder ging, wirkt bei seiner Antwort ehrlich: „Es ist begrenzt, aber es gibt es.“ Denn er weiß selbst, dass man eine Niederlage beim Wahlkampf aus politischer Sicht „nicht überleben wird“. Und das sagt er „bei allem Respekt für die persönliche Integrität“ des Gegners von der CDU.

Gäste bei Markus Lanz
Sahra Wagenknecht Die Linke
Peer SteinbrückEhemaliger SPD-Kanzlerkandidat
Juli ZehAutorin
Cerstin GammelinSüddeutsche Zeitung

Er selbst hätte schon ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl 2009 beim morgendlichen Blick in den Rasierspiegel gewusst, dass er es nicht schaffen würde, Kanzler zu werden. Aufgeben wollte er allerdings nicht - „schon allein der moralischen Verantwortung wegen innerhalb des demokratischen Wettbewerbs“. „Alles, was Sie sagen, sagt der Kopf“, moniert Markus Lanz (ZDF). „Sie wollen jetzt mein Innenleben offenlegen“, erkennt Peer Steinbrück, gesteht dann aber „postume Fehler“ ein, wie das markige Foto mit dem „Stinkefinger“, das nur bei Minderjährigen, als nicht „Nicht-Wahlberechtigten“ gut angekommen wäre. Das hätte ihn seinerzeit mindestens zwei Prozentpunkte gekostet.

So wie im Juli dieses Jahres Armin Laschet sein Lachen im Hintergrund, als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Flutopfern Trost spenden wollte. Und dann haut der an sich so besonnene Peer Steinbrück gewaltig einen raus: „Olaf Scholz ist nicht gewählt worden, weil er in der SPD ist, sondern obwohl er in der SPD ist.“ Wetten, dass so mancher Parteigenosse über diesen Kommentar nicht amüsiert sein wird?

Bei Markus Lanz im ZDF haben sich alle lieb

Solche trockenen, leider allzu seltenen Statements verleihen der oftmals so faden, politisch überkorrekten Sendung doch noch Würze. Je später der Abend, desto unzensierter die Gäste, wäre man als Rezensent fast geneigt zu sagen. Doch es war nur ein kurzes Aufflackern von alter Bissigkeit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen hierzulande. Eigentlich haben sich diesmal alle bei Markus Lanz lieb, geben sich häufiger gegenseitig sogar recht.

So auch bei Juli Zehs Einschätzung des Wahlkampfs zur Bundestagswahl 2021. Ihr habe hier zwar „jede Menge gefehlt“, zum Beispiel „pro Europa, pro Klimaschutz“, dennoch möchte sie „das Positive herausstreichen“: Der Eindruck, dass im Angesicht des Corona-Jahres heutzutage alles „wahnsinnig polarisieren würde“ und „extreme Ränder“ auftrumpfen könnten, wäre eine „Fehlanalyse“ gewesen. Auch die derzeitigen Koalitionsverhandlungen, Jamaika-Bündnis hin, Ampel-Bündnis her, zeigten demokratische Geschlossenheit. Das würde hinter geschlossenen Türen stattfinden, „ohne großes Presse-Tamtam“.

Markus Lanz (ZDF) rätselt: Wer sind die Whistleblower bei den Sondierungen?

Ganz so ist es allerdings nicht, möchte man der Autorin, deren „Kleines Konversationslexikon für Haushunde“ (2005) nicht nur Tierfreunden ans Herz gelegt werden kann, widersprechen, sickern doch bei der CDU und auch den Grünen immer wieder Interna durch. Wer sind denn da die Whistleblower? Das möchte dann auch Markus Lanz (ZDF) wissen. Jens Spahn und Michael Kretschmer mutmaßen drei der vier Gäste im Studio. Als der Moderator auch Journalistin Cerstin Gammelin befragt, kontert diese schlagfertig: „Das fällt unter Quellenschutz.“ Markus Lanz solle dazu lieber wieder Robin Alexander, den stellvertretenden Chefredakteur von Die Welt einladen. Dieser hat bekanntlich mehrfach ein düsteres Bild zum Ende der Merkel-Ära gezeichnet. Der ehemalige „Wetten, dass..?“-Präsentator scherzt zurück: „Der sitzt im Lüftungsschacht!“

Mag auch der Bildungsauftrag im ZDF etwas zu kurz kommen, der Unterhaltungs-Faktor wird bei den Mainzelmännchen nach wie vor GROSS geschrieben! Das gipfelt darin, dass die einst von ihren eigenen Reihen als „Stalinistin“ kritisierte Sahra Wagenknecht die FDP für ihre unangepasste Corona-Politik mit der „Verteidigung der Grundrechte“ ausdrücklich lobt, Juli Zeh den Begriff „Anti-Charismatiker“ bei Peer Steinbrück positiv meint und dieser für die Merkel-Nachfolge eine „Einheitsregierung aus Einstein, Helene Fischer und Tarzan“ kommen sieht.

Bei Markus Lanz im ZDF bestätigt Steinbrück Sahra Wagenknecht

Bei der Bekämpfung von Steuerbetrug, Internet-Giganten, Inflation, Mietwucher, Covid-19-Pandemie und Klimawandel sind sich im Prinzip ebenfalls alle einig: „Europa ist nicht das Problem. Europa ist die Lösung!“ Also sprach Peer Steinbrück…! Und die drei Damen nicken dazu - wie auch Markus Lanz. Als für Sahra Wagenknecht im Angesicht von „Handel und Wandel ein funktionierender Binnenmarkt A und O ist“, meint Markus Lanz fröhlich: „Wenn Steinbrück Wagenknecht bestätigt, ist das Amtssiegel drauf!“ Es gab in der Tat langweiligere Talk-Runden, doch irgendwie sehnt man sich nach den 1970er und 1980er Jahren zurück, als geraucht, getrunken und richtig gestritten wurde… (Marc Hairapetian)

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