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Ulrich Chaussy bei der Uraufführung von "Der blinde Fleck - Das Oktoberfestattentat". Bayerns Innenminister Joachim Herrmann verspricht hier, die Ermittlungsakten zu öffnen - Grundlage der Dokumentation.

"Attentäter - Einzeltäter?", ARD

Wo ist der Mann ohne Hand?

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Nach dem Film „Der blinde Fleck“ über das Oktoberfestattentat zeigt die ARD eine Dokumentation mit neuen Erkenntnissen des Journalisten Ulrich Chaussy.

Manchmal nützt so ein Fernsehfilm ja etwas. Da hat ein junger Mann im TV den Film "Der blinde Fleck"über das Oktoberfest-Attentat gesehen und seiner Mutter davon erzählt, hat auch die Hand erwähnt, die man am Tatort des gefunden hatte, die aber rätselhafterweise verschwunden ist.

Eine fehlende Hand? Das erinnerte die Mutter an ihre Zeit als Krankenschwester in Hannover. Da hatte sie Anfang der achtziger Jahre einmal einen jungen Mann in der Klinik erlebt, dem ein Teil des Unterarms amputiert worden war – was den Patienten aber nach dem  Eindruck der Schwester nicht unglücklich machte. Bevor sie Näheres über den Verletzten erfahren konnte, hatte er sich aus dem Staub gemacht.

Nun wird er gesucht. Von Ulrich Chaussy. Der Journalist hat den größten Teil seines Berufslebens damit verbracht, das Oktoberfest-Attentat zu untersuchen. Denn der schwerste Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik ist nicht aufgeklärt.

Die These, dass der Donaueschinger Student Gundolf Köhler das Verbrechen alleine begangen habe, dem 13 Menschen zum Opfer fielen, diese These scheint weniger denn je haltbar. Dazu hat auch die Krankenschwester aus Hannover beigetragen.

Die ARD strahlte am Mittwoch den Spielfilm „Der blinde Fleck“ aus, der auf den Recherchen von Chaussy basiert. Regie führte Daniel Harrich, und beide haben nun auch die Dokumentation „Attentäter – Einzeltäter?“ gedreht, die detailreich neue Erkenntnisse verarbeitet und neue Zeugen aufführt. Ein ehemaliger Streifenpolizist berichtet, wie weit entfernt vom Tatort er die einzelne Hand gefunden hat, die nicht zu Köhler gehören kann, wie ein Sprengstoff-Experte erklärt, denn die Hände des Bombenlegers seien bei der Explosion „atomisiert“ worden; eine Zeugin erinnert sich an den Streit eines  Mannes mit einem Autofahrer Sekunden vor dem Knall.

Prominenter Zeuge

Der prominenteste Zeuge ist Max Strauß, Sohn des ehemaligen Ministerpräsidenten, der damals nach dem Attentat Linksradikale als Täter vermutete. Das passte Strauß, der Kanzler werden  wollte und so mit dem Thema Sicherheit glaubte punkten zu können. Sein Sohn aber, damals mit dem Vater am Tatort, bietet eine einleuchtende Erklärung dafür an, dass einzig die These vom Einzeltäter galt: Wenn das Innenministerium sich mal festgelegt habe, dann werde das „nach alter CSU-Art stramm verteidigt“.

Denn wenn die Spuren in Richtung der rechtsextremen „Wehrsportgruppe Hoffmann“ weiterverfolgt worden wären, dann hätte die bayerische Obrigkeit sich ja der Tatsache stellen müssen, dass es ein rechtsextremes Netzwerk  im Land geben müsse. Und da galt offenbar das Prinzip, dass nicht sein kann, was (politisch) nicht sein darf. Wie jüngst bei den Ermittlungen zu dem Morden der NSU ja erneut verfahren wurde.

Die Hand verschwand spurlos, offenbar im Bayerischen Landeskriminalamt, und alle anderen Asservate  wurden vernichtet. Hat der Staatsschutz seine Finger im schmutzigen Spiel? Das scheint nicht unmöglich, denkt man an das Celler Loch...

Immerhin hat Bayerns Innenminister Herrmann Chaussy nach der Filmpremiere versprochen, er werde die Akten zum Fall öffnen – was dem Opferanwalt dreimal verwehrt worden war. Herrmann hat Wort gehalten und  Chaussy nun neues Material. Die Geschichte geht weiter, und Chaussy wird weiter recherchieren, er kann nicht anders, es ist sein Lebenswerk. Er sucht jetzt den Mann ohne Hand.

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