+
Als der Feminismus noch ganz am Anfang war: Steve Carell und Emma Stone in "Battle of the Sexes".

"Battle of the Sexes"

"Man kann Politisches im Persönlichen verstecken"

  • schließen

Valerie Faris und Jonathan Dayton, Regieduo und Ehepaar, über ihre neue Emanzipations-Komödie "Battle of the Sexes".

Valerie Faris, Jonathan Dayton, als Ehepaar machen Sie Ihre Filme gemeinsam. Erstaunlich, dass gerade Sie auf die Idee kommen, einen Film zu machen mit dem Titel „Der Kampf der Geschlechter ...“
Jonathan Dayton: Ich glaube, wir kämpfen weniger als andere Paare. Wir arbeiten seit Jahrzehnten zusammen ...
Valerie Faris: ... vielleicht weil wir von der Gleichstellung mehr verstehen als andere. Viele Frauen müssen sich damit auseinandersetzen, dass irgendwelche Männer die Macht haben, bei uns ist das sehr ausbalanciert. Vielleicht hat uns gerade deshalb das Thema gereizt. Wir sind absolut für die Gleichstellung.
Dayton: Wir praktizieren, was wir predigen. 

Das soll heißen, niemand ist gleicher als der andere.
Dayton: Genau. 
Faris: Niemand ist mächtiger.
Dayton: Sie ist klüger als ich.
Faris: Aber nur manchmal. Ich bin naiver.
 
Hat es geholfen, dass Sie eine Arbeitsbeziehung hatten, bevor Sie ein Liebespaar wurden?
Dayton: Das stimmt. Wir haben erst gelernt, uns zu benehmen. Romantik und Familie kamen später dazu.

Gibt es gar nicht diese übliche Künstlerrivalitäten wie: Mir ist das aber zuerst eingefallen?
Faris: Wir versuchen alle Ideen gemeinsam auszusortieren. Es ist einfach weniger Ego dabei, es geht nicht so sehr um ihn oder um mich. 
Dayton: Wenn Valerie etwas sagt oder innovativ ist, dann bin ich einfach sehr froh, dass ich mit dieser faszinierenden Frau verheiratet bin. Das führt wiederum dazu, dass ich mich gut fühle.
Faris: Danke gleichfalls.

Ist es so wie bei Lennon/ McCartney, die ihre Songs alleine schrieben, aber dann gemeinsam signierten?
Dayton: Manchmal, aber allein schon dass mein Name immer zuerst auf den Plakaten stand, sagte für manche Leute etwas aus. Das haben wir jetzt umgedreht.
Faris: Manchmal fiel mein Name als der zweite in der Berichterstattung sogar unter den Tisch. Da dachte ich: Jetzt ist es Zeit, dass meiner zuerst da steht.
 
Und hat die Umstellung etwas geändert?
Faris (lacht): Ich fühle ich jetzt so viel mächtiger. 
 
Sie wurden bekannt als Musikvideoregisseure, etwa für Oasis, R.E.M., Red Hot Chilly Peppers. Auch Ihr Film wirkt stilisiert, aber Sie schwelgen im 70er-Design, ohne zu übertreiben ...
Dayton: Es macht immer Spaß, eine überstilisierte Ausstattung zu sehen, aber es reißt einen aus der Handlung. Auch wirkt ein Film dann historisch. Wir wollten zeigen, wie es sich anfühlte, in dieser Zeit zu leben. 
Faris: Nicht wie eine nostalgische Rückschau.
Dayton: In einem alten Film der 70er Jahre hätte ja auch niemand die Plateau-Schuhe noch extra in Großaufnahmen gezeigt. Die waren ja normal. So wollten wir es auch sehen.
Faris: Ein beliebter Fehler ist, in einem Film nur Requisiten aus dieser Zeit zu zeigen. Aber natürlich hatten die Leute noch viele ältere Sachen.

Man ist heute überrascht, wie hemmungslos sexistisch man sich in den 70er Jahren äußern konnte. Ich erinnere mich an eine Zeit voller Widersprüche: Das Fernsehen zeigte barbusige Frauen als Dekor in den Unterhaltungsshows, anderseits gab es feministisches Kino.
Faris: Wir sprechen über die frühen 70er als eine Zeit voller Hoffnung auf Veränderung. Das war ja auch so, aber der Feminismus war auch noch ganz am Anfang. Es war nicht einfacher damals, es gab viel Gegenwind.
 
Für die Smashing Pumpkins drehten sie im Stummfilmstil von Geroges Méiès, für Travis imitierten Sie den Science-Fiction-Film der 50er Jahre. War es diese Freude an früheren Stilen, die Sie auch im Film anregte?
Dayton: Die 70er waren die Zeit, in der wir uns ins Kino verliebten. Beide Filme reflektieren den Stil unserer Lieblingsfilme, besonders der von Hal Ashby ...

Sie erwähnen Hal Ashby, der Liberalität und Politik in vielfarbige Erzählungen verpackte, etwa in „Harold and Maude“ oder „Coming Home“.
Dayton: „Coming Home“ war ein sehr wichtiger Film für uns. Er erzählte eine sehr persönliche Geschichte über ein Phänomen von großer Tragweite. Das hatten wir auch jetzt vor. Unser Land ist so polarisiert. Es ist sehr leicht, mit einem solchen Film abgelehnt zu werden: Ach, wieder so ein liberales Zeug. Wir wollten versuchen, etwas über etwas Persönliches etwas Politisches zu thematisieren. 

 Haben Sie manchmal Angst, dass man über der Schönheit Ihrer Filme den politischen Stachel übersieht? Oder nutzen sie den schicken Look als Versteck?
Dayton: Letzteres stimmt für ein Musikvideo, das wir für Macy Grey drehten, „Sexual Revolution“. Wir haben da fiktive Sex-Anzeigen eingebaut mit den Umschreibungen für bestimmte Vorlieben. MTV zeigte das, wusste aber gar nicht, wie extrem die Dinge waren, für diese Codes standen. 
 
Es wurde nicht zensiert?
Dayton: Doch, einen behinderten Menschen mussten wir herausnehmen. 
Faris: Die bei MTV wollten nicht, dass Behinderte Sex haben. Und einen Bärtigen mussten wir herausschneiden, der sie an Charles Manson erinnerte.

 Wie war das denn damals in den Anfangstagen von MTV? 
Faris: Wir hatten viel Spaß, weil wir direkt mit den Bands arbeiteten. Wir hatten immer viel Respekt für Musiker. Die waren unsere Besetzung, Wir wollten aber, dass sie auch wie eine Band agierten, aufeinander eingingen. 
Dayton: Und eine Erfahrung mit diesen Stars war, wenn sie zustimmten, dann würde die Plattenfirma auch keinen Ärger machen. diese Solidarität gab uns Macht. Und mit den Schauspielern heute ist es das gleiche. wir verstehen uns immer gut mit ihnen, und wenn die Produktionsfirmen etwas heraushaben wollen, können wir uns zusammen dagegen wehren.
Faris: Ich vermisse das visuelle Erzählen und die Freiheit der Musikvideos. 

Wie empfinden Sie den Zeitstil unserer Gegenwart? Manche sagen, Retro sei der Stil von heute.
Dayton: Das ist interessant, ich glaube das Internet hat vieles verwischt. Es ist jenseits der Postmoderne. Ich frage mich, ob man diese Periode in Zukunft noch herauslesen kann. Alles wirkt fragmentiert.
Faris: Wenn man sich die Mode ansieht, kann man den Stil an nichts mehr festmachen. Ich sehe da nichts, das typisch wäre für diese Zeit. 

 Hätten Sie lieber in einer anderen Zeit gelebt?
Dayton: Ich wäre gerne zu Besuch in anderen Zeiten ... In der Jahrhundertwende. Wegen der Zeppeline über dem Haus. Das würde ich gerne sehen.
Faris: Ich möchte nicht tauschen. Ich glaube, es ist die beste Zeit, lebendig zu sein. Als Frau möchte ich genau sein, wo ich jetzt bin.

Interview: Daniel Kothenschulte

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion