Boris Palmer von „Die Grünen“ und Eva Quadbeck bei Lanz.
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Boris Palmer von „Die Grünen“ und Eva Quadbeck bei Lanz.

Markus Lanz, ZDF

„Markus Lanz“ im ZDF: Boris Palmer will wegen Corona den App-Zwang - Lanz grätscht ungelenk dazwischen

  • Peter Hoch
    vonPeter Hoch
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Bei „Markus Lanz“ im ZDF geht es diesmal um Corona-Impfstofftests und Pro- und Contra einer Pflicht für die Warn-App. Nebenschauplatz ist der Status quo der Grünen.

  • Die Gäste bei Markus Lanz: Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer von „Die Grünen“, die Virologin Prof. Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, die Redakteurin Eva Quadbeck von der „Rheinischen Post“ und der Journalist und Autor Kester Schlenz
  • Palmer, als „enfant terrible“ in seiner eigenen Partei unbeliebt, fordert eine Corona-Warn-App-Pflicht für alle Smartphone-Nutzer
  • Wenn es interessant wird, lässt Markus Lanz im ZDF seine Gäste nicht immer ausreden, sondern bringt ausbremsende Aspekte aufs Tapet.

Hamburg - Tübingens „Die Grünen“-Oberbürgermeister Boris Palmer ist wegen manch provokanter Kommentare zur Flüchtlingspolitik, zur LGBTQ-Gemeinde und einigem mehr das ungeliebte Kind seiner Partei. Bei Markus Lanz (ZDF) gibt der Politiker sich diesmal aber überraschend zahm und kann sogar mit vielversprechend klingenden Ansätzen im Kampf gegen Covid-19 punkten.

Persönlichkeitsrechte adé? Boris Palmer will bei Markus Lanz (ZDF) eine Pflicht für die Corona-Warn-App

Taxifahrten für Ältere zu Buspreisen und regelmäßige Tests für alle Pflegeberufler, wie in seiner Stadt praktiziert, das erscheint durchaus sinnvoll. Weiterer Aufhänger für seine Einladung zu „Markus Lanz“ war wohl, dass Palmer vor zweieinhalb Wochen als Proband an der Corona-Impfstoffstudie des Tübinger Pharmaunternehmens Curevac teilgenommen hat.

Etwas kontroverser wird es, als es um Palmers Forderung geht, den Einsatz der Corona-Warn-App für alle Smartphone-Nutzer verpflichtend zu machen. Hier gerät er mit der Virologin Prof. Melanie Brinkmann und vor allem der Journalistin Eva Quadbeck an die Falschen, die einem App-Zwang aus freiheitsrechtlichen Gründen ablehnend gegenüberstehen. Palmers Ideen-Mix aus einer App-Pflicht verbunden mit Vorteilen, etwa, dass man sich bei Restaurantbesuchen als Corona-App-User ausweisen und so das lästige Zettelausfüllen entfallen könnte, ist zwar im Grundansatz fragwürdig, aber nicht komplett sinnlos.

Markus Lanz grätscht im ZDF ungelenk dazwischen

Er und Quadbeck reden bei Markus Lanz aber aneinander vorbei und der interessante Aspekt eines „Belohnungssystems“ geht dabei unter – hier wäre es Lanz’ Aufgabe gewesen, Klarheit zu schaffen und nachzuhaken, anstatt ungelenk dazwischen zu grätschen. Doch auch Palmer darf sich nicht auf seinen Macherqualitäten ausruhen, denn eine überzeugende Antwort auf die Frage, was mit den technischen Problemen der App sei und ob er nicht das Pferd von hinten aufzäumen würde, bleibt der Politiker schuldig.

TalkshowMarkus Lanz
ProduktionsunternehmenFernsehmacher (2008–2010); Mhoch2 TV (seit 2011)
Ausstrahlungsturnusdienstags–donnerstags
TitelmusikWir sind Helden – Nur ein Wort
SenderZDF
Jahr(e)seit 2008
NominierungenDeutscher Fernsehpreis für das Beste Infotainment / Talksendung

Etwas Corona-Mut macht die sympathische Virologin Prof. Melanie Brinkmann: „Es wird besser“ konstatiert sie, vor allem, weil man immer mehr darüber lernt, wie die Krankheit funktioniert und Therapien entwickeln kann. Sie glaubt zwar nicht daran, dass ein Impfstoff gefunden wird, der eine dauerhafte Komplettimmunität sicherstellt, wohl aber einer, der teil- und zeitweise immun macht.

Markus Lanz im ZDF: Der Stand der Dinge in der Corona-Forschung

Sollten die derzeit getesteten RNA-Impfstoffe sich als wirksam erweisen, könnten von ihnen in kurzer Zeit große Mengen hergestellt werden und gut modifizierbar seien sie auch. Dennoch hält die Wissenschaftlerin nicht damit hinterm Berg, dass die privaten Familienfeiern ihr Bauchschmerzen bereiten und dass manches aktionistisch abläuft: „Wir testen wie blöd in Deutschland und überhaupt nicht gezielt“ – sie favorisiert häusliche Kurzquarantänen für Reiserückkehrer mit angeschlossenem und nicht vorangegangenem Test.

Zur Sendung

Markus Lanz, ZDF, von Mittwoch, 26. August 2020, 23.20 Uhr.
Die Sendung in der Mediathek.

Markus Lanz (ZDF): Boris Palmer wünscht Cem Özdemir wieder eine wichtigere politische Rolle

Nach einer ziemlich erzwungenen Überleitung ist im zweiten Themenblock der Talkshow nun endlich auch „Grünen“-Spezialistin Eva Quadbeck in ihrem Element. Und wenn der Palmer schon mal da ist, muss man ihn natürlich auch zum Standing seiner Partei befragen. Die aktuellen Umfragewertverluste der Grünen erklärt der durchaus nachvollziehbar damit, dass sich die Menschen in einer Situation wie der Corona-Krise hinter die Regierung stellen würden, zumindest wenn „die nicht so verrückt ist wie die in Amerika“.

Ein Nachbohren zu Palmers eigener umstrittener Personalie spart der Kuschelkurs der ZDF-Sendung von Markus Lanz aus. Stattdessen erfährt man, dass er dem weiterhin populärsten „Grünen“-Politiker Cem Özdemir wieder eine wichtigere politische Rolle wünscht und dass Eva Quadbeck die „Grünen“ zu sehr als Ein-Themen-Partei wahrnimmt und die Kanzlerchancen für deren Führungsduo mit Fragezeichen versieht: Robert Habeck beschreibt sie als zu dünnhäutig und fachpolitisch fehlerbehaftet, von Annalena Baerbocks Kompetenz ist sie zwar angetan, stellt ihr allerdings noch einen Mangel an politischer Erfahrung aus.

Markus Lanz im ZDF: Kester Schlenz berichtet über seine Angststörungserkrankung

Für die letzten zehn Minuten wird dann endlich auch Markus Lanz’ viertem Studiogast das Wort erteilt. Der Journalist und Autor Kester Schlenz, dessen Buch „Ich bin bekloppt… und ich bin nicht der Einzige“ frisch erschienen ist, spricht offen über seine Angststörungserkrankung, die er schon seit Jahrzehnten in unterschiedlicher Ausprägung depressiver Phasen mit sich herumträgt. Eindringlich schildert er, wie eine Angststörung aussieht, welche verschrobenen bis verstörenden Gedanken sich durch sie breit machen – und wie wichtig es ist, dass man gesagt bekommt „Du musst dir Hilfe suchen“ und dies dann auch beherzigt.

Ein „Reiß dich zusammen“ oder „Das wird schon wieder“ sollten Angehörige und Freunde sich bitte verkneifen – ein Ratschlag, den man angesichts vier Millionen Betroffener verinnerlichen sollte. Zu diesem Thema, zu dem ein letzter Bogen zurück zum Corona-Dauerbrenner auf der Hand liegt – ja, Patienten, Psychologen und Therapeuten bekommen hier gerade einiges an Rückschlägen aufgehalst – hätte man bei „Markus Lanz“ gerne mehr erfahren. (von Peter Hoch)

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