+
Sandra Maischberger

„Maischberger. Die Woche“, ARD

Maischberger: Von Özil über Merkel bis AKK - zu viele Themen beim Neustart

  • schließen

Die ARD drückt zum Maischberger-Neustart alle Knöpfe gleichzeitig. Das Chaos kann selbst Deutschland beste Interviewerin nicht verhindern.

Das Dilemma ist klar. Die Einschaltquoten der Maischberger-Talkrunden hinkten schon länger der Konkurrenz hinterher. Die Talkerin selbst will man aber nicht verlieren. Also wagt man unter dem Titel „Maischberger. Die Woche“ einen Neustart, und zwar als... ja, was? Als Kessel Buntes, muss man sagen. Nicht mehr ein Thema, sondern alle Themen. Und nicht mehr das alte Talkrunden-Format, sondern... drei rabiat unterschiedliche Talkshows in einem Format? „Von allem ein wenig“ ist meistens nicht die beste Entscheidung.

Zur Verteidigung der Macher soll gesagt sein, dass die vielen Segmente durchaus als Versuchsballons gedacht sind: Man will sich an den Reaktionen orientieren. Hoffentlich passiert das zügig, denn die Stärken und Schwächen der jeweiligen Formate sind schon in dieser ersten Sendung sehr offensichtlich geworden.

Bettina Gaus, Micky Beisenherz und Gabor Steingart als Kommentatoren

Den Auftakt machten „die Kommentatoren“, ein Panel aus drei Journalisten, Publizisten und Moderatoren, die Maischberger als „meinungsstarke Kollegen“ vorstellte. Bettina Gaus, Micky Beisenherz und Gabor Steingart waren vielleicht einfach gut ausgewählt oder hatten spontane Chemie, in jedem Fall waren ihre oft launigen und auch mal polemischen Auslassungen über die Gewinner und Verlierer der Woche das unbestrittene Highlight des Abends. Irgendwo zwischen der Seriosität des „Presseclubs“ und der Komplett-Satire der BBC-Traditionssendung „Mock the Week“ war dies ein launiger, lapidarer und dafür nur umso ehrlicherer Schlagabtausch, mit herrlichen Sätzen wie „Und genau in dem Moment, wo man denkt, es kann nicht mehr schlimmer kommen mit der Digitalstrategie der CDU, da kommt Landwirtschaftsministerin Klöckner und sagt: Holt mal den Riesling, ich dreh ein Video mit Nestlé. Wie blöd kann man sein?“ Diesem gefälligen Repartee hätte man gerne noch länger zugehört – aber Maischberger musste es viel zu früh abwürgen, um plötzlich das Sendungsformat zu ändern. Das erste und bei weitem nicht das letzte Mal an diesem Abend.

Nachdem die drei fröhlichen Meinungsmacher die ohnehin schon völlig überladene Themenankündigung (Grünen-Höhenflug! Und SPD-Talfahrt! Und AKK-Probleme! Und Clan-Kriminalität!) noch mit Mesut Özil, Angela Merkel und Jens Spahn angereichert hatten („Spahn hat jetzt schon eine ganze Woche lang nichts Dummes mehr gesagt!“), gab es plötzlich die Vollbremsung: Ein Gast, ein Thema, zwanzig Minuten. Peer Steinbrück analysierte den Niedergang der SPD, ohne wirklich neue oder überraschende Einsichten gewinnen zu können.

Sandra Maischberger ist Deutschlands beste Interviewerin

Aber hier zeigt sich auch wieder einmal, warum beim Neustart eine wichtige Komponenten konstant blieb – Sandra Maischberger ist schlicht und ergreifend die beste deutsche Interviewerin. Man mag es bei ihrem Ausflug in den Boulevard vergessen haben oder bei manchen Talkrunden übersehen. Aber ihr Talent ist geradezu gespenstisch. Während Maybritt Illner und Markus Lanz sich oft nur als Stichwort geben oder selbst Sprachrohr sein wollen, beherrscht Maischberger das eins-zu-eins-Interview wie vielleicht niemand sonst im deutschen Fernsehen.

Zuallererst ist sie intelligent. Wie sie Antworten vorhersieht und sich geradezu zurückhalten muss mit der Folgefragen; wie sie selbst prominenten und erfahrenen Politikern immer ein paar Schritte geistig voraus scheint; und wie sie jede Statistik und jedes Argument sofort parat hat – dieser Frau beim Interviewen zuzuschauen ist, wie einem alten Meister bewundern zu dürfen. Egal ob sie Peer Steinbrück mit der Frage überrascht, was denn seine eigenen Fehler als SPD-Chef waren, oder mit einer Erwähnung von Thilo Sarrazin aus dem Konzept bringt; oder ob sie ihre Kommentatoren bei allem Spott über AKK's PR-Problem plötzlich aushebelt, indem sie die Grundfrage ändert: „Ja, aber wäre sie eine gute Kanzlerin?“ - kein Wunder, dass die ARD eine Talkerin ihres Kalibers nicht gehen lassen will.

Mit Seehofer und Clan-Kriminalität zurück zum Boulevard

Aber während auch das Eins-zu-Eins-Interview in diesem Sinne faszinierend und informativ ist, zeigen sich anderwo doch schnell die Grenzen des neuen Konzepts. Die zwischengeschaltete Publikumsbeteiligung in Form von Applaus-Abstimmungen oder Wortmeldungen kommt als unangenehme Überraschung daher und fällt erwartungsgemäß arg durchwachsen aus: manchmal eloquent, aber oft dilettantisch und weit unter dem Niveau der restlichen Sendung.

Dann dürfen wieder die Kommentatoren ran, die aber leider nicht das gerade Gehörte nochmal aufarbeiten, sondern lieber Seehofer und andere Nebenschauplätze ausfechten sollen. Und der letzte Teil, beinahe eine Sozialreportage über Clan-Kriminalität in Deutschland, bei der Maischberger erst eine Anwohnerin ihre Geschichte erzählen lässt und anschließend ein Streitgespräch zwischen einer vorsichtigen Sozialarbeiterin und einem rabiaten Innenminister leitet, funktioniert dann gar nicht mehr. Es ist eine Rückkehr zum Boulevard von „Menschen bei Maischberger“, wo die Moderatorin schonmal Günther Jauch als Stichwortgeberin für dramatische Lebensgeschichten beerben wollte – eine Rolle, die spürbar nicht zu ihrem Talent fürs schnelle Sprechen und noch schnelleres Denken passt. Und bloß, um die Konfusion perfekt zu machen, gibt es am Ende der 75minütigen Sendung noch eine dritte Kommentatoren-Runde, die diesmal ohne jede Begründung oder Einführung schnell noch die ungleiche Bezahlung der Männer- und Frauen.Fußballnationalmannschaften anreißt.

Die Selbstsuche der „Maischberger“-Sendung ist also in einer experimentellen Phase angekommen. Die gute Nachricht ist, dass es einige Versatzstücke gibt, die tatsächlich Grundlage eines neuen Formats werden könnten. Aber es bleibt unklar, ob die Sendung wirklich weiß, was sie ist und was sie will.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare