1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

Lanz verstrickt sich in die Geschlechterfrage – und fällt systematisch ins Wort

Erstellt:

Von: Teresa Vena

Kommentare

Talkrunde bei Markus Lanz am 12. Januar 2023.
Talkrunde bei Markus Lanz am 12. Januar 2023. © Screenshot ZDF

TV-Talk zu möglichen Konsequenzen aus den Silvester-Ausschreitungen, zur deutschen Sicherheits- u. Verteidigungspolitik sowie zu Risiken einer Destabilisierung der weltpolitischen Lage.

Hamburg – Die Diskussion vom 12. Januar 2023 bei Markus Lanz im ZDF war eine ziemlich belebte. Zwei Themen schlug der Moderator vor: Die Glaubwürdigkeit der Verteidigungsministerin Christine Lambrecht nach der Kritik an ihrem Neujahrsvideo auf ihren Sozialen Medien und die Ereignisse der Silvesternacht in Berlin. Zu Gast waren in der Sendung Hasnain Kazim, Politikwissenschaftler und Autor, Kevin Kühnert, SPD-Generalsekretär, Claudia Major, Militärexpertin bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, und Kerstin Münstermann, Journalistin bei der Rheinischen Post.

An diesem Abend im ZDF gab es ein gewissen Ungleichgewicht in Bezug auf die Wortmeldungen unter den Anwesenden. Nicht ganz so günstig war es, dass Markus Lanz selbst viel Raum für seine Erörterungen beanspruchte und seinen Gegenübern systematisch ins Wort fiel. Das war insbesondere bei Kevin Kühnert der Fall, den Lanz mehrfach aus der Reserve locken wollte, und das schon von Beginn der Sendung an, indem er Kühnert dazu zu bringen versuchte, zuzugeben, dass Ministerin Lambrecht eine Fehlbesetzung sei. Man habe nach einer „zu strikten Befolgung des geschlechterparitätischen Prinzips“ eine Frau für den Posten gewählt, während es genug Männer gegeben hätte, die besser dafür geeignet gewesen wären. Dabei spielt Lanz offen auf Lars Klingbeil an.

Kevin Kühnert bei Markus Lanz sichtlich irritiert

„Man kann noch mehr sein als Sohn eines Berufssoldaten“, entgegnete Kühnert darauf. Darüber hinaus zeigte er sich sichtlich irritiert, dass Lanz Qualifikation mit Geschlecht in Korrelation stellte. Man könne mit einer Person nicht einverstanden sein, aber es müsse „unabhängig vom Geschlecht“ argumentiert werden. Lanz‘ verstrickte sich noch etwas weiter in die Geschlechterfrage, wobei seine Meinungen auch weder bei Claudia Major noch Kerstin Münstermann Anklang fanden.

„Ich glaube nicht, dass Lambrecht die Richtige für den Posten ist“, sagte Münstermann, „es gebe andere, die besser wären. Doch entweder steht Scholz zu ihr oder nicht“, meinte sie weiter. Weitgehend als „untragbar“ bezeichnete Major Lambrecht: „Dieses missglückte Neujahrsvideo ist, ein weiteres Beispiel in einem langen Jahr der missglückten Verteidigungspolitik“. Diese Aktion der Ministerin sei ein weiteres Element einer Misserfolgsgeschichte. Dieser „PR-Gau“, wie Lanz es ausdrückte, beschäftigte die Diskussion im ZDF über weite Strecken. Münstermann warf der Ministerin vor, „nicht ins Amt hineingefunden“ zu haben. Entsprechend habe sie kein Gefühl für visuelle und verbale Bilder, die es zu vermitteln, gelte. „Sie erwähnt mit keinem Wort die Soldaten und Soldatinnen“, ergänzt Hasnain Kazim. Als ehemaliger Soldat wisse er, dass sich seine Kollegen „sich nicht von ihr vertreten fühlen“, sagte er.

Ukraine-Krieg: Die Stimmung kippt

Einig waren sich die Anwesenden darüber, dass der Posten des Verteidigungsministers aktuell mitnichten ein einfacher sei. Der Krieg in der Ukraine, worauf man dann noch zu sprechen kam, habe viele Haltungen überdenken lassen. Es gebe mehrere Personen in der Regierung, wie Katrin Göring-Eckardt, die ihre pazifistischen Überzeugungen über Bord geworfen hätten, bemerkte Lanz angriffig gegenüber Kühnert. Mit diesen Begrifflichkeiten müsse man vorsichtig sein, erwiderte der SPD-Politiker im ZDF. „Die Stimmung ist mit dem Ukrainekrieg gekippt“, meinte er, „in so einer Situation muss eine Neubewertung und Justierung einer Bewertung legitim sein“. Das heiße nicht, das grundsätzliche Streben nach Frieden über Bord zu werfen.

Markus Lanz im ZDFDie Gäste der Sendung vom 12. Januar
Hasnain KazimPolitikwissenschaftler und Autor
Kevin KühnertSPD-Generalsekretär
Claudia MajorMilitärexpertin, Stiftung Wissenschaft und Politik
Kerstin MünstermannJournalistin, Rheinische Post

Major gab ihm grundsätzlich recht. Sie bedauerte, die Situation Deutschland in diesem Konflikt: „Für deutsche Verhältnisse ist viel passiert: Die Verteidigungsausgaben sind gestiegen, Waffen wurden geliefert. Doch das ist nicht genug“, rief sie aus. Um wirkliche Fortschritte zu machen, bräuchte die Ukraine viel mehr. Offenbar brauche Deutschland aber für die Begründung seiner Entscheidungen den Druck von außen und insbesondere die politische und praktische Unterstützung der USA. In der Ukrainefrage ergab sich bei Markus Lanz im ZDF nichts Neues. Der Meinungsaustausch war dafür nicht differenziert genug, die Gäste, abgesehen von Major, zu wenig im Thema profiliert und nicht gewillt, sich diesbezüglich festzulegen.

Nicht sonderlich zielführend war dann auch die Verhandlung der Ereignisse der Silvesternacht in Berlin. Die brennende Frage war, ob es erlaubt sein solle, darüber zu kommunizieren, dass offenbar ein großer Teil der Angriffe von Menschen mit Migrationshintergrund unternommen wurden. Und darauf basierend, wie man sich das erkläre und wie man sich dazu positionieren solle. Die erste Frage haben alle gleich beantwortet: Man soll und muss darüber offen sprechen können, sofern es tatsächlich so ist. Kühnert verwehrte sich aber dagegen, die Ereignisse zu „kulturalisieren“ und entsprechend zu „pauschalisieren“.

Viele Diskussionen sind rassistisch

Das sei „ein Spucken ins Gesicht“ eines jeden Bürgers, die mit fremd klingenden Namen in Deutschland lebten, meinte Kazim im ZDF. Das kenne er zu gut aus eigener Erfahrung. Er kenne den Frust, regelmäßig daran erinnert zu werden, dass man doch nicht ganz dazu gehöre, auch wenn sich man selbst längst selbstverständlich der deutschen Gesellschaft als zugehörig fühle. Dennoch brauche es diese Diskussion, wenn es um Straffälligkeit im Zusammenhang mit Migrationshintergrund oder auch Asylsuchenden gehe. Nur müsse sich jemand wagen, den ersten Schritt zu machen, was gar nicht so einfach sei, da man sich schnell auf „dünnes Eis begebe“. Äußere man sich, werde man als Nazi bezeichnet. Viele Diskussionen seien wirklich rassistisch. „Man muss sachlich und nüchtern darüber reden“, sagte Kazim, „man muss jeden kritisieren, der einem anderen mit Gewalt begegnet“ und dafür „sein eigenes Lager verlassen“.

Dafür plädierte auch Kühnert. „Erwachsene Menschen, die straffällig werden, haben sich nach den Regeln des Staats zu verantworten.“ Das Ziel der Gesellschaft müsse es aber auch sein, präventiv zu arbeiten, um „nicht neue Täter zu schaffen“. Die Faktoren, die Strukturen in Bildung, Justiz und Sozialarbeit, die dafür verantwortlich seien, müsse man dafür erstmal verstehen. Zum Ende der Sendung im ZDF fiel nochmal der Begriff der „offenen Diskussion“. Wer sich jetzt tatsächlich wagen wird, den ersten Schritt in diese Richtung zu machen? (Teresa Vena)

Auch interessant

Kommentare