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„Gendergerechte Sprache ist wichtig“, sagt Maren Kroymann.

Interview

Maren Kroymann: „Postklimakteriell ist ein super Alter“

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Die Kabarettistin und Schauspielerin Maren Kroymann im Gespräch über Frauenrollen und Männergagen und die beste Zeit ihres Lebens.

Maren Kroymann, 1949 in Walsrode geboren, hat Anglistik, Amerikanistik und Romanistik studiert. 1982 entwickelte sie ihr erstes Bühnenprogramm, ins Fernsehen zog sie ab 1988 mit der Serie „Oh Gott, Herr Pfarrer“ ein. Ihre erste eigene Sendung „Nachtschwester Kroymann“ lief von 1993 bis 1997. Sie spielte die Hauptrolle in Angelina Maccarones Film „Verfolgt“, der 2006 den Goldenen Leoparden in Locarno gewann. Seit 2017 läuft ihre Satire-Sendung „Kroymann“. 

Frau Kroymann, Sie treten weiterhin mit Ihrem Programm „In My Sixties“ auf. Ich möchte nicht unhöflich sein, aber Sie sind inzwischen 70.

Das hat sich herumgesprochen. Deshalb muss ich das in der Anfangsmoderation klären. Ich fühle mich seit meinem 70. Geburtstag nicht wesentlich anders als davor. Also frage ich das Publikum, ob es akzeptieren könnte, dass ich an den Tagen, an denen ich das Programm spiele, einfach noch in meinen Sechzigern bin? Bisher wurde immer zustimmend applaudiert.

Glücklicherweise.

„Von den Kategorien ‚feministisch‘, ‚lesbisch‘ und ‚intellektuell‘ ist intellektuell das Schlimmste. Das möchten viele Männer nicht haben, das ist ein Grund dafür, warum Kabarettistinnen lange Zeit so wenig Unterstützung erfahren haben.“

Tja, sonst müssten die Leute ihr Geld zurückbekommen. Ich mache ja Lebensabschnittsprogramme, mit diesem trete ich schon eine ganze Weile auf. Die gesellschaftlichen Ereignisse wachsen dem Programm entgegen.

Wie meinen Sie das?

Die Leute denken, ich erzähle die Vergewaltigungswitze seit der MeToo-Debatte. Ich erzähle sie aber seit der Premiere 2011. Nur fällt es jetzt auf fruchtbaren Boden. Vielen Menschen ist klarer geworden, dass Vergewaltigung nicht nur in bestimmten Spalten der Zeitung stattfindet, sondern in allen Kreisen der Gesellschaft möglich ist, auch in der Familie.

Ich finde das Programm großartig. Die Sechziger aus dem Titel beziehen sich ja eigentlich auf die Zeit, in der Sie jung waren. Sie erzählen von sich und den Verhältnissen anhand von Musik. Setzen Sie das irgendwann fort, mit den 70er Jahren?

Nein, das wäre etwas anderes. Da kam ich nach Berlin zum Studium, war im Hanns-Eisler-Chor und entdeckte das politische Lied für mich – Ernst Busch, Franz-Josef Degenhardt, Inti Ilimani ... Die Sixties waren mein Pop-Jahrzehnt. Diese amerikanischen, britischen, französischen Songs haben mich geprägt. In den 70er Jahren habe ich reflektiert Musik gehört, das war natürlich auch eine Art von Prägung, aber anders. Es war nie mehr so wie in der Kindheit oder der Pubertät, wenn dich ein Popsong ins Herz trifft.

Wir treten nun in die Zwanzigerjahre ein. Was bedeuten Ihnen jene des vorigen Jahrhunderts, von denen jetzt so oft die Rede ist?

Das war eine große Zeit. Ich habe mich erst damit beschäftigt, als ich selbst mit dem Kabarett anfing, mit Claire Waldoff oder Anita Berber, mit den Gedichten von Kurt Tucholsky. Frauen hatten endlich das Wahlrecht, konnten studieren, es gab fortschrittliche Lehrerinnen. Meine Mutter, 1910 geboren, schwärmte von Marlene Dietrich und den Comedian Harmonists. Meine Eltern kamen ja ursprünglich aus Berlin, und sie sehnte sich später in Tübingen nach dem Großstädtischen. Das Freche, das Kühne mochte sie. Sie hat zwar ihre Söhne nicht besonders emanzipiert erzogen, aber mich schon. Sie hatte auch nichts gegen Lesben, zumindest sagte sie mir schon früh: Es gibt Frauen, die sind einfach zu tüchtig für einen Mann. Das war wohl ihre Umschreibung.

Da Sie nun so erfolgreich mit dem autobiografischen Programm unterwegs sind – haben Sie mal überlegt, Ihre Autobiografie zu schreiben?

Ich bin zwar oft von Verlagen gefragt worden, aber noch ist es nicht so weit. So viele Kabarettisten und Schauspieler schreiben Bücher. Ich bringe meine sprachlichen Beiträge lieber auf die Bühne.

Und ins Fernsehen! Schreiben Sie nicht auch die Spielszenen für Ihre Sendung „Kroymann“ meistens selbst?

Termine

Der Festakt zur Verleihung der Zuckmayer-Medaille am kommenden Samstag ist eine geschlossene Veranstaltung im Mainzer Staatstheater. Termine zu „In My Sixties“ im Netz unter marenkroymann.de – in der Region ist das Programm wieder Ende September live zu sehen, im Neuen Theater Höchst. Folge 10 von „Kroymann“ läuft am 6. Februar, 23.30 Uhr, in der ARD. 


Der Film „Enkel für Anfänger“  von Wolfgang Groos hat ebenfalls am 6. Februar seinen Kinostart.

So etwas macht man ja nicht allein. Wir sind ein Team von Autorinnen und Autoren. Ich gebe natürlich meine Themen, meine Haltung, meine Ideen hinein. Auch die Art von Humor ist mir ganz wichtig, dass es anarchisch ist, selbstironisch, dass ich auch Frauen verarsche. Aber die Texte gehen immer durch mehrere Hände. Es ist ein wirklich gutes Team bei der btf, der Bildundtonfabrik, die zum Beispiel auch für Jan Böhmermann arbeitet.

Im vergangenen Jahr sind Sie dafür mehrfach ausgezeichnet worden: Bayerischer Fernsehpreis, Deutscher Fernsehpreis, Grimmepreis – und dann kam zum Jahresende noch die Rose d’Or dazu, eine legendäre europäische Fernsehauszeichnung, einst als Goldene Rose von Montreux bekannt.

Das war der Hammer! Wir waren auch als Sendung nominiert, eine große Ehre. Dann bekam ich sie fürs Lebenswerk ... Drumherum gibt es immer ein Branchentreffen mit Veranstaltungen, in diesem Jahr unter dem Stichwort Diversity. Da traf es sich gut, dass ich als offen lesbische Person dazugehörte. Ich hatte ja in der Zwischenzeit auch zwanzig Jahre mal keine eigene Sendung.

Sie spielen auf Ihre erste Reihe „Nachtschwester Kroymann“ an, die nach fünf Jahren abgesetzt wurde.

Ja, damals war ich eben zu alt, zu wenig sexy, vermutlich war die Sendung 1997 auch noch zu feministisch und intellektuell.

Sind Sie auch im Alltag Feministin? Haben Sie zum Beispiel jetzt bei dem Kinofilm „Enkel für Anfänger“ dafür gesorgt, dass Sie die gleiche Gage bekommen wie Heiner Lauterbach?

Ich vermute mal, dass er eine höhere bekommt.

Das ist aber ungerecht.

Das ist schon okay, es geht ja auch nach Marktwert. Heiner ist viel berühmter als ich. Natürlich verhandeln wir meine Gagen, immer schon. Ich bin Mitglied bei ProQuote Film, die sich für die Gleichberechtigung starkmachen – auch für Equal Pay. Mich stört schon sehr lange, wie Regisseurinnen, Autorinnen, also überhaupt Frauen als denkende Personen geringgeschätzt werden. Von den Kategorien „feministisch“, „lesbisch“ und „intellektuell“ ist intellektuell das Schlimmste. Das möchten viele Männer nicht haben, das ist ein Grund dafür, warum Kabarettistinnen lange Zeit so wenig Unterstützung erfahren haben. Zumindest in meiner Generation, in der noch das Fernsehen über die Karriere entschied. Durch Youtube, Blogs und Twitter ändert sich gerade etwas.

Noch einmal zurück zu den Auszeichnungen. Sehen Sie die noch als Ansporn?

Na klar, das ist ein wunderbarer Rückenwind. Ich habe sie für meine Arbeit bekommen, früher wurde ich geehrt, weil ich mich für Lesben einsetze. Und so einen Lebenswerk-Preis bekommt doch normalerweise jemand, dessen Erfolge lange zurückliegen, wenn er kurz vorm Abnibbeln ist. Mir hilft er bei dem, was ich die nächsten zehn Jahre noch tun möchte. Postklimakteriell ist ein super Alter für eine Frau, kann ich nur sagen. Ich habe die beste Zeit meines Lebens.

Ende der Woche wird Ihnen in Mainz die Carl-Zuckmayer-Medaille verliehen – für Verdienste um die deutsche Sprache. Der Feminismus hat auch da seine Auswirkungen. Was halten Sie von gendergerechter Sprache?

Die ist wichtig. Wenn ich eine hohe Beamtin wäre, würde ich mich auch stur daran halten. Denn man hat ja immer ein Bild vor Augen. Wenn zum Beispiel von den Professoren in Deutschland gesprochen wird, stellt sich doch jeder nur Männer vor und sieht nicht, dass inzwischen fast ein Drittel davon Frauen sind. In meiner Alltagssprache sage ich aber nicht immer „Politikerinnen und Politiker“, „Schauspielerinnen und Schauspieler“. Sprache entwickelt sich, da wird sich noch viel ändern. Als Kabarettistin möchte ich auch überraschen. So kann ich Männer mit einem weiblichen Schimpfwort konfrontieren, das ist sehr effektiv: Sagen Sie mal „Blöde Kuh!“ zu einem Mann.

Interview: Cornelia Geißler

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