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„Mare Nostrum – Wem gehört das Mittelmeer?“ (ZDF): Im Zickzackkurs von West nach Ost

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Von: Harald Keller

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„Mare Nostrum - Wem gehört das Mittelmeer?“: Ansicht von der weißen Medina in Tanger.
Die weiße Medina von Tanger in Marokko. © ZDF/Nicola Albrecht

Die informative ZDF-Reportage „Mare Nostrum – Wem gehört das Mittelmeer?“ nimmt das Publikum mit auf eine Rundreise vom südlichsten Zipfel Spaniens nach Istanbul.

Frankfurt - Ein Ring aus dichtem Mischwald umgibt das versteckt liegende Weingut. Am Horizont ziehen sich Rebstöcke in langen Reihen sanfte Hügel hinauf. Geleitet wird der Betrieb von einem Franzosen. Die meisten Pflücker sind Syrer, der Auszubildende ist ein Einheimischer. Ein Libanese.

Das Château Kefraya könnte in Frankreich stehen, wurde aber 1946 auf der fruchtbaren Bekaa-Ebene im Libanon erbaut, unweit der syrischen Grenze. Nicht gerade der sicherste Ort, aber der verstorbene Gründer Michel de Bustros und seine Nachfolger haben es vermocht, hier einen preisgekrönten Wein zu produzieren.

Die Fässer gehen in den Export, sogar das Weinland Frankreich wird beliefert. Im Libanon selbst herrscht eine schwere wirtschaftliche Krise. Für Luxusgüter wie Wein gibt es keinen Markt, wenn sich viele Menschen nicht einmal Strom leisten können.

Hip-Hop in der Kasbah

Eines der Themen der Autorin Nicola Albrecht, die zeitgleich mit Andreas Postel, dem Leiter des ZDF-Auslandsstudios in Rom, eine Reise rund um das Mittelmeer unternahm. Auf getrennten Wegen: Er folgte, vom spanischen Tarifa ausgehend, der europäischen Küstenlinie. Ihre Reise begann ebenfalls im südlichsten Punkt Kontinentaleuropas, von dort ging es per Fähre nach Marokko und weiter durch die nordafrikanischen Länder.

Ihre Reportage wird von Begegnungen mit Einheimischen bestimmt. Eine Arbeitsweise, die in manchen Ländern nur eingeschränkt oder gar nicht verfolgt werden kann. In Tunesien kann das Interview nur im privaten Rahmen stattfinden. Hier sind Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit verboten.

Für Küsse gibt es Gefängnis. Unverheiratetes Zusammenleben wird wie Prostitution gewertet. Kritik übt man besser nicht in der Öffentlichkeit. Gleichzeitig sind die kulturellen Einflüsse Europas und der USA nicht zu übersehen und zu -hören, ebensowenig wie zuvor in Marokko, wo der Hip-Hop Einzug gehalten hat und mit der traditionellen Folklore verschmilzt.

Auf der anderen Seite des Mittelmeers, salopp „Europas Badewanne“ geheißen, trifft derweil Andreas Postel auf französische Umweltschützerinnen, eine italienische Kadettin auf einem prächtigen Windjammer der Marine, auf junge Menschen, die sich einmal jährlich auf der früheren Gefängnisinsel Ventotene zusammenfinden, wo einst verbannte Antifaschisten in einem Manifest die Ursprungsidee der Europäischen Union ersannen.

Ungebetene Begleiter

Die zweigleisige Dramaturgie der separaten Wege wird in beiden Teilen der Reportage „Mare Nostrum – Wem gehört das Mittelmeer?“ beibehalten. Dieses Zickzackmodell sorgt für Abwechslung und erspart umständliche Erklärungen der jeweiligen Reisefortschritte.

In Spanien erfährt man, dass die Guardia Civil an der Grenze nicht mehr nur nach Schmugglern und Flüchtlingsbooten Ausschau hält, sondern neuerdings auch nach potenziellen Saboteuren, die es auf eine der Pipelines abgesehen haben könnten. Etwas übertrieben, dass Postel für diese Information an einem Hubschrauberrundflug der Grenzwächter teilnimmt, der ansonsten weder inhaltlich noch optisch einen Gewinn ergibt.

Im Gros aber wird straff erzählt. Manche Themen hätten eine weitere Vertiefung verdient. So zieht sich als roter Faden durch Nicola Albrechts Episoden, dass von der viel beachteten Bürgerrechtsbewegung und dem Arabischen Frühling nichts geblieben ist. Auch in Ägypten hat sich das Klima verschärft. Ob Albrecht über stadtplanerische Sünden oder über Yara Shalaby, die erste weibliche Rallyefahrerin des Landes, berichten möchte, immer hat sie ein siebenköpfiges Aufpasserkommando an ihrer Seite. Offene Gespräche sind ausgeschlossen. Es bleibt die Frage, wie in gleich mehreren Ländern am südlichen Mittelmeerrand wieder repressive Systeme entstehen konnten.

Chinas griechischer Außenposten

Kollege Postel wird behindert, als er in Piräus recherchiert, wo ein chinesischer Konzern große Teile des Hafens unter seine Kontrolle gebracht hat, den Fährhafen eingeschlossen. Seither steigt der Umschlag, die Löhne sinken. Vertreter der lokalen Wirtschaft halten sich bedeckt, denn man möchte es sich mit dem großen Kunden nicht verderben. Berichterstattung unerwünscht. So wie im korruptionsgeschüttelten Malta, wo die kritische Journalistin Daphne Galizia einem Attentat zum Opfer fiel.

„Mare Nostrum – Wem gehört das Mittelmeer?“

Mittwoch, 4. Januar, und Donnerstag, 5. Januar, ZDF, jeweils 22:15 Uhr, und bereits in der ZDF-Mediathek.

Die Reportage vermittelt Eindrücke von Alltag und Ausnahmesituationen, Kultur und Konfliktsituationen. Auch um Pottwale geht es, um die römischen Ruinen in Baalbek, um Grenzstreitigkeiten zwischen Griechenland und der Türkei. Dort endet die Reise, mit Bildern von einem Marathonlauf über die Istanbuler Metrobrücke, die den europäischen mit dem asiatischen Teil verbindet.

Die Informationen, viel Wissenswertes und Hintergründiges darunter, sind eingängig verpackt, wobei an einigen wenigen Stellen auch mal Phrasen wie „Das Mittelmeer trennt, das Mittelmeer verbindet (…)“ in den Text gelangten. Im Wortsinne sehenswert wird die Produktion durch die erstklassige Arbeit der vier beteiligten Kameraleute, die beeindruckendes Bildmaterial beigetragen haben. (Harald Keller)

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