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Das lange Warten auf den Churchill-Moment

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Von: Teresa Schomburg

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Altbundespräsident Joachim Gauck zu Gast bei Sandra Maischberger.
Altbundespräsident Joachim Gauck zu Gast bei Sandra Maischberger. (Screenshot) © ARD

Angst oder Mut – was genau will Sandra Maischberger in der ARD bei ihrem Publikum wecken?

Im Lauf der Sendung pendeln die Gespräche in der ARD-Diskussionsrunde immer wieder zwischen den zwei Polen Angst und Mut. Es beginnt mit Angst. Thomas Roth, der zehn Jahre als Korrespondent in Moskau gearbeitet hat, zeigt sich fassungslos angesichts des Krieges in der Ukraine: „Es ist nur furchtbar. Da blutet einem das Herz“. Und auf die Frage der Moderatorin, wie gefährlich Wladimir Putin sei, kommt beunruhigend schnell die Antwort: „Sehr. Ihm traue ich alles zu. Der geht auch noch weiter.“ Später wird er noch hinzufügen: „Putin geht so weit, wie man ihn lässt. Am Ende gehört er vor den Internationalen Strafgerichtshof.“

Mut machende Worte kommen den Mitdiskutierenden in der ARD-Runde bei Sandra Maischberger nur schwer über die Lippen. Wie auch. Putin habe schon vor drei Wochen Putin angelogen, konstatiert Mariam Lau („Die ZEIT“). Trotzdem sagt sie: „Man muss immer weiter versuchen zu sprechen.“ Markus Feldenkirchen („Der Spiegel“) sieht immerhin „den einzigen Hoffnungsschimmer“ darin, dass heute die Außenminister aus Russland und Ukraine unter türkischer Vermittlung zusammen kommen und auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erste Zugeständnisse in Aussicht gestellt hat.

„Maischberger. Die Woche“ (ARD): „Die Situation eskaliert sich selbst“, sagt deutsch-ukrainische Autorin Katja Petrowskaja

Wie trockene Theorie mutet all das jedoch an, als die deutsch-ukrainische Autorin Katja Petrowskaja zu Wort kommt, deren Familie direkt von den kriegerischen Auseinandersetzungen betroffen ist. Ihre 86-jährige Mutter ist erst vor wenigen Stunden aus Kiew aufgebrochen, sie hatte bleiben und vor Ort Haltung zeigen wollen. „Dieser Krieg ist komplett absurd, die Menschen verstehen nicht, warum sie überhaupt weg sollen“, sagt Katja Petrowskaja. Das Wort „fliehen“ benutze in Kiew niemand. Eindringlich hält die Autorin ein Plädoyer an den Westen, der Ukraine mehr zu helfen, unbedingt müsse eine Flugverbotszone eingerichtet werden.

Trotzdem bleibt der Militärexperte Carlo Masala, den Sandra Maischberger zum Dreiergespräch mit Katja Petrowskaja in die ARD-Rund eingeladen hat, nüchtern. Es sei nicht so einfach, wie es klinge, solche Zonen einzurichten. Sie würden faktisch bedeutet, dass zunächst Flugplätze und Luftverteidigungssysteme bombardiert werden müssen, um überhaupt die Hoheit über den Luftraum zu bekommen. „Das bedeutet Krieg gegen Russland“. Noch sei Putin weit davon entfernt, Nuklearwaffen einzusetzen, kann Carlo Masala immerhin beruhigen. „Das wird nur passieren, wenn Putin sich einer katastrophalen Niederlage ausgesetzt sieht.“ Der Westen liefere Waffen, ohne die es womöglich jetzt noch schlimmer in der Ukraine aussehe. „Aber es gibt eine Grenze, wo es zu einer Eskalation zwischen Russland und der Nato kommen könnte“. Katja Petrowskaja kann dieses Argument nicht akzeptieren: „Wir sind schon in einer Kriegsspirale, die Situation eskaliert sich selbst“, sagt sie.

„Maischberger. Die Woche“ (ARD): Warten auf den Churchill-Moment

Hoffnungen wecken, Mut machen, ist das angesichts dieser düsteren Aussichten überhaupt noch möglich? Sandra Maischberger lässt noch einmal das ARD-Diskussions-Trio vom Anfang analysieren. Thomas Roth und Mariam Lau sind sich weitgehend einig: Die historische Kehrtwende von Olaf Scholz angesichts deutscher Waffenlieferungen sei richtig gewesen. „Putin muss Widerstand bekommen“, meint Thomas Roth, und Mariam Lau ergänzt: „Wir müssen das Mantra ablegen, dass es keine militärische Lösung gibt“. Markus Feldenkirchen sieht das etwas anders, er legt Hoffnung eher in die Aussicht, dass die Wirtschaftssanktionen greifen. Auch Thomas Roth kann damit zumindest bedingt etwas anfangen: „Unsere einzige Chance ist, wenn das Gebäude der Oligarchen um Putin Risse bekommt, wenn die ihre Yachten wegschwimmen sehen“ – und dann entsprechenden Druck auf Putin ausüben. „Wir brauchen jetzt einen Churchill-Moment von Olaf Scholz“, findet Mariam Lau.

„Wir sind stärker als unsere Angst es uns einredet“ sagt Joachim Gauck bei Maischberger

„Da höre ich schon Herrn Gauck im Hintergrund lachen“, sagt Sandra Maischberger angesichts des Vergleichs zwischen Scholz und Churchill. Der Altbundespräsident Joachim Gauck ist nun tatsächlich ihr letzter Trumpf im Ärmel, der an diesem ARD-Abend noch ein wenig Gelassenheit in die düsteren Aussichten bringen könnte. Ein wenig Mut vielleicht auch? Tatsächlich spricht Joachim Gauck überlegt, besonnen und legt all seine Lebenserfahrung aus Nachkriegs- und DDR-Zeit in seine Worte. Auf Sandra Maischbergers Frage, wie groß seine Sorge sei, dass es einen Atomkrieg oder Flächenbrand geben könnte, erwidert Gauck mit verblüffender Ruhe: „Die deutsche Neigung zur schnellen Angst ist deutlich wahrnehmbar.“ Putin, den er den „wirrköpfigen Diktator in Moskau“ nennt, sei zwar nur noch schwer auszurechnen, er sei aber noch nicht Hitler am Ende des Zweiten Weltkriegs. „Er will ja auch als ruhmreiche Persönlichkeit in die russische Geschichte eingehen“, so Gauck.

Maischberger. Die Woche.Die Gäste der Sendung
Joachim GauckAltbundespräsident
Katja PetrowskajaDeutsch-ukrainische Autorin
Carlo MasalaMilitärexperte
Thomas RothLangjähriger ARD-Korrespondent in Moskau
Mariam Lau (Journalistin
Markus FeldenkirchenJournalist

Joachim Gaucks Perspektiven auf das, was uns nun bevorstehen könnte, sind je nach Blickwinkel entweder sehr aufbauend oder sehr beunruhigen. „Liebe junge Leute, ihr könnt nicht wissen, was ihr später einmal ertragen werdet, wir sind stärker als unsere Angst es uns einredet,“ so Gaucks Plädoyer an alle, die die Nachkriegszeit nicht erlebt haben. Für die Freiheit könnten wir auch eine Weile frieren und „eine generelle Delle in unserem Wohlstandsleben“ ertragen. Sandra Maischbergers Kommentar: „Da spricht der Pfarrer in ihnen“ wirkt deplatziert. Aber was soll man auch noch sagen und diskutieren angesichts einer nach wie vor bedrückenden Lage? „Schwierige Situation, schwierige Tage“ lautet das hilflose Schlussstatement der ARD-Moderatorin. (Teresa Schomburg)

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