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Jesse Eisenberg als Marcel Marceau in „Résistance“ .
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Jesse Eisenberg als Marcel Marceau in „Résistance“ .

„Résistance“

Marcel-Marceau-Film „Résistance“ im Kino: Der schweigende Retter

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Der Spielfilm „Résistance“ erinnert an den Widerstandskämpfer Marcel Marceau – doch wird er ihm alles andere als gerecht

Es war Charlie Chaplin, der mit seinem Film „Der große Diktator“ das vielleicht wirkungsmächtigste Gegenbild zu Hitler schuf. Der Effekt war immens. Nazi-Deutschland reagierte mit einem Bann aller Hollywoodfilme, und international wurde die Tragikomödie zu einer Ikone des Widerstands.

Zu Beginn des aufwendigen Geschichtsdramas „Résistance“ sieht man einen jungen Mann bei einer Chaplin-Imitation. Jesse Eisenberg spielt in diesem Biopic den Pantomimen Marcel Marceau, der sich um 1938 seine ersten Sporen in Straßburger Kabaretts verdiente. Damals war der später weltbekannte Künstler 17 Jahre alt, Eisenberg ist heute 38. Es ist eine merkwürdige Besetzungsidee, die während der gut zwei Stunden Laufzeit nicht verständlicher wird.

Die Darbietung des Teenagers findet nicht ungeteilten Anklang. Aufgebracht bestürmt ihn sein Vater, ein jüdischer Metzger. Wie er es denn wagen könne, Hitler als Clown darzustellen, noch dazu in einem Bordell. Sollte es in der westlichen Welt damals wirklich noch Menschen gegeben haben, die eine Chaplin-Imitation nicht erkannten? Immerhin befinden wir uns zwei Jahre vor dem „Großen Diktator“, und der Gegenstand der Pantomime ist eindeutig der berühmteste Filmschauspieler des Planeten.

Einen Punkt hätte der Vater mit seiner Kritik indes getroffen: Ohne Kostüm und allein an Eisenbergs Pantomime hätte man den Meister der Stummfilmkomik in dieser Performance wohl wirklich nicht ausmachen können. Selten hat man einen Schauspieler erlebt, der mit einer Rolle so wenig anfangen kann wie Eisenberg. Das ist umso erstaunlicher, als er seit seinem Durchbruch als Mark Zuckerberg in „The Social Network“ fast immer überzeugte. Aber er ist nicht der Einzige, der sich an diesem Film verhoben hat.

Filmemacher Jonathan Jakubowicz hat eine große Geschichte zu erzählen, aber er scheint ihr selbst nicht ganz zu trauen. Noch bevor die Rückblendenerzählung beginnt, fasst sie ein US-amerikanischer Offizier bei einer Truppenunterhaltung in flammenden Worten zusammen. Der junge Künstler, der die Soldaten in Kürze unterhalten werde, sei ein großer Held des Widerstands.

In der Tat hat Marcel Marceaus Jugendbiografie allemal einen Film verdient. In schier unglaublicher Furchtlosigkeit engagierte sich der Teenager in der Résistance, zunächst als Passfälscher. Auch sich selbst gab der geborene Marcel Mangel dabei einen neuen Namen, später behielt er ihn zur Erinnerung. Dann gelang es ihm in drei Aktionen, mehr als tausend jüdische Waisenkinder in die Schweiz zu schaffen und so zu retten. Schweigen mag die größte Tugend eines Pantomimen sein, aber über den Heldenmut dieses Künstlers hätte mehr gesprochen werden müssen.

Vielleicht ist es schwer, solch außergewöhnlichen Mut in eine konventionelle Filmhandlung zu packen. Aber warum sollte man es nicht versuchen? Leider gibt es im formelhaften Unterhaltungsfilm jedoch eine Tendenz zur Übermotivierung. Es reicht nicht, dass Menschen über sich hinauswachsen können und dabei Wunder vollbringen. Hier muss erst einmal eine Liebesgeschichte her, damit der junge Mann seiner Freundin, die bereits im Widerstand aktiv ist, imponieren kann.

Als Zweites muss ein überlebensgroßer Schurke her, dem er in einer schicksalshaften Begegnung die Stirn bieten muss. Matthias Schweighöfer verkörpert Gestapo-Chef Klaus Barbie, den „Schlächter von Lyon“, äußerlich idealisiert als schneidigen Nazi-Offizier. Die Grausamkeit, zu der er bei seinen sadistischen Folterungen und Morden fähig war, muss grenzenlos gewesen sein. Ihn aber vor einer Erschießung noch lässig ein paar Klaviertasten anschlagen zu lassen, wirkt in dieser auf finstere Nazi-Eleganz getrimmten Inszenierung nur frivol. Zusätzlich wird ihm eine Kunstsinnigkeit attestiert, die ihn dazu verleitet, mit dem Pantomimen ins Gespräch zu kommen. Wie er es denn fertig bringen könne, seine Tochter für Kunst zu interessieren, will er wissen. „Sie sollten weniger Druck ausüben“, erhält er zur Antwort – und man weiß nicht recht, ob man über diesen geschmacklosen Dialog nun lachen oder weinen soll.

Ist außergewöhnlicher Heldenmut, wie ihn Marcel Marceau bewiesen hat, wirklich so schwer zu begreifen, dass man um ihn herum eine Comic-Künstlichkeit errichten muss? Das ganze Arsenal billiger Kulissenhaftigkeit wurde einmal mehr in diese internationale Koproduktion gesteckt, historisch notdürftig hergerichtete Schauplätze mit Nazifahnen überdekoriert.

Vielleicht hätte alles auch noch schlimmer kommen können. Auf halbem Wege bleibt der Film bei dem Versuch stecken, Eisenbergs mangelndes Talent als Pantomime auf weitere Proben zu stellen. Das Drehbuch verlangt eigentlich danach. Marcel Marceau gelang es bei seinen Rettungsaktionen immer wieder, die traumatisierten Kinder mit seinen Darbietungen zu unterhalten. Welche dramaturgischen Möglichkeiten hätten in diesem Film gesteckt, wenn irgendeiner der Beteiligten ein Faible für Marcel Marceaus Kunst gehabt hätte?

Sollte es wirklich so sein, dass der im Jahr 2007 verstorbene Künstler zwar unendlich viele Imitatoren, aber keinen Nachfolger hervorgebracht hat? Stattdessen werden dramatische Fluchtszenen über nächtliche Berglandschaften abgespult, in denen wenig zu erkennen ist, es aber aufdringliche sinfonische Filmmusik zu ertragen gilt.

Marcel Marceau war ein Poet der Einfachheit. Er brauchte Jahrzehnte, um seine eigenen Traumata zu Themen seiner Kunst zu machen. Nichts von seiner Kunst und seinem wunderbaren Leben hat dieser Film verstanden. Dieser Mann musste sich mit seinen mimischen Fähigkeiten immer wieder aus lebensbedrohlichen Situationen retten. Sein Vater, hier eine unwürdige Randfigur, wurde in Auschwitz ermordet. Gleichwohl vermittelte er seine Kunst gerade auf deutschen Bühnen leidenschaftlich. Am besten, man vergisst diesen Film recht schnell. Was für eine Geschichte ist mit diesem Leben von talentierten Filmemachern zu entdecken.

Résistance. GB/F/D/USA 2020. Regie: Jonathan Jakubovicz. 122 Min.

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