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Ikea wird ihn noch kennelernen: Bjørn Sundquist als Rächer Harold.
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Ikea wird ihn noch kennelernen: Bjørn Sundquist als Rächer Harold.

Neu im Kino: „Kill Billy“

Ein Mann und eine Mission

Und wieder macht sich ein alter skandinavischer Grantler auf die Reise: „Kill Billy“ von Gunnar Vikene.

Von Anke Westphal

In unzähligen Haushalten dieser Welt leistet das Regal Billy gute Dienste. Rein gar nichts gäbe es an ihm auszusetzen, und doch gibt es sie – die Billy-Hasser. Meist handelt es sich dabei um Menschen, die im arglosen Regal eigentlich dessen Anbieter meinen: Ikea. Diese Menschen behaupten zudem gern, dass sich Ikea-Möbel nur unter Qualen zusammenbauen lassen – und das auch, nachdem sie selbst etliche davon mühelos aufgestellt haben. Kurzum: Billy-Hasser haben ein Problem.

Wenn ein Film also „Kill Billy“ heißt, sollte man aufhorchen. Geht es hier mit Axt und Hammer zur Sache? Werden etwa Dutzende unschuldiger Aufbewahrungssysteme gemeuchelt? Und wenn schon dieser lodernde Ikea-Hass – dann aus welchem guten Grund, bitteschön? Harold Lunde weiß einen vorzubringen. Am Rande der norwegischen Stadt Bergen betrieb er gemeinsam mit seiner Frau Marny vierzig Jahre lang ein großes Einrichtungshaus, „Møbel Lunde“, das in der eigenen Werkstatt auch Stühle herstellte, „vierfach geleimt“. Doch dann eröffnet direkt nebenan eine neue Ikea-Filiale. Die Feierlichkeiten sieht sich das Ehepaar Lunde dennoch lieber im Fernsehen an. Und noch ist man wehrhaft: „WIR möblieren Åsane“, ruft Marny den Fernsehbildern entgegen: „Dich überleben wir auch!“

Was für ein Irrtum! Mit einer Reihe ausgeblichener Farbfotos beginnt der Regisseur Gunnar Vikene seinen Film. Sie zeigen eine ganze Biografie: Harald und Marny lernen sich kennen, gründen eine Familie, bauen sich mit „Møbel Lunde“ nach und nach eine Existenz auf und werden gemeinsam mit dem einzigen Sohn Jan älter. Nun, zum Ende eines langen Lebens hin, scheinen die Früchte ihrer Mühe vernichtet. Das Auto muss verkauft und das Haus der Bank übereignet werden. Als Harold die nun demente Marny im Pflegeheim unterbringt, stirbt sie gleich nach der Ankunft – fast wie aus Trotz. Allein steht Harold des Nachts im leeren Möbelhaus, während nebenan Ikea hell erleuchtet ist. Doch der geplante Suizid mittels Brandbeschleuniger scheitert an der verlässlichen Sprinkler-Anlage.

Ja, dies alles ist so traurig, dass es wieder lustig ist. Dass die Skandinavier in Sachen schwarzer Komödie keine Laien sind, haben unter anderem Regisseure wie Hans Petter Moland (man denke nur an „Kraftidioten“), Dome Karukoski („The Grump – Früher war alles besser“) oder auch Felix Herngren („Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“) hinreichend bewiesen.

Wie diese drei Kollegen schickt nun auch Gunnar Vikene, Jahrgang 1966, einen alten Zausel auf eine Reise, deren Ausgang schwerlich abzusehen ist. Harold (Bjørn Sundquist) besucht zunächst seinen, den Eltern entfremdeten Sohn in Oslo, wo er erfahren muss, dass Jan inzwischen eine verkrachte Existenz ist: gerade als Journalist entlassen und dazu frisch geschieden, aber mit eigenem Schießstand im Keller der Ex. Immerhin kommt Harold beim gemeinsamen besoffenen Herumballern auf die Idee, den Ikea-Gründer Ingvar Kamprad (Björn Granath) zu entführen, um ihn büßen zu lassen für den „Schrott“, mit dem er das Leben der Familie Lunde ruiniert hat. Der versierte Kinozuschauer weiß indes, dass es nicht gut geht, wenn sich Amateure wie Harold kriminelle Aktivitäten anmaßen. Kamprad ist jedenfalls begeistert von seinem eigenen Kidnapping: „So spannend war mein Leben schon lange nicht!“

An dieser Stelle muss einmal gesagt werden, dass die Rezensentin eine richtig gute Zeit hatte mit diesem kleinen Film, der gar nicht erst so tut, als wolle er die Kinematographie neu erfinden. Doch sind hier die Pointen bestens getimt, die Dialoge knarztrocken, den Schauspielern mit ihren Charaktergesichtern sieht man gern zu, die Handlung überrascht einen bei allem Schematismus doch immer wieder, und der Soundtrack evoziert das Western-Genre. Ein Mann muss tun, was ein Mann eben tun muss – und sei es noch so aussichtslos.

Dabei begleitet ihn eine jugendliche Grantlerin (Fanny Ketter) aus schwierigen Familienverhältnissen – auch das ein Basic solcher Filme. Ganz nebenbei geht es um den Konflikt zwischen Fachhandel und Konzernkette, Handarbeit und Massenproduktion, Norwegen und Schweden. Die Globalisierung, Kamprads einstiges Nazi-Sympathisantentum und die Kinderarbeit für Ikea kommen auch vor. Übrigens heißt der Film im Original „Hier ist Harold“, nach einem Roman von Frode Grytten. Das Regal Billy übersteht ihn unbeschadet.

Kill Billy. Norwegen/Schweden 2014.

Regie: Gunnar Vikene. 88 Min.

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