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„Sie erpressen das Land“ - Markus Lanz mit harschen Vorwürfen gegen Klimaaktivistin Carla Rochel

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Von: Marc Hairapetian

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TV-Talk bei Markus Lanz am 9. November.
TV-Talk bei Markus Lanz am 9. November. © Screenshot ZDF

Die US-Zwischenwahlen und das Beschmieren von Kunstwerken mit Kartoffelbrei für den Umweltschutz lauten diesmal die kontrovers diskutierten Themen der ZDF-Talkshow.

Hamburg – „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ („Something wicked this way comes“), heißt es in William Shakespeares im Wortsinn mörderischer Tragödie „Macbeth“ (1606), die 1981 wiederum Science-Fiction- und Horror-Autor Ray Bradbury zu seinem gleichnamigen Roman inspirierte. Bei Markus Lanz verhält es sich am Mittwochabend ähnlich. Nachdem er seine Studiogäste – darunter Grünen-Politiker Jürgen Trittin und die stellvertretende „RedaktionsNetzwerk Deutschland“-Chefredakteurin Eva Quadbeck – erst freundlich begrüßt, schießt er sich im Verlauf der Sendung auf die Jüngste in der Gesprächsrunde ein: Der 20-jährigen Klimaaktivistin Carla Rochel, die sich mit ihren Mitstreiter(inne)n an Straßen festklebt, wirft er vor: „Sie erpressen das Land, das ist Ihnen klar?“

Geradezu genüsslich stellt er fest: „Ich nerve Sie gerade.“ Carla Rochel kann dies nicht von der Hand weisen. Sichtlich angefasst gibt sie zu: „Ja!“ Nach einem kurzen Moment, in dem sie ihre Gedanken ordnet, versucht sie sich und die Demonstrationen für den Umweltschutz, an denen sie seit Ende Januar zu immer radikaleren Massnahmen greift, zu verteidigen: „Es reicht jetzt gerade nicht, mit bunten Schildern auf die Straße zu gehen, es wird einfach ignoriert“, rechtfertigt sie die Protestaktionen ihrer Bewegung mit dem Festkleben auf Autobahnen oder Beschmieren von Kunstwerken mit Kartoffelbrei.

Markus Lanz: Das ZDF lobt den eigenen Mann

Bevor es aber zum Schlagabtausch zwischen ihr und dem ansonsten gar nicht so konservativen Moderator kommt, macht das ZDF von seinem „Hausrecht“ wieder Gebrauch: Elmar Theveßen, Leiter des ZDF-Studios in Washington,D. C., saß in der vergangenen Woche noch bei Markus Lanz im Altonaer Studio. Nun ist er aus Amerika zugeschaltet und darf 20 Minuten über die „Midterms“, die Zwischenwahlen zum US-Kongress, der Legislative der Vereinigten Staaten, referieren, wobei Markus Lanz etwas alibimäßig den Stichwortgeber spielt.

„‚Die rote Welle ist bestenfalls ein Plätschern‘ lautet dazu ein schöner Satz von Dir“, lobt er seinen Sender-Kollegen. Für Elmar Theveßen könnte das Ausbleiben der „roten Welle“ nämlich womöglich eine erneute Kandidatur des Ex-Präsidenten Donald Trump verhindern helfen. Denn die Lehre aus diesem Votum gelte auch für die Republikaner: „Wer sich auf den Trumpismus einlässt, gewinnt nicht automatisch Wahlen.“ Viele der vom Ex-US-Präsidenten unterstützten Kandidaten seien an den Wahlurnen abgestraft worden. Stattdessen habe sein innerparteilich größter Konkurrent Ron DeSantis, seines Zeichens Gouverneur von Florida, einen Triumph gefeiert. Der „Trump mit Gehirn“ sei kurz davor, sich gegen den ehemaligen Amtsinhaber in der republikanischen Partei durchzusetzen. „Das klingt nicht beruhigend, für was er steht“, seufzt Markus Lanz, der befürchtet, dass das einstige „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, welches längst zu einem „Land der begrenzten Unmöglichkeiten“ mutiert ist, mit ihm vom Regen in die Traufe fallen könne. Elmar Theveßen nimmt den ihm zugespielten Ball gern auf: Auch Ron DeSantis hispanische Anhängerschaft sei vermehrt gegen das Abtreibungsrecht und gleichgeschlechtliche Beziehungen, mokiert er sich. 

Markus Lanz: „Keiner will Joe Biden mehr haben“


„Was ist der Erfolg?“, will Markus Lanz zu Ron DeSantis wissen. Es gebe zwei Gründe, erläutert Elmar Theveßen. Er sagt über die Latinos in Florida: „Die, die kommen, wollen erfolgreich sein.“ Sie würden an den „American Dream“ glauben, für den die Republikaner immer noch stehen und den sie befeuern. Außerdem seien die Zuwanderer sehr kritisch gegenüber offenen Grenzen. Sie befürchten, dass ihnen Nachzügler das weggenehmen könnten, was sie sich aufgebaut hätten. Aber nicht für Donald Trump, auch für den amtierenden, demokratischen US-Präsidenten sieht es nach Einschätzung des ZDF-Korrespondenten nicht gut aus: „Keiner will Joe Biden mehr haben. Man will einen Generationswechsel!“ Journalistin Eva Quadbeck macht einen interessanten Einwurf: „Die Unwucht im System ist größer geworden und strahlt jedes Mal nach Europa herüber.“ Sie warnt auch mit Blick auf die Ukraine und den russischen Angriffskrieg dort. Sollte deren Unterstützung aus den USA nämlich wegfallen, weil die Republikaner Hilfen blockierten, könne Europa das finanziell auch bei den Waffenlieferungen nicht auffangen.

Für Jürgen Trittin, seit 1998 Bundestagsabgeordneter und seit 2014 Mitglied im Auswärtigen Ausschuss für Bündnis 90/Die Grünen, verkörpern hingegen Ron DeSantis und natürlich auch Donald Trump nach wie vor „Die Vorherrschaft des weißen Mannes“. Dagegen würde ein „vielfältiges Programm“ der Demokraten in Gestalt von Gretchen Whitmer, der Gouverneurin von Michigan, stehen. Er resümiert: „Die USA sind gespalten und das zeigen auch die Ergebnisse dieses Wahlgangs.“ Der 68-jährige verurteilt nochmals den „Sturm aufs Capitol“ im Januar 2021. Das sei vom zivilen Ungehorsam, denn die Trumpisten als eine Art „Happening“ für sich proklamierten, weit entfernt gewesen.

Markus Lanz ist das alles zu wenig

Die anschließende Diskussion über Sinn und Notwendigkeit der Klimaaktivisten hat Analogien zu der aufgepeitschten Stimmung im Ur-Land der Demokratie: Carla Rochel, Mitglied der umstrittenen Gruppierung „Letzte Generation“, berichtet, dass sie nach ihren Prostest-Aktionen mehrfach festgenommen worden sei und in Polizeiwachen übernachtet habe: „Das ist nicht schön.“ Doch: „Wir gehen weiter auf die Straße, weil wir das Unrecht dieser Klimakatastrophe nicht mehr ertragen können. Wir sind dabei, alles zu verlieren, was wir lieben. Es ist für mich moralisch nicht aushaltbar, daneben zustehen und zuzusehen.“ Die aus Sachsen stammende Studentin der Politikwissenschaft an der Universität Heidelberg, die sich zuerst für die Fridays for Future-Bewegung engagiert hatte, bis dort die Teilnehmerzahlen immer weniger geworden wären, fordert die Wiedereinführung des Neun-Euro-Tickets und ein Tempolimit von 100 km/h auf den Autobahnen: „Dann sind wir erst mal weg von der Straße. Es wäre so einfach.“ Und mit Blick auf ein Gesprächsangebot an die Spitzen der Ampelkoalition am Donnerstag in Berlin untermauert sie: „Wir sind immer gesprächsbereit.“

Markus Lanz ist das zu wenig. „Ernsthaft? Dafür kleben Sie sich fest?“, macht er sich über sie lustig, Er wirft ihr wie schon kürzlich Luisa Neubauer von Fridays for Future vor, mit der Warnung vor einer tödlichen Klimakatastrophe „die Apokalypse an die Wand“ zu malen. Das ist schon reichlich unverfroren, ist er es doch selbst, der in seiner Talkshow bei Themen wie Corona und Krieg immer wieder Weltuntergangsszenarien heraufbeschwört. „Was ist das für ein Menschenbild?“, attackiert der 53-jährige Südtiroler mit zusätzlichem deutschen Pass Carla Rochel, „Sie sitzen hier mit 20. Sie müssten optimistisch sein. Unsere Menschheitsgeschichte ist eine Geschichte der Anpassung.“ Nicht nur die Klimaaktivistin reagiert mit einem pikierten Gesichtsausdruck, auch der ehemalige Bundesumweltminister Jürgen Trittin, der selbst 1977 zum ersten Mal einen Bauplatz für ein Atomkraftwerk, den „schnellen Brüter“ in Kalkar, besetzt hatte, springt ihr zur Seite. Das Gründungsmitglied der Grünen bittet Markus Lanz, bei seinen historischen Vergleichen Vorsicht walten zu lassen, da Anpassung im Laufe der Geschichte häufig mit Zerstörung verbunden gewesen sei: „Dann muss man auch über den Preis reden und der Preis ist Menschenleben“.

Schlagabtausch zwischen Markus Lanz und Carla Rochel

Der Schlagabtausch zwischen Markus Lanz und Carla Rochel geht weiter: „Wir können uns nicht an ein so schnell veränderndes Klima anpassen“, meint sie. „Doch!“, widerspricht er. Sie kontert: „Wissenschaftler sagen, dass wir die Erwärmung um vier Grad nicht mehr erleben, weil die Welt in Bürgerkriegen versinkt.“ „Woher wissen denn die Wissenschaftler das?“, hakt Markus Lanz nach, ohne direkt darauf eine Antwort zu erhalten. Carla Rochel verteidigt vielmehr ihre „Letzte Generation“, der Jugendliche genauso wie Rentner, die sich Sorgen machen um die Zukunft ihrer Enkel, angehören würden. Und bläst selbst zum Angriff. Man habe gesehen, „dass die Proteste von Fridays for Future einfach ignoriert wurden, trotz einer Million Menschen auf der Straße.“ Wütend legt sie nach: „Die Antwort von der Regierung war ein verfassungswidriges Klimapaket. Die Verfassung, auf die wir uns einmal geeinigt haben, wird einfach ignoriert. Das Grundgesetz wird durch den Dreck gezogen.“ Da habe sie begriffen: „Mit ein paar Schildchen und Demos erreichst du nichts.“ Und rechtfertigt ihre Vorgehensweise: „Wir gehen nur auf die Straße, wenn es sicher ist. Und natürlich bilden wir immer eine Rettungsgasse.“ Die vorbeifahrenden Autofahrer reagierten teils aggressiv, teils mit Verständnis auf die Demonstranten. Carla Rochel erzählt dann sichtlich aufgewühlt von einer Mutter, die ihrer kleinen Tochter den Grund für die Sitzblockade erklären wollte und mittendrin zu weinen begann.

Markus Lanz im ZDFDie Gäste der Sendung
Elmar TheveßenJournalist
Jürgen TrittinPolitiker
Eva QuadbeckJournalistin
Carla RochelKlimaaktivistin

Markus Lanz kommt dann auf den Unfall zu sprechen, der sich in der vergangenen Woche in Berlin ereignet hat. Dabei hatte ein Betonmischer eine Fahrradfahrerin überrollt und eingeklemmt. Ein Spezialfahrzeug der Feuerwehr konnte wegen einer Demonstration der „Letzten Generation“ den Unfallort erst verspätet erreichen, worauf die Frau später ihren Verletzungen erlag. Seitdem wird über eine Mitschuld der Klimaaktivisten diskutiert, die Carla Rochel zurückweist. Der tragische Unfall würde „instrumentalisiert, um unseren Protest in den Schmutz zu ziehen.“ Ein Vermerk der diensthabenden Notärztin gibt ihr Recht: Das Spezialfahrzeug wäre auch dann nicht zum Einsatz gekommen, wenn es früher eingetroffen wäre. Die Feuerwehr will ihre Untersuchungsergebnisse in den nächsten Tagen veröffentlichen. Experten weisen bereits jetzt darauf hin, dass dem beteiligten Betonmischer möglicherweise eine wichtige technische Vorrichtung gefehlthabe: Ein Abbiege-Assistent hätte den Unfall verhindern können.

Doch Markus Lanz gibt nicht auf und findet en weiteres Haar in der Suppe der „Letzten Generation“, die für ihn mehr eine „Lost Generation“ ist: Vehement kritisiert er als Kunstliebhaber die Aktionen, bei denen Gemälde mit Kartoffelbrei und Tomatensuppe bespritzt worden sind. „Auch da achten wir auf Sicherheit“, lässt Carla Rochel sämtliche Vorwürfe des kulturellen Banausentums an sich abprallen. Die Gemälde seien doch durch Glasscheiben geschützt, die Lebensmittel könnten flugs abgewischt werden: „Wir machen das, weil all diese Kunst nichts mehr Wert sein wird, weil sie in den Fluten versinken wird, weil meine Kinder keine Chance mehr haben werden, sich Kunst im Museum anzuschauen.“ Markus Lanz gibt sich mit derlei Aussagen nicht zufrieden: Er kenne da bestimmte Stellen in den Dolomiten, da könne man die Bilder schon zwischenlagern, witzelt er mit Hinblick auf seine italienische Herkunft. Ein Klimaaktivist wird er so schnell nicht mehr… (Marc Hairapetian)

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