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Margarethe von Trotta: Intime Monumente

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Von: Daniel Kothenschulte

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Margarethe von Trotta 1975 bei Dreharbeiten zu „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“. Foto: dpa
Margarethe von Trotta 1975 bei Dreharbeiten zu „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“. © dpa

Der Filmemacherin zum achtzigsten Geburtstag. Von Daniel Kothenschulte

Als Margarethe von Trotta 2018 in Frankfurt mit dem Adorno-Preis geehrt wurde, wirkte das ein wenig wie eine Korrektur des Philosophen selbst. Dieser respektierte zwar den Autorenfilm, verachtete aber die Kulturindustrie, die ihn umgab. Für die bekannteste Regisseurin des Neuen Deutschen Films aber war das nie ein Widerspruch. Immer wieder fand sie mit ihren persönlichen Arbeiten ein breites Publikum. Wie nur wenige Vertreter des deutschen Autorenfilms gewann sie dabei eine weltweite Anhängerschaft.

Schon ihre erste, noch gemeinsam mit Volker Schlöndorff geschaffenen Regiearbeit, war überaus erfolgreich ohne dabei künstlerische Konzessionen einzugehen. „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, 1975 nur ein Jahr nach Heinrich Bölls Roman erschienen, kann heute als die wohl beste Verfilmung des Nobelpreisträgers gelten.

Dem bitteren Fatalismus der systematischen Zerstörung der Protagonistin durch die Boulevardpresse entspricht eine schnörkellose Filmsprache. Wenn sich dem Publikum am Ende die Faust in der Tasche ballte, dann war das nicht das Produkt von Kinokonventionen. Wolfram Schütte schrieb damals in der „Frankfurter Rundschau“: „Es mag und soll der Zuschauer eher irritiert, verärgert, verstört aus dem Kino gehen, als im Bewusstsein, er habe einer glatt und bewegend abgelaufenen Tragödie oder einem bloß rührseligen Melodrama zugesehen.“

Zunächst als Schauspielerin

Emotionalität entstand in Margarethe von Trottas besten Filmen aus intimer Schauspielerführung, die sie besonders in Kammerspielen zur Geltung brachte. Sie selbst hatte sich zunächst als Schauspielerin unter anderem im Frankfurter Kleinen Theater am Zoo und in Filmen von Rainer Werner Fassbinder oder Herbert Achternbusch einen Namen gemacht. Für ihren Filmstil benennt sie in ihrem Dokumentarfilm „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“ von 2018 die Kunst des Schweden als große Inspiration.

Tatsächlich schuf sie mit ihrem Politdrama „Die bleierne Zeit“ sogar einen der erklärten Lieblingsfilme Bergmans. Ihre Auszeichnung mit dem Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig 1981 war eine der ersten bedeutenden Auszeichnungen für eine Filmemacherin überhaupt und kam einem Durchbruch für die Anerkennung des feministischen Kinos gleich. Trotta verarbeitet darin die Biografien der Schwestern Christiane und Gudrun Ensslin zu einem individuellen Diskurs über Identitätsfindung in der Politisierung und gesellschaftliche Veränderungen. Erst mit vierzig Jahren, nach dem Tod der Mutter, erfuhr die Filmemacherin, dass sie selbst eine Schwester hatte. Nach einer Fernsehdokumentation meldete sich bei ihr eine 15 Jahre ältere Frau; später wurde aus diesem Erlebnis der Trotta-Film „Die abhandene Welt“. Kurz vor dieser Begegnung hatte sie gerade ihren bedeutenden Film „Schwestern oder die Balance des Glücks“ (1979) beendet. Jutta Lampe spielt darin eine erfolgreiche Chefsekretärin, die ihre sensible jüngere Schwester (Gudrun Gabriel) unterstützt, ohne sie wirklich zu verstehen. Nach deren Selbstmord ersetzt sie ihren Platz durch eine fremde Frau. Erst spät lässt sie Trauerarbeit zu. Mit ihrer besonderen Vorliebe für Schwestern-Dramen macht sich von Trotta ein schon im klassischen Hollywoodkino beliebtes Motiv zu eigen. Doch die dort so beliebte, auf materialistische oder körperliche Aspekte abzielende Eifersucht, spielt in ihren Filmen keine Rolle.

In keiner Nische stehen

Es gab ästhetisch radikalere Positionen unter den Filmemacherinnen, die seit den späten sechziger Jahren in die Männerdomäne des Kinos eindrangen, doch von Trottas Filme wollten in keiner Nische stehen. Leidenschaftlich vermittelte sie in ihren großen Biopics das Lebenswerk von Rosa Luxemburg, Hildegard von Bingen und Hannah Arendt. Dass diese filmischen Denkmäler nicht in Marmor erstarrten, war auch das Verdienst von Margarethe von Trottas besonderer Begabung als Drehbuchautorin.

Ihren heutigen achtzigsten Geburtstag begeht sie bei ungebrochener Produktivität. Ihr neuester Film wird gerade gedreht – und wie es aussieht, verbinden sich dabei zwei ihrer Spezialitäten: „Bachmann & Frisch“ ist nicht nur ein Biopic über große Persönlichkeiten der Literaturgeschichte, sondern auch eine intime Charakterstudie. Vicky Kriebs und Roland Zehrfeld spielen das Liebespaar. Vielleicht wäre ja auch Margarethe von Trottas Leben einmal ein Biopic wert, dann hätte wohl auch Volker Schlöndorff einen Platz darin, mit dem sie zwei Jahrzehnte verheiratet war. Ein weltweites Interesse wäre wohl gewiss. Für ihre Ausdauer, Konsequenz und Treue sich selbst gegenüber wird diese große Filmemacherin nicht nur bewundert, sondern geliebt.

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