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Ulrich Wickert poltert gegen Regierung: „Wir werden für blöde verkauft“

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Von: Marc Hairapetian

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Die Gäste der Sendung „maischberger“ vom 14. September.
Die Gäste der Sendung „maischberger“ vom 14. September. © ARD

Streit im TV-Talk bei Maischberger über die Ukraine-Politik der Regierung: Wie wirken die Sanktionen gegen Russland – dort und bei uns?

Berlin – Im Nachnamen von Jean-Lud Godard (3. Dezember 1930 in Paris - 13. September 2022 in Rolle, Schweiz) stecken zwei englischsprachige Worte: „God“ und „art“. Gott und bildende Kunst also. Doch bei Sandra Maischberger wird in ihrer ARD-Talkshow zu Beginn bei den „Bildern des Tages“ über das Ableben eines der bedeutendsten Filmemacher aller Zeiten, der als Mitbegründer der Nouvelle Vague mit cineastischen Meisterwerken wie „Außer Atem“ (1960), „Die Verachtung“ (1963) und „Elf Uhr nachts“ (1965) auf inhaltlich gesellschaftskritische, formal innovative Weise das internationale Kino revolutionierte, mit keiner Silbe eingegangen.

Genauso wenig wie über den Tod der albanisch-griechischen Schauspielerin Irene Papas (3. September 1926 als Iríni Lelékou in Chiliomodi bei Korinth - 14. September 2022 ebenda), der durch Filme wie „Antigone“ (1961), Elektra“ (1962) „Alexis Sorbas“ (1965) oder „Z“ (1969) größten Tragödie der Moderne. Hatte sich Das Erste als öffentlich-rechtlicher Sender nicht mal den Bildungsauftrag auf die Fahne geschrieben?

„maischberger“ im Ersten: „So beliebt war die Queen nicht immer“

Dafür wählt die Münchner Moderatorin, deren Sendung in Berlin produziert wird, ein anderes, weit populäres Tagesthema aus. Die Überführung des Sargs von Queen Elizabeth II. (21. April 1926 als Elizabeth Alexandra Mary in Mayfair, London - 8. September 2022 auf Balmoral Castle, Aberdeenshire) aus Schottland nach London. Für vier Tage können sich nun die Briten und bis zu einer Million erwartete Touristen von der Monarchin, die dann am nächsten Montag unter „Pomp and Circumstance“ in einem Staatsbegräbnis in der Westminster Abbey beigesetzt wird, verabschieden. Für den von Helene Bubrowski (FAZ) und Julie Kurz (ARD-Hauptstadtstudio) flankierten Ulrich Wickert, dem einzigen Mann in Sandra Maischbergers journalistischen „Kommentar-Club“ wird damit „ein Teil der britischen Identität zu Grabe getragen“, obwohl er weiß: „So beliebt war die Queen nicht immer.“ Schuld daran wären auch der Brexit und die wechselnden PremierministerInnen des Vereinigten Königreichs gewesen. Erst der zum 70. Thronjubiläum gedrehte, humorvoller Kurzfilm, in dem die Queen den (Kinderbuch-)Bären Paddington zum Tee empfängt und dabei Geheimnisse über Marmeladen-Toast austauscht, hätte ihr wieder die uneingeschränkte Sympathie des Volks eingebracht.

Der spätere „Tagesthemen“-Präsentator stand einmal der Königin ganz nahe – im Wortsinn. Sandra Maischberger lässt Archivaufnahmen einspielen, wo der Studienabsolvent der Politikwissenschaften und Jura an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn bei einem Empfang hinter Elizabeth II. steht. Ob er mit ihr auch ein paar Worte gewechselt habe, möchte die Gastgeberin wissen. Nein, nicht mit ihr, aber mit Prince Philip! „Dieser wollte wissen, was ich studiert hatte und sagte dann: ‚Ach, mit Politikwissenschaften können Sie doch nichts anfangen!‘“ Auf Wickerts kühnem Widerspruch habe der Duke of Edinburgh noch eine witzige Bemerkung gemacht und ihm dann den Rücken gekehrt.

„maischberger“ in der ARD: Ulrich Wickert regt sich auf

Nach diesem erheiternden Auftakt wird es schnell wieder ernst. Sanktionen gegen Russland, über deren Sinn Grünen-Politikerin Marieluise Beck und Klaus Ernst von den Linken heftig streiten, und (schwere) Waffenlieferungen an die Ukraine, für die sich - es war nicht anders zu erwarten - Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD) ausspricht, sind die Dauerdiskussion in den deutschen Talkshows im letzten halben Jahr. Da macht auch Sandra Maischberger keine Ausnahme. Ihr Ausgangspunkt sind die Erfolge der ukrainischen Streitkräfte in den letzten Tagen, die ohne die militärische Unterstützung aus dem Westen kaum denkbar gewesen wären. Auch der deutsche Gepard-Panzer spielte bei der Rückeroberung des von Russland besetzten Territoriums eine tragende Rolle. Kiew fordert bekanntlich schwere Kampffahrzeuge westlicher Bauart an, deren Lieferung Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) und Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) – bisher – mit der Begründung ablehnen, dass Deutschland keine Alleingänge veranstalten werde. Die Panzerbestände der Industrie, die gerne liefern würde, sind dabei allerdings ausgeklammert.

„Wovor fürchtet sich Berlin, während sich Kiew nicht fürchtet?“, zitiert Sandra Maischberger den aufgebrachten ukrainischen Außenminister Dmytro Kuleba und gibt die Frage an ihre illustre Runde weiter. „Kevin Kühnert warnt vor Eskalation, Lambrecht sagt, man habe nicht genug Waffen, dann heißt es, man gehe nur international gemeinsam vor bei der Lieferung von Kampfpanzern. Aber es muss ja einen geben, der den ersten Schritt macht“, gibt Helene Bubrowski zu denken. Eine klare Linie sei bei der Bundesregierung nicht erkennbar: „Sie wollen gleichzeitig der Ukraine helfen und die Kritiker von Waffenlieferungen beschwichtigen.“ Drastischer drückt es Ulrich Wickert aus: „Ich finde es ziemlich schrecklich, wie die Verteidigungsministerin argumentiert. Es stehen hundert Marder-Panzer auf einem Hof eines Industrieunternehmens, die sofort verkauft werden könnten. Wir werden für blöde verkauft!“ Dafür erntet der kurz vor seinem 80. Geburtstag stehende, in Tokio geborene Diplomatensohn vom weitgehend jungen Publikum im Fernsehstudio Applaus.

Die Gäste der Sendung
Bärbel BasBundestagspräsidentin (SPD)
Marieluise BeckPolitikerin (Bündnis 90/DieGrünen)
Klaus ErnstPolitiker (Die Linke)
Helene BubrowskiJournalistin (FAZ)
Julie KurzJournalistin (ARD-Hauptstadtstudio)
Ulrich WickertJournalist (Ex-Moderator„Tagesthemen“, Das Erste) 

Beim Thema Sanktionen sind sich die Drei ebenfalls einig. „Aus Russland kommt kaum noch Gas und wir merken, es geht trotzdem. Die Sanktionen müssen bleiben“, meint Ulrich Wickert. „Solidarität fängt da an, wo es weh tut.“, ergänzt Helene Bubrowski.

Bei so viel Einklang tut der Diskussion auch mal eine andere Meinung gut. Die hat Klaus Ernst (Die Linke). Er verteidigt schnell sprechend, wobei sich die Worte bei ihm beinahe überschlagen, die Rede von seiner Parteigenossin Sahra Wagenknecht im Bundestag, die der Bundesregierung vorhielt, mit den Sanktionen einen „Wirtschaftskrieg“ begonnen zu haben, der Millionen Menschen in Deutschland in die Armut stürze. Die Reaktionen in Form von Wirtschaftssanktionen seien ja „von uns und nicht von Russland“ gekommen: „Insofern ist es korrekt, dass auch wir einen Wirtschaftskrieg gegen Russland führen. Es sind zwei beteiligt. Die einen führen ihn, wir, und die anderen wehren sich, indem sie uns das Gas abdrehen.“ Dem widerspricht Marieluise Beck von den Grünen ruhig, aber bestimmt: „Energie als Waffe wurde zunächst von Putin eingesetzt.“

„maischberger“ stoppt die One-Man-Show

Und dann attackiert sie Klaus Ernst: „Mich erstaunt Ihre Kälte gegenüber den Menschen in der Ukraine. Wir haben mit unseren Energiegeldern den russischen Haushalt angefüttert und die Aufrüstung finanziert.“ Dieser wird wütend: „Woher haben Sie das, dass mich das kaltlässt?“ Auch er verurteile den russischen Angriffskrieg als ein „Verbrechen“. Aber: „Wenn Sie was für die Ukraine übrig haben, müssen Sie die Sanktionen beenden, weil Russland an diesem Krieg verdient“, wirft er Marieluise Beck vor, die ihn mehrfach unterbricht. „Sie reden gern dazwischen. Ich auch“, gesteht Klaus Ernst, „Heute habe ich mir vorgenommen, es nicht zu tun. Bitte tun Sie es auch nicht.“ Das ist zugegebenermaßen ein Punkt für ihn. Er legt nach: Man müsse Verhandlungen zwischen den Kriegsparteien vorantreiben und aufhören, das Klischeebild vom „bösen Russen“ heraufzubeschwören, der zu uns komme und alles zusammenhauen wolle. Als er dann aber die vermeintlichen Gewinne des russischen Staatskonzerns Gazprom auf einem von ihm mitgebrachten Blatt vorrechnen will, stoppt Sandra Maischberger seine One-Man-Show.

Zur Sendung

„maischberger“ am 14.09.2022 im Ersten. Die Sendung in Netz.

Nun ist es nämlich an der Zeit für ein knapp 20-minütiges Einzelgespräch mit Bärbel Bas, die es von der Hauptschulabsolventin über den Umweg als Schweißerin zur Bundestagspräsidentin gebracht hat und damit, wie Sandra Maschberger betont, in der Rangordnung noch vor dem Bundeskanzler stehen würde. Durch einen Besuch in der Ukraine sei sie zum Umdenken in Sachen Waffenlieferungen gekommen; „Ich habe auch immer gesagt ‚Frieden schaffen ohne Waffen‘. Das war das Prinzip meiner Generation. Plötzlich mittendrin zu stehen und das zu sehen, hat schon was in mir ausgelöst.“ Deshalb plädiere sie nun für weitere Waffenlieferungen: „Wir müssen jetzt die Unterstützung geben, die wir geben können. Wir können jetzt nicht nachlassen. Aber ich teile die Auffassung, dass wir das gemeinsam mit unseren Partnern machen sollten und nicht alleine.“ 

Darauf angesprochen, wie sie zu Social Media stehen würde, nachdem sich Parteigenosse Kevin Kühnert gerade von Twitter zurückgezogen habe, sagt sie: „Wir Politiker stehen für einen direkten Dialog mit den Bürgern.“ Doch: „Egal, was ich an politischer Botschaft habe, wird ein Kübel Hass ausgekippt.“ Ihre Aufgabe als Bundestagspräsidentin sei es, lebendige Diskussionen wie zwischen Marieluise Beck und Klaus Ernst auch im Parlament zuzulassen, aber bei persönlichen Beleidigungen einzugreifen. Sie möchte allerdings nicht sehen, wenn „Herr Ernst wirklich aufgebracht ist“, sagt sie augenzwinkernd. Warum sie sich in der Lockdown-Zeit, die martialische Serie „Vikings“ zuhause angesehen habe und lieber Stephen King als Hochliteratur lesen würde, möchte Sandra Maischberger zum Abschluss wissen: „Warum so viel Blut?“ Bärbel Bas lakonisch: „Vielleicht muss ich etwas damit kompensieren, was im Parlament stattfindet…“ (Marc Hairapetian)

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