+
Pastor Wolfgang Herder (Clemens Schick) hält die verzweifelte Anna Erler (Henriette Confurius) zurück, die um das Leben ihres Mannes fürchtet.

"Tannbach" im ZDF

Mangel in Aschgrau

  • schließen

Die Fortsetzung des deutsch-deutschen Dramas "Tannbach ? Schicksal eines Dorfes" gerät eher konventionell und wirkt insgesamt etwas steif.

Geschichte wird gemacht. Es geht voran. Aber das gilt nur für den westlichen Teil des Dorfes, das seit Kriegsende durch eine Grenze geteilt ist. Tannbach, teils bayrisch, teils in Thüringen, wird im Laufe der Jahre zu zwei Gemeinden, denn die Entwicklungen in der DDR und der BRD verlaufen zu unterschiedlich. Während die im Westen dank der Hilfe der US-Amerikaner Teil am Wirtschaftswunderland haben, herrscht im Osten Mangelwirtschaft. Die Regale im örtlichen Konsum sind stets halbleer.

Das ZDF zeigt jetzt, erneut in drei Teilen, die Geschichte des Ortes in den sechziger Jahren, von der Zeit vor und nach dem Mauerbau bis zum Prager Frühling im August 1968. Vorbild war das Dorf Mödlareuth, das tatsächlich durch den Eisernen Vorhang jahrzehntelang in zwei Hälften zerrissen war. In Sichtweite wurden die Bewohner hüben wie drüben Zeugen des Lebens auf der anderen Seite, litten unter Trennungen und Einschränkungen, besonders im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat.

Anna und Friedrich, das junge Paar im Zentrum der Erzählung, versucht, an  der Spitze der heimischen LPG der Not und den Widerständen der um ihre Existenz fürchtenden Bauern zu trotzen. Das Leben im Ostteil wirkt aschgrau. Der Mangel dominiert alles, das Dasein ist freudlos, hier wird nicht getanzt und gefeiert – höchstens eine Taufe in der Kirche.

Die Drangsal führt in den Familien zu Konflikten,  die sich ebenfalls im Westen zeigen, freilich aus anderen Gründen. Denn Emil, Sohn des Bauern Heinrich Schober, kommt ums Leben beim Versuch, seinen jüngeren Bruder vor einer Handgranate in Sicherheit zu bringen. Und Teenager Christa hat den Geruch der neuen Freiheit erschnuppert, wird aber von Vater und Großvater zu den Nonnen geschickt, die sich als ebenso unbarmherzig erweisen wie die Männer der Familie Schober.

Noch sind die Grenzen durchlässig, so dass Georg von Striesows  (Heiner Lauterbach) neue Liebe Rosemarie (Anna Loos) als Vertriebschefin eines Kleiderfabrikanten auch in die „Zone“ reisen kann – zum Missfallen des Ehemanns, der noch für den US-Geheimdienst tätig ist und nicht ahnt, dass die Gattin in Diensten der Stasi steht.

Autorin Silke Zertz (am Drehbuch ebenfalls beteiligt: Produzentin Gabriela Sperl und Josephin und Robert von Thayenthal) will vor allem erzählen, wie die deutsche Teilung Vertrauen und unbeschwertes Miteinander im Mikrokosmos von Familie und Nachbarschaft zerstört.

So muss Anna, zunächst von fast unverrückbarem Idealismus für die sozialistische Sache,  sich schließlich gegen ihre Überzeugung entscheiden und ihre Unterschrift unter ein Pamphlet setzen, das den Einmarsch in die Tschechoslowakei feiert: Dass die Diktatur des Proletariats eben eine Diktatur war, gelingt dem Film hier beklemmend zu vermitteln, indem er wie mit einer Lupe auf ein kleines Alltags-Geschehen blickt.

Immer wenn Buch und Regie (Alexander Dierbach) sich ganz auf die Figuren konzentrieren, gelingt es, die Konflikte fühlbar zu machen. Dazu gehört auch die Kunst der Darsteller, etwa von Rainer Bock und Martina Gedeck in ihrem Dialog über die Rolle der Stasi oder auch das Spiel Alexander Helds, der zwar eine Schmalspur-Ausgabe von Franz-Josef Strauß geben muss, aber das mit einer Hingabe leistet, die den Zuschauer frösteln lässt.

Wie bei den Fernseherzählungen über die jüngere deutsche Geschichte inzwischen üblich, erweist sich auch die zweite Staffel von „Tannbach“ wieder als eine Orgie für Ausstatter (Knut Loewe, Kostüme: Ester Amuser). Da stimmt jede Tapete, jedes Tischtuch. Und so wie  „Tannbach“ streckenweise wie ein fiktives Nachkriegsmuseum wirkt, erweist sich auch die Erzählweise bisweilen als recht konventionell.

Die Charakterisierung mancher Figuren, der Familie Schober zumal, gerät etwas eindimensional.  Widersprüche oder Überraschungen werden dem Publikum nicht zugemutet, Wendungen der  Handlung stets vorbereitet. Sätze wie „Ich bin in zwei Tagen zurück“ verraten eben fast immer den Irrtum des Sprechers. Dergleichen dämpft letztlich die erwünschte emotionale Beteiligung der Zuschauer, gibt dem Dreiteiler insgesamt etwas Steifes. Was das ZDF kaum an einer Fortsetzung hindern wird. Denn Annas Nähe zur Kirche deutet schon auf deren wachsende Bedeutung in den achtziger Jahren hin, und wenn die junge Frau am Ende allein auf dem Dorfplatz steht, ahnen wir: Ihre Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion