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Markus Lanz im ZDF: Gastgeber erweist sich als Verfechter der Atomkraft

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Von: Michael Meyns

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Gastgeber Markus Lanz im ZDF.
Gastgeber Markus Lanz im ZDF. © Markus Hertrich/dpa/picture alliance

Am Tag, als die allseits geschätzte Monarchin des Vereinigten Königreiches verstarb, beschäftigten sich Markus Lanz und seine Gäste mit der Frage, ob Atomstrom sicher und der Kapitalismus mit Klimaschutz vereinbar ist.

Hamburg – Am Dienstag drückte sich Wirtschaftsminister Robert Habeck bei Sandra Maischberger etwas unglücklich aus und sorgte für bizarre Wallungen in den Sozialen Medien. So begann dann auch die letzte Markus Lanz-Sendung der Woche mit einem Rückblick auf den Versuch Habecks zu erklären, was Insolvenz bedeutet und ob es einen Unterschied zur Pleite gibt. Habecks Parteikollegin Steffi Lemke versuchte dem Vizekanzler beizustehen und erklärte das Verhaspeln ganz pragmatisch mit der späten Sendezeit der Maischberger-Sendung.

Als Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz war Lemke jedoch in erster Linie zu Gast, um über den geplanten Reservebetrieb bei zwei Atomkraftwerken zu berichten. Auch diese Entscheidung des Wirtschaftsministers stieß schon auf Kritik, die Betreiber des Atomkraftwerkes Isar zweifelten die Möglichkeit eines Streckbetriebs an, warum, konnte auch Steffi Lemke bei Markus Lanz in ZDF nicht erklären.

Steffi Lemke bei Markus Lanz: Penetrantes Nachhaken des Gastgebers

„Wir sind in einer extremen Situation und werden uns an der Umsetzung von Lösungen konzentrieren“ versuchte Lemke auf staatstragende Weise penetrantes Nachhaken von Lanz abzublocken. Der erwies sich als Verfechter der Atomkraft und somit quasi als natürlicher Gegner der Grünen Politikerin. Am Ausstieg aus der Atomkraft wollte Steffi Lemke nicht rütteln, die Technik sei zu teuer und gefährlich, wie man am von russischen Truppen besetzen Kernkraftwerk in der Ukraine sehen würde.

Der Unternehmer Frank Thelen hinterfragte bei Markus Lanz im ZDF den klima- und energiepolitischen Kurs der Bundesregierung und forderte von der Politik günstigere Strompreise. Das Problem bei der Stromversorgung seien die Stromspeicher, meinte Thelen, vor allem aber der Mangel an Innovationskraft in Deutschland. Nicht weniger, sondern mehr Technologie braucht Deutschland: „Wir brauchen Köpfe, die sich was trauen, die auch anders denken.“

Frank Thelen schüttelt mit dem Kopf

Ulrike Herrmann, Politikexpertin bei der taz sieht das grundsätzlich anders. Die Journalistin und Bestseller-Autorin hat gerade ein Buch mit einem langen Titel veröffentlicht: „Das Ende des Kapitalismus: Warum Wachstum und Klimaschutz nicht vereinbar sind – und wie wir in Zukunft leben werden.“ Die heilige Kuh des Kapitalismus, das stetige Wachstum, sei mit konsequentem Klimaschutz nicht vereinbar, meinte Herrmann bei Markus Lanz im ZDF. Auch wenn sie sehr für Windräder und Solaranlagen sei: Allein mit diesen Techniken sei der enorme und stetig wachsende Energiehunger Deutschlands nicht zu stillen. Die Lösung kann laut Hermann nur lauten zu verzichten und die Wirtschaftsleistung zurückzuschrauben.

Und zwar ungefähr auf das Level von 1978, was bedeutet: Praktisch nicht mehr fliegen, weniger Auto fahren, aber im Prinzip gar nicht so schlecht leben. Eine radikale Behauptung, die bei Frank Thelen, dem Kapitalisten in der Runde, nur zu Kopfschütteln führte. Doch Hermanns Aussage, dass unendliches Wachstum in einer endlichen Welt nicht möglich sei, ist letztlich genau das, was schon der Club of Rome in seinem viel zitierten Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ von Anfang der 70er Jahre schrieb.

Markus Lanz (ZDF)Gäste der Sendung vom 8. September
Steffi LemkeB'90/Grüne
Frank ThelenUnternehmer
Ulrike HerrmannJournalistin

Erstaunlicherweise wollte ausgerechnet die Grüne Umweltministerin Steffi Lemke von den gewagten Thesen Herrmanns wenig wissen. „Wir brauchen grünes Wachstum“ meinte die Politikerin bei Markus Lanz im ZDF. Geradezu apokalyptische Szenarien wie eine Rückkehr zu den Zuständen von 1978 würden die Menschen nur davon abhalten, die Klimakrise ernst zu nehmen und alle Möglichkeiten auszuschöpfen.

Doch viel Zeit ist nicht mehr, wie Ulrike Herrmann betonte. Bis 2045 will Deutschland klimaneutral sein, aber verzichten dürfte kaum der Weg sein, den weite Teile der Bevölkerung akzeptieren werden. Da will man dann doch lieber dem Optimisten Frank Thelen folgen, der am Ende der Diskussion bei Markus Lanz im ZDF ein Loblied auf die Innovationskraft der Wirtschaft anstimmte, die Lösungen findet wird und Verzicht nicht nötig macht. Ob es so kommt? Wir werden es erleben. (Michael Meyns)

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